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Kira Urschinger
Kira Urschinger; Foto: SWR3 / Nadine Luft
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Die Allergie ist selten, gilt aber als besonders gefährlich. Selbst kleine Krümel von Nüssen können eine allergische Reaktion auslösen, die auch bei Kindern tödlich enden kann. Experten raten Eltern, sich mit den Symptomen zu befassen, um im Notfall richtig reagieren zu können.

Kann Spuren von Nüssen oder Erdnüssen enthalten – diese Angabe auf Lebensmittelpackungen kennen wir alle. Für die meisten Menschen ist sie nicht wichtig, für einige aber im schlimmsten Falle überlebensnotwendig. Denn Nüsse (oder andere im Volksmund als Nüsse bezeichnete Früchte) können Allergien auslösen. Zu den Allergieauslösern gehören nämlich auch Kokosnüsse, Mandeln, Pistazien und Pekannüsse, die von Botanikern gar nicht als Nüsse zugeordnet würden – sondern beispielsweise als Früchte, Samen oder Steinfrüchte. Aber egal, wo sie wissenschaftlich eingeordnet werden müssten: Einige Menschen reagieren darauf mit einer Lebensmittelallergie.


Allergie-Wissen: Wichtig für Eltern!

Vor allem Eltern sollten sensibel sein, denn bei Kindern kommt es oft überraschend zu einem sogenannten anaphylaktischen Schock, sagt der Deutsche Allergie- und Asthmaverbund. Der Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. warnt: Am häufigsten gibt es diese starke allergische Reaktion im Kindesalter durch Nahrungsmittel. Als besonders gefährlich führen die Experten Allergien gegen Erdnüsse auf, weil kleinste Mengen für eine allergische Reaktion genügen. Eine anaphylaktische Reaktion setze sehr plötzlich ein und könne innerhalb kurzer Zeit vom Schweregrad 1 (vorwiegend Hautsymptome) zum Grad 4 (Atem- oder Herzstillstand) übergehen, so der Verband. Eine detaillierte Aufschlüsselung der Symptome findest du weiter unten im Text.

Der Münchener Allergologe Johannes Ring von der Haut- und Allergieklinik Biederstein der TU München bemängelt, dass nur etwa ein Drittel der betroffenen Kinder mit Medikamenten für den Notfall ausgestattet seien. Dabei seien viele Kinder zumindest in einem geringen Maße sensibel für Erdnüsse:

Eine Sensibilisierung gegen Erdnuss-Allergene lässt sich in Deutschland inzwischen bei jedem zehnten Kind feststellen.

Frank Friedrichs, Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin

Wichtig: Eine Sensibilität bedeutet noch nicht, dass das Kind eine schwere Allergie hat. Leichte Symptome können Bauchschmerzen sein, Durchfall, Erbrechen, Hautausschläge oder Lippenschwellung – bei starken Allergien aber eben auch die besagten Kreislauf- und Atemnotschocks.

Wie häufig sind Nussallergien?

Die Angaben, wie viele Menschen insgesamt von einer Nussallergie betroffen sind, gehen auseinander. Die European Centre For Allergy Research Foundation liefert eine Erklärung:

In wissenschaftlichen Studien konnte gezeigt werden, dass etwa 1,4 % der europäischen Bevölkerung unter einer Nussallergie leiden. Im Gegensatz dazu stehen Ergebnisse von Studien, bei denen die Studienteilnehmer nicht nach medizinischen Kriterien untersucht, sondern bezüglich ihrer Allergie befragt wurden. Nach eigener Einschätzung sind bis zu 11,7 % der europäischen Bevölkerung von einer Nussallergie betroffen.

Außerdem sei es regional extrem unterschiedlich, welche Form der Nussallergie verbreitet ist:

Die Verbreitung der einzelnen Nussallergien unterscheidet sich stark regional. In Europa reagieren bei den Baumnüssen die meisten Menschen auf Haselnüsse allergisch, während in den U.S.A. bei den Baumnüssen besonders Walnüsse und Cashewnüsse allergische Reaktionen hervorrufen. International führen Mandeln, Paranüsse, Cashewnüsse, Haselnüsse, Macadamianüsse, Pekannüsse, Pistazien und Walnüsse am häufigsten zu allergischen Reaktionen.

