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INTERVIEW
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13. Juli 2014. Fast das ganze Land feiert den Weltmeistertitel der deutschen Fußballnationalmannschaft. Währenddessen sitzt die 24-jährige Eva in ihrem Stuttgarter Zimmer und merkt, dass etwas nicht mit ihr stimmt. Eva hat Blutkrebs.

Der Moment im Arztzimmer, wenn die Diagnose kommt: Sie haben Krebs, die Überlebenschance ist so und so hoch. Den gab es für Eva nie. „Der kommt nur in Filmen vor. Bei mir war es eher so: Wir haben da was entdeckt und wir müssen gucken, was das ist“, sagt die Stuttgarterin.

In die Krankheit „wächst man so ein bisschen hinein“, sagt sie. Es geht von einem schlimmen Moment zum nächsten schlimmeren, bis man irgendwann dann „in einem Zimmer liegt und realisiert: Das ist jetzt Krebs! Weil: hier liegen lauter Frauen, die haben keine Haare“, erklärt sie.

Bei ihrer ersten Erkrankung war der Schock nicht so groß wie beim zweiten Mal. Damals war sie noch nicht auf eine Stammzellspende angewiesen. Eva nahm die Krankheit an. Es folgte eine Chemotherapie, die mit einer Schwangerschaft vereinbar ist. Eva ist dankbar, dass ihre Familie und ihre Freunde sie nach der Diagnose aufgefangen und sich so für sie engagiert haben. Ihr einziges Ziel während ihrer Erkrankung war immer, ihre Tochter gesund und ohne Folgeschäden auf die Welt zu bringen. Sie schafft es. Nach der Entbindung erhält Eva weitere Bestrahlungen.

Der Schock: Die Leukämie ist noch nicht besiegt!

Doch schon bei der ersten Nachsorgeuntersuchung, ein halbes Jahr später, ist klar: Der Krebs ist noch nicht besiegt. Eine Chemotherapie reicht jetzt nicht mehr aus. Eva ist auf fremde Hilfe angewiesen: Sie braucht eine*n Stammzellspender*in.

Ich wusste einfach, was jetzt auf mich zukommt. Es war einfach erstmal eine Ohnmacht, dass man einfach hofft, dass man einen Spender hat. Bei diesem Gefühl reißt es einem kurz den Boden unter den Füßen weg. Die Medizin ist da, die Chemos gibt's, nur diese Person, die muss eben in der Datenbank sein.

Für jeden, der das durchleben muss ist es eine extreme Zeit, sagt Eva. Die nächsten zwei, drei Monate kommen ihr vor wie Jahre, jeder Tag wie eine Woche. Nach knapp zwei Monaten Wartezeit dann die Glücksnachricht: Eine geeignete Stammzellspenderin für Eva wurde gefunden.

Eva Fidler (links) und Stammzellspenderin Justin (Foto: DKMS)
Eva Fidler (links) und ihre Stammzellspenderin Justin bei einem Treffen in Köln, nachdem Evas Leukämie dank einer Stammzellenspende von Justin besiegt werden konnte. DKMS

Es war so unwirklich! [...] Man will sich auch nicht zu früh freuen, sag ich mal. Das Gefühl war überwältigend.

Am 28. Mai 2015 erhält Eva dann ihre Stammzellspende. Zurück bleiben bei ihr einige Nebenwirkungen der Behandlung, wie eine chronische, leichte Bronchitis, Allergien und Asthma – für Eva aber absolut nebensächlich. Der Krebs ist besiegt.

Wiedersehen mit der Lebensretterin in Stuttgart

2017 wird Eva dann von ihrer Freundin Sarah, ihrer Familie und der DKMS überrascht. In einem Museum, in dem auch nach einer Spenderin für Eva gesucht wurde, trifft sie zum ersten Mal auf Ihre Lebensretterin, Justin.

Ich kam da dann rein und als ich meine Spenderin gesehen habe... Ich hab sofort gewusst: Diese Frau hätte ich erkannt, unter Hunderten. Das ist etwas ganz seltsames, das wurde mir davor auch immer erzählt von anderen Transplantierten, dass man das einfach sieht, spürt.

Nach der Stammzellspende von Justin hat sich Eva aber auch für andere sichtbar verändert. Durch die Spende hat sich zum Beispiel ihre Haarfarbe verändert und sogar ihre Augenfarbe. Und durch die Stammzellspende ist die DNA von Eva jetzt genau deckungsgleich mit der von Justin.

