Unisex-Tarife Lasst euch nix aufschwatzen!

An der Litfaßsäule, im Briefkasten, im Anruf vom Versicherungsvertreter: Überall ist die Rede von den neuen Unisex-Tarifen. Die kommen ab dem 21. Dezember. Ist das unanständig? Und wer muss was tun? Johannes Schmid-Johannsen aus der SWR-Wirtschaftsredaktion beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wo wird's für mich als Frau denn billiger?

Erst mal: Automatisch wird’s nicht billiger. Bestehende, alte Verträge bleiben gültig. Und da gibt es eben die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Das heißt auch: Manche Versicherungen werden für Frauen ab dem 21. Dezember teurer. Da lohnt es sich vielleicht, jetzt noch eine zu den alten Bedingungen abzuschließen. Manche Versicherungsbeiträge sind als Unisex-Tarife günstiger.

Wie komm ich als Frau an die niedrigen Beiträge ran?

Ab 21. Dezember sind zum Teil private Krankenversicherungen für Frauen günstiger, Berufsunfähigkeitsschutz kann etwas günstiger sein und auch Beiträge von Frauen zur privaten Rentenversicherung sind wahrscheinlich etwas niedriger.

Vor dem 21. Dezember noch deutlich günstiger sind Frauen-Tarife für die Risikolebensversicherung. Die Risikolebensversicherung brauchst du, wenn du Angehörige (Mann, Kinder, Partner) für den Fall absichern willst, dass du stirbst. Bis Dezember sind diese Versicherungen für Frauen noch günstiger zu bekommen. Dann wird’s erheblich teurer.

Manchmal ist auch die KFZ-Haftpflicht und die Unfallversicherung jetzt noch günstiger. Das hängt aber sehr von der Versicherung ab.

Wie viel teurer wird denn für mich als Frau z.B. eine Risikolebensversicherung?

Zum Teil sehr viel teurer. Bei der Risikolebensversicherung rechnet die Verbraucherzentrale damit, dass die Prämien zwischen 30 und 50 Prozent teurer werden. Im Gegenzug wird's für Männer aber nicht gleich viel günstiger. Die Versicherungen müssen neu kalkulieren, alte Risiko-Berechnungen stimmen nicht mehr. Deshalb wird's unterm Strich wahrscheinlich für alle teurer.

Wenn eine neue Versicherung günstiger ist, kann ich dann auch in die günstigere wechseln?

Nein, so einfach ist das nicht. Dafür muss man meistens den alten Vertrag kündigen. Du solltest aber sehr vorsichtig damit sein, einen alten Vertrag für einen neuen zu kündigen. Denn alte Versicherungen sind oft günstiger, vor allem wenn...

  • man sie schon in jungen Jahren abgeschlossen hat,
  • man schon seit langem Beiträge einbezahlt,
  • der Versicherer das Risiko womöglich beim Abschluss noch kleiner einschätzt hat.

Wer sollte sich denn jetzt dringend drum kümmern?

Alle, die sowieso eine Versicherung suchen. Das sind meistens eher die Jüngeren, also zum Beispiel junge Berufstätige zwischen 20 und 35. Ganz wichtig dabei: Die Versicherungskonzerne nennen die Tarifumstellung eine „Vertriebschance“. Das heißt für uns: Achtung, nichts aufschwatzen lassen! „Die günstigen Unisex-Tarife“ kann auch eine Werbemasche sein. Lasst euch zu nichts drängen! Wenn du eine scheinbar günstige Versicherung angeboten bekommst und der Berater Druck macht, dass du das am besten sofort unterschreiben solltest – dann kann ich nur raten: Gut überlegen, gegenchecken lassen zum Beispiel bei der Verbraucherzentrale oder einem Vergleichsportal im Internet.

Wie sieht es denn bei den Männern aus, wenn es für Frauen meistens teurer wird? Sahnen die dann ab?

Im Augenblick zahlen Männer zum Beispiel mehr für die Kaskoversicherung beim Auto, weil sie statistisch mehr Unfälle bauen als Frauen. Das Argument fällt nun weg. Die Versicherung muss alle gleich behandeln. Viel günstiger wird’s deshalb wahrscheinlich für Männer nicht. Statt dessen zahlen die Frauen einfach mehr.

Trifft hier Männer die Gleichberechtigung also mal wieder doppelt so hart?

Ja, denn auch für die Krankenversicherung oder Zusatzversicherungen für Zahnarzt oder Krankenhaus müssen Männer 10, 20 oder bis zu 35 Prozent mehr bezahlen. Statistisch gehen Frauen häufiger zum Arzt und sind häufiger krank. Das Argument zählt künftig nicht mehr.

Und bei welchen Versicherungen wird’s teurer für die Männer?

Bei Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsversicherungen sind die Beiträge vor dem 21. Dezember schätzungsweise noch um bis zu 30 Prozent günstiger. Männer die eine Berufsunfähigkeitsversicherung haben wollen, sollten sich überlegen, ob das nicht jetzt der richtige Zeitpunkt ist, eine abzuschließen.

Auch die Kapitallebensversicherung wird für uns Männer teurer. Man sollte aber sowieso darüber nachdenken, ob man die braucht. Sie bringt meistens wenig Zinsen und vermischt Risiko und Geldanlage. Davon halten Versicherungsexperten heutzutage nicht mehr viel.

Wenn es unterm Strich für alle teurer wird, was bringt das denn dann?

Grund ist ein Gerichtsurteil, das sinngemäß sagt: „Versicherungskriterien dürfen nicht am Geschlecht fest gemacht werden.“ Unsere Gesetze verbieten die Diskriminierung. Das heißt auch, einfach zu sagen „Frauen bauen weniger Unfälle, also sind sie die besseren Autofahrer, und deshalb zahlen sie niedrigere Beiträge“ geht nicht mehr. Das diskriminiert die Männer. Zumindest theoretisch. Das klingt vielleicht so ein bisschen albern. Aber letztlich hat das Gericht gesagt: „Liebe Versicherer, überlegt euch mal andere statistische Zusammenhänge. Sucht andere Risikogruppen.“ Dem Gericht war’s zu einfach, die Welt in männlich und weiblich zu teilen. Und das ist ganz gut.

Heißt das, in Zukunft könnte sich da nochmal was an den Tarifen tun?

Ich bin mir sicher, die Versicherer werden in den nächsten Jahren die Risiken anders berechnen. Sie finden andere Gruppen, und danach berechnen sie die Tarife. Zum Beispiel könnte der Beruf, die Gegend in der ich wohne, das Gutachten von einem Arzt oder was ich auf Facebook so poste, relevanter werden als mein Geschlecht. Und das ist eigentlich nur fair – auch wenn’s unterm Strich wahrscheinlich für einige teurer wird.