Immerhin: Die meisten Allergiker reagieren nicht auf alle Nüsse, sondern auf einzelne Sorten. Das liegt daran, dass die Eiweiße, auf die der Körper reagiert, bei den einzelnen (echten oder unechten) Nüssen unterschiedlich aufgebaut sind. Wer keine Haselnüsse essen darf, muss also nicht auf Pistazien reagieren.

Allergiker müssen dauernd Zutatenlisten lesen

Grundsätzlich warnen Experten vor Panik. Tatsache ist aber, dass die allergische Reaktion bei einer Nussallergie drastische Folgen haben kann. Dass sie als eine der gefährlichsten Allergien überhaupt gilt, kann Betroffene und Angehörige ängstigen und verunsichern. Insbesondere für Eltern mit allergischen Kindern ist es oft ein Spießrutenlauf. Deshalb ist es besonders wichtig, sich Beratung einzuholen und ausführlich mit Ärzten zu sprechen.

Die Angst vor versehentlichem Verzehr von Allergie auslösenden Nahrungsmitteln begleitet diese Kinder in der Schule und in der Freizeit.

Frank Friedrichs, Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin


Kitkat; Foto: dpa

Vorsicht bei Schokoriegeln – dasselbe Produkt kann in unterschiedlichen Verpackungsgrößen einmal Nüsse enthalten und einmal nicht.

dpa

Das Fiese: Spuren von Nüssen sind oft in Lebensmitteln, in denen man es eigentlich gar nicht erwartet. In Wurstwaren, Brotaufstrichen, Käse, Joghurt, Salatsoßen, Eis oder auch in Würzmitteln wie Curry zum Beispiel. Damit muss man sich erstmal auseinandersetzen. Für Betroffene oder Eltern von betroffenen Kindern heißt das: schlau machen und regelmäßig Zutatenlisten studieren.

Aber auch da gibt es fiese Fallen: Im Schokoriegel Kitkat Single sind keine Spuren von Nüssen oder Erdnüssen enthalten. In der Übersichtsliste des Herstellers sieht man zwei Spalten darunter: Im Kitkat Singles Multipack – also, der gleiche Riegel, nur in einer Packung mit mehreren drin – hat die Warnung in der Zutatenliste abgedruckt: Kann Spuren von Erdnüssen und Nüssen enthalten.

Das steckt hinter der Nussallergie

Die Allergie wird ausgelöst durch eine Unverträglichkeit des Eiweißes. Der Körper der betroffenen Leute erkennt nämlich das Eiweiß nicht als reinen Nährstoff, sondern empfindet ihn als Eindringling, als Feind. Deshalb werden bestimmte Botenstoffe ausgeschüttet, die ihn bekämpfen: Histamin. Dieser Stoff löst Brennen im Mund und im Rachen aus, wenn es sich um eine leichte Allergie handelt. Bei schweren Unverträglichkeiten kommt es zu starkem Ausschlag an unterschiedlichen Körperstellen und sogar zu Atemnot.

Das Gefährliche: Es genügen schon kleinste Mengen, um diese Allergie auszulösen. Das ist der Grund, warum in Restaurants auf Speisekarten oft ausgeschrieben wird, wenn Nüsse im Essen enthalten sind. Auf der Packung von Lebensmitteln, die wir im Supermarkt kaufen, ist die Deklaration Pflicht.

Nüsse in der Schwangerschaft – ja oder nein?

Es gab über die Jahre widersprüchliche Studien, ob es gut oder schlecht ist, wenn Kleinkinder möglichst früh Nüsse zu essen bekommen, um einer Allergie vorzubeugen. Heute lautet die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Nüsse in der Schwangerschaft gehörten zur ausgewogenen Ernährung dazu. Auch der Allergieinformationsdienst resümiert:

In der LEAP-Studie zur Erdnussallergie an Kleinkindern mit bestehender Neurodermitis und/ oder Eiallergie zeigte sich, dass mehr als 13 Prozent der Kinder, die Erdnüsse mieden, später eine Erdnussallergie entwickelten. Kinder, die Erdnüsse aßen, waren mit etwa zwei Prozent deutlich weniger betroffen.