Heute, Jahre nach der Spende, sind Justin und Eva immer noch in Kontakt, besuchen sich hin und wieder, auch wenn das durch die Distanz – Justin lebt an der Ostsee – immer etwas schwierig ist.

Evas Knochenmarkspende ist eine glückliche Verkettung von Zufällen

Das es überhaupt zu der Spende gekommen ist, hat Eva vor allem aber auch Justins älterer Schwester zu verdanken. Diese hatte sich zu ihrem Geburtstag vor Jahren gewünscht, dass sich die ganze Familie typisiert – also in die DKMS-Datenbank aufnehmen lässt. Ohne sie hätte Justin diesen Schritt vielleicht nie gemacht und wenn, vermutlich zu spät, erzählt Eva. Justin war ihre einzige Chance, denn in der kompletten Datenbank der DKMS gab es sonst keine Spenderin, die für Eva gepasst hätte. Wäre es genau andersrum gewesen, also hätte Justin eine Spende von Eva gebraucht, wäre die Geschichte zum damaligen Zeitpunkt vermutlich nicht so positiv ausgegangen.

Ich wäre nicht typisiert gewesen. Mein „gesundes Ich“ war nicht in der Datenbank. […] Wäre meine Justin (Spenderin) krank geworden, ich wäre nicht dagewesen. Und das ist natürlich schon auch ein bisschen belastend, wenn man weiß, man wäre die einzige Chance für diesen Menschen gewesen und deswegen hoffe ich einfach, dass die Menschen, die das jetzt hören, sich einen Ruck geben, sich typisieren und ein gutes Gewissen haben, weil sie wissen: Wenn mein genetischer Zwilling mich braucht, die Chance ist vielleicht gering, aber wenn er mich braucht, dann braucht er nur mich und dann bin ich da.

v.l. Daniel Miersch, Spenderin Justin Wolf mit Baby Till, Eva Fidler mit Tochter Emilia und Mann David bei einem gemeinsamen Treffen der DKMS in Stuttgart. (Foto: DKMS)
v.l. Daniel Miersch, Spenderin Justin Wolf mit Baby Till, Eva Fidler mit Tochter Emilia und Mann David DKMS

Stammzellenspender müssen keine Angst haben

Logo SWR3 (Foto: SWR, SWR)

30 Jahre DKMS Wie werden Stammzellen meistens entnommen?

Dauer

Auch heute kursieren noch viele Gerüchte rund um die Stammzellspende, die vielleicht viele Menschen davon abhalten, sich bei der DKMS zu registrieren zu lassen. Horrorszenarien von Nervenverletzungen, Querschnittslähmungen etc. Dabei wird nur in 20% der Fälle überhaupt Knochenmark entnommen. Und die Risiken bei diesem operativen Eingriff sind sehr gering. Mehr als ein kleiner blauer Fleck in der Beckenregion bleibt von der OP nicht übrig. So war es auch bei Evas Stammzellspenderin Justin, erzählt sie.

In 80% der Fälle verläuft eine Spende ähnlich wie bei einer normalen Blutspende. Diese Art der Stammzellspende nennt man periphere Spende:

Bei der peripheren Stammzellspende wird der Spenderin oder dem Spender Blut abgenommen. Sie oder er bekommt zuvor ein Medikament (Wachstumsfaktor) verabreicht, das die Bildung von Stammzellen im Knochenmark so steigert, dass sie in die Blutbahn übertreten und sich dort anreichern. In einem speziellen Verfahren (Apherese) werden die Stammzellen dann dem Blut entnommen. Hierfür werden zwei venöse Zugänge gelegt. Aus einem tritt das Blut aus und die Stammzellen werden herausgelöst, über den anderen Zugang fließt das Blut wieder in den Körper zurück.

Die DKMS kämpft seit 30 Jahren gegen Leukämie

Am 28.05.1991 wurde die DKMS gegründet. Inzwischen gibt es die Organisation in verschiedenen Ländern wie Deutschland, den USA, Polen, Chile, Großbritannien, Indien und Südafrika und beschäftigt mehr als 1000 Mitarbeiter. Seit der Gründung 1991 haben sich mehr als 10,7 Millionen Menschen bei der DKMS als potenzielle Spender registrieren lassen. Bis heute wurden mehr als 90.000 Spenden durch die DKMS ermöglicht.

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