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Überfordert, überlastet, ausgebrannt. Wie dramatisch der Pflegenotstand ist, zeigt eine bewegende Aktion bei Twitter. Seit Tagen erzählen Pfleger hier, wie hart ihr Alltag wirklich aussieht – ungeschönt, emotional, knallhart! Der Auslöser war ein Tweet von einem Politiker, aber die Aktion hat sich längst verselbstständigt.

Pflegekräfte packen aus

Selten war eine Diskussion auf Twitter so emotional wie diese. Tausende Menschen beteiligen sich, berichten aus ihrem Alltag in Altenheimen, im Pflegedienst, in Krankenhäusern. Seit zwei Wochen kommen ständig neue Tweets dazu, die Diskussion scheint nicht abzubrechen. Einige User schreiben, sie hätten sich allein wegen dieses Hashtags bei Twitter angemeldet – #TwitternWieRueddel.

Pflegerin erzählt von ihrem Alltag; Foto: Screenshot Twitter
Screenshot Twitter

Die Tweets geben kleine Einblicke in das Alltagsgeschäft von Pflegekräften, bewegende Geschichten in 280 Zeichen – ungeschönt, ehrlich und oft ganz schön bissig.

Der weinenden Mutter, deren Kind gerade Leukämie diagnostiziert bekommen hat, im Vorbeirennen, den Arm zu tätscheln, weil du allein für 12 andere schwer kranke Kinder zuständig bist. Aber hey: ich habe sie getröstet! So erfüllend!

Tschudith


Als Pflegefachkraft bewegst Du 120kg-Menschen komplett alleine! In keinem anderen Beruf darfst Du so viel heben! Geh in die Pflege, es ist so toll für die eigene Gesundheit!

Pflegekatze

Politiker-Aufforderung ging nach hinten los

Der Anlass für all diese Geschichten: Der CDU-Politker Erwin Rüddel hat auf Twitter seine Meinung über Pflegekräfte verbreitet – er schrieb, dass deren Job großartig sei und Pfleger zu oft schlecht darüber reden würden. Sprecht positiver darüber, dann wird der Ruf der Pflege auch wieder besser, so die Grundidee.

Erwin Rüddel Tweet; Foto: Screenshot Twitter
Screenshot Twitter

Bitte kein Mitleid für Pflegekräfte!

Das hat nicht so richtig funktioniert. Er bekam sofort ordentlich Gegenwind von Pflegerinnen und Pflegern auf Twitter, die eben genau nicht sagen wollen, wie toll ihr Job ist – sondern davon erzählen, wie hart es sie im Berufsalltag oft trifft. Viele betonen, dass es nicht um Mitleid geht, sondern um gesellschaftliche Verantwortung. Und um die Tatsache, dass viele von uns einmal auf die Pflegekräfte angewiesen sein werden.

Tweet von einer Pflegerin; Foto: Screenshot Twitter
Screenshot Twitter

CDU-Politiker Erwin Rüddel erklärt sich

Viele der Tweets sind böse und ironisch, kehren die Aufforderung, positiver über den Berufsstand zu erzählen, komplett um. Damit hat Rüddel so vermutlich nicht gerechnet. Auf Facebook hat er kurz darauf versucht, seine Äußerung zu erklären.

Mein Tweet sollte keine Anschuldigung gegenüber den Pflegekräften sein, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass wir den Herausforderungen in der Pflege nur gemeinsam begegnen können.

Erwin Rüddel

Aber der Auslöser der Aktion ist längst nicht mehr im Mittelpunkt. Es geht nicht mehr nur um einen Politiker, der etwas getwittert hat und dafür einen Shitstorm kassiert. Die Menschen nutzen den Hashtag, um Einblicke in die schwierigsten Momente in ihrem Job zu geben. Und um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Tweet zum Pflegenotstand; Foto: Screenshot Twitter
Screenshot Twitter

Deutliche Kritik an den Arbeitgebern

Neben den persönlichen Erlebnissen und den Herausforderungen des Alltags wird deutlich, dass viele Pflegekräfte das Gefühl haben, dass niemand sie wertschätzt. Es wird auch viel Kritik an den Arbeitgebern laut.

Wie ich abgemahnt wurde, als ich in der 17. Nacht, schlotternd vor Kälte und Müdigkeit einen OP Mantel trug! 'Frieren? Arbeiten Sie sich gefälligst warm!' #pflege in Grosskliniken weiß um Bedürfnisse! #twitterwierueddel

Monja Eszeha

Dabei geht es um Arbeitskonditionen und die Grenzen der Belastbarkeit – aber vor allem geht es auch um die Würde aller Beteiligten.

Tweet zur Würde von Pflegern; Foto: Screenshot Twitter
Screenshot Twitter

#TwitternWieRueddel berührt viele Außenstehende

Das kommt an. Viele Leute, die eigentlich gar nichts mit dem Pflegeberuf zutun haben, beteiligen sich an der Diskussion.

Ich hab eben eine ganze Weile #twitternwierueddel gelesen und bin schockiert. Ich folge vielen Leuten aus der Pflege wegen der Geschichten, dem Humor. Aber die ganze geballte Scheißigkeit zu lesen ist der pure Wahnsinn. Ich bin sprachlos und entsetzt. #Pflegenotstand

Avarua


Reaktionen auf unserer Facebook-Seite

Die Diskussion geht weiter, auch bei SWR3 auf Facebook und auf Twitter. Dort haben uns viele Messages erreicht, die vor allem eines ausdrücken wollen: Einen großen Dank und Respekt für alle Pflegekräfte.

Höchsten Respekt vor den Pfleger*innen, dass sie diesen Beruf unter diesen Umständen überhaupt ausüben!

Bine

ICH HABEN DEN GRÖSSTEN RESPEKT VOR JEDEN DER DIESEN BERUF GEWÄHLT HAT!

Holger




Autor
Kira Urschinger
Autor
SWR3