Das Barcelona Insitute For Global Health stellte in einer aktuellen Studie fest, dass es sogar positive Effekte auf die Entwicklung des Gehirns des Kindes haben könne, wenn die Mutter bereits in der Schwangerschaft Nüsse zu sich nimmt. Das Kind würde intelligenter und könne ein besseres Gedächtnis entwickeln.

So erkennst du eine allergische Reaktion

Auf der Website des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) gibt es einen Überblick:

GradHautreaktionenMagen-Darm-TraktAtemwegeHerz-Kreislauf-System
1Juckreiz, Hautausschlag, Quaddeln, Hautschwellung
2Juckreiz, Hautausschlag, Quaddeln, HautschwellungÜbelkeit, Krämpfe, Erbrechenlaufende Nase, Heiserkeit, Atemnothoher Puls, Blutdruck, Herzrhythmusstörungen
3Juckreiz, Hautausschlag, Quaddeln, HautschwellungErbrechen, Durchfall, Blähungen, StuhlgangKehlkopfschwellung, Atemwegskrämpfe, blaugefärbte Haut und SchleimhäuteSchock: Minderdurchblutung der Organe, Kreislaufversagen, Bewusstlosigkeit
4Juckreiz, Hautausschlag, Quaddeln, HautschwellungErbrechen, Durchfall, Blähungen, StuhlgangAtemstillstandKreislaufstillstand

So findest du heraus, ob du oder dein Kind eine Allergie haben

Wenn du das Gefühl hast, dass du selbst oder jemand aus deinem Umfeld unter genannten Symptomen leidet, ist der Gang zum Arzt unbedingt empfehlenswert. Er kann das Blut untersuchen. Es gibt auch sogenannte Prick-Tests, mit denen man den Auslöser der Beschwerden genauer finden kann.

Hier gibt es einen Überblick zu gängigen Allergie-Tests

Das kannst du als Betroffener oder Angehöriger im Notfall tun

Bei einer starken allergischen Reaktion mit Atemnot ist schnelle Hilfe geboten. Denn das kann wirklich gefährlich werden. Deshalb solltest du als Allergiker folgende Regeln beachten:

  • Unbedingt den Notfall vorab mit einem Arzt besprechen und genau durchgehen.
  • Notfallset – das wird vom Arzt verschrieben – immer und überall dabei haben. Dieses Set enthält einen Adrenalinautoinjektor, ein Kortikosteroid (flüssig oder in Tablettenform) und ein Antihistaminikum (flüssig oder in Tablettenform).
  • Wenn Symptome auftreten, sollte die mit einem Mediziner vorab besprochene Dosis sofort eingenommen werden.

Insbesondere bei Kindern sollte auch das erweiterte Umfeld informiert werden: Die Lehrer beispielsweise oder auch die Eltern von Mitschülern, wenn das Kind mal bei einem Kindergeburtstag ist.

Experten raten außerdem dazu, Mitmenschen – Freunde oder die Familie – zu schulen, damit sie im Ernstfall Symptome erkennen und handeln können.

Gibt es eine Therapie gegen die Nussallergie?

Eine Therapie wie bei Heuschnupfen oder Wespenstich-Allergien gibt es bei der Nussallergie im Moment nicht. Den Betroffenen bleibt nichts anderes übrig, als auf die Lebensmittel zu verzichten.

Während erste experimentelle Studien zeigten, dass bei Erdnussallergien eine orale Immuntherapie zur Hyposensibilisierung in der Zukunft möglich werden könnte, gibt es diese Hinweise bei Allergien gegen Baumnüsse bislang nicht.

European Centre For Allergy Research Foundation

Anders als andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Milch- oder Hühnerei-Allergie heilen sie fast nie spontan und von alleine wieder aus. Experten geben den Tipp, sich von einem qualifizierten Ernährungsberater begleiten zu lassen, um herauszufinden, wie eine Ernährungsumstellung möglichst gut funktionieren kann.

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