Nach der Tragödie von Roskilde 2000 hat niemand so schnell mit einem neuen Pearl-Jam-Album gerechnet. „Riot Act“ klingt zunächst zurückhaltend, aber beim zweiten Hinhören weiß der Pearl-Jam-Kenner: ein Meisterwerk!
Die Zeit zwischen den Alben ist immer die längste. Zum Glück ist das bei Pearl Jam grade noch auszuhalten. Nach „Binaural“ im Jahr 2000 und ihrer großen Tour durch Europa ist jetzt ihr siebtes Studioalbum erschienen: „Riot Act“. Für das nächste Jahr ist eine weltweite Tour geplant. Nach der Tragödie von Roskilde 2000, bei der neun Festival-Besucher während des Pearl Jam-Konzerts zu Tode getrampelt worden waren, hätte niemand mit einem so schnellen „Comeback“ gerechnet. Eher befürchteten viele, dass sich der introvertierte und sensible Frontman Eddie Vedder ganz vom kommerziellen Musikgeschäft zurückziehen würde.
Insofern passt es auch ganz gut, dass ihr neues Album „Riot Act“ zunächst eher zurückhaltend klingt – nichts Neues, der gute, altbekannte Pearl Jam-Sound. Aber es ist eben Pearl Jam, und nach dem zweiten Abspielen der CD ist klar, dass Pearl Jam mit „Riot Act“ wieder ein Meisterwerk gezaubert haben. Sehr ruhig und trotzdem intensiv in den melodiösen Balladen, politisch in Songs wie „Bushleague“ und insgesamt mit jeder Menge Groove-Rock, ein ungewohnter Sound von der Grunge-Band aus Seattle. Aber genau dieser Groove-Rhythmus macht zum Beispiel „You Are“ zu einem der Highlights des Albums. In „Thumbing my way“ treffen wir den guten alten Eddie Vedder wieder, ganz in seine Musik vertieft, der lonesome Cowboy, wie auf dem im Booklet daneben abgebildeten Foto. Die erste Singleauskopplung von Riot Act ist „I Am Mine“. Eine gute Wahl, denn dieser Song kann problemlos die Nachfolge von „Better Man“ aus dem Vitalogy-Album antreten, einer der erfolgreichsten Pearl Jam-Songs. In alter Manier gerockt wird vor allem mit „Save you“, „Ghost“ und „Cropduster“. Kein Pearl Jam-Album ohne eine Gag-Nummer: im vorletzten Song, „Arc“, hört man eine Minute lang Eddie Vedder in der Rolle eines Gospel-Solisten.
Ganz nebenbei: Wie alle Pearl Jam-CDs ist auch „Riot Act“ stilvoll verpackt. Im Booklet gibt's wie gewohnt coole Fotos und sämtliche Songtexte direkt aus Eddies Schreibmaschine. Alles zusammen in einem glänzenden Pappcover, wie es seit „No Code“ üblich ist. Da kommt billiges „CD brennen“ und „Cover kopieren“ allein aus Prinzip nicht in die Tüte. Und an dieser Stelle sollte es gleich noch ein Prinzip geben: dass Pearl Jam die Zeit zwischen zwei Alben nie zu lang werden lassen.