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Sobald Kinder im Spiel sind, verändert sich meist das Zusammenleben und damit auch die Beziehung zweier Menschen. Aus einem Paar werden Eltern. Und da kann es ordentlich krachen. Warum das so ist und wie man es von Anfang an richtig macht, weiß Paarberater Christian Thiel.

Warum dreht sich heute alles ums Kind?

Single- und Partnerschaftsberater Christian Thiel; Foto: Buddy Bartelsen

Single- und Partnerschaftsberater Christian Thiel

Buddy Bartelsen

Wir wollen anscheinend wieder etwas gut machen. Die Eltern haben sich vielleicht nicht gut genug um einen gekümmert und dann sagt sich die Frau: 'Ich werde mich um meine eigenen Kinder ganz doll kümmern' und das wird dann auch als Lebensaufgabe gesehen. Es wird sich rund um die Uhr um die Bedürfnisse des Kindes gekümmert. Die Soziolegen sehen das etwas kritisch. Sie stellen nämlich fest, dass heute ein Kind genauso viel Arbeit macht wie vor fünfzig Jahren drei Kinder und vor hundert Jahren fünf Kinder. Die Kinder sind mit der großen Fürsorge der Eltern überlastet, es ist zu viel. Das sagen auch die Erziehungsexperten. Trotzdem werden wir die Menschen nicht davon abhalten, sich so auf ihre Kinder zu konzentrieren. Aber wir können ihnen sagen, was richtig ist und was falsch. Es ist richtig, sich um Kinder zu kümmern. Es ist falsch, sie zu vernachlässigen. Das Gleiche gilt für die Partnerschaft. Es ist richtig, sich um den Partner oder die Partnerin zu kümmern und es ist vollständig falsch, sie zu vernachlässigen – auch wenn man Kinder hat.

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Warum ist es so schwierig?

Das, was passiert, wenn ein Kind auf die Welt kommt, ist so überwältigend und einzigartig und so ein dramatischer Einbruch für das Leben der Eltern. Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Es ist gar nicht möglich. Man muss rund um die Uhr präsent sein, man muss rund um die Uhr sich kümmern. Das bedeutet eine Dramatik und auch ein Verantwortungsgefühl für die Eltern, welches sie in dieser Form vorher nicht kannten. Viele starten mit 15 Jahren ins Thema Partnerschaft und in die Liebe und mit 35 kommt dann das Kind. Viele haben zwanzig Jahre Partnerschaft hinter sich und jetzt kommt diese einzigartige Bindung an das Kind – das erleben sie dann auch als was ganz Besonderes. Der Stress kommt natürlich noch hinzu. Ein Kind löst unglaublich viel Stress aus, für beide Beteiligte.

Wie macht man es von Anfang an richtig?

Paare sollten sich von Anfang an Zeit füreinander nehmen. Das Wichtigste an Zeit füreinander ist, sich die Frage zu stellen: 'Wie geht es dir, wie geht es mir?' Sich darüber unterhalten, wie sie sich fühlen, wie ihr Tag war, sich austauschen, das ist das Allerwichtigste. Das Zweite ist: Man muss sich weiterhin nahe sein, also nicht, wir kümmern uns jetzt beide um das Kind, sondern wir kümmern uns auch umeinander. Wenn sie nur kuscheln, dann kuscheln sie nur. Das ist völlig in Ordnung. Denn die erotischen Bedürfnisse lassen oft nach, wenn ein Kind da ist – jedenfalls für eine Weile. Sich gar nicht mehr dem Anderen zuzuwenden ist sehr gefährlich. Wir brauchen zumindest noch die zärtliche Zuwendung um zu merken: 'Ja, wir sind noch in einer stabilen Partnerschaft'. Und nicht nur: 'Wir umsorgen jetzt beide ein Kind und das war es'.

Keine Lust mehr auf Sex? Schuld sind die Hormone!

War es früher einfacher für Frauen?

Frauen sind heute sehr auf sich alleine gestellt, wenn sie ein Kind haben. Das hat es historisch so nie gegeben. Da waren immer noch die Großmütter, die Tanten, es waren immer eine Vielzahl von Frauen da, die der Frau, die gerade ein Kind bekommen hat, geholfen haben über eine lange Zeit.

Heute steht eine Frau meist alleine da und der Mann wundert sich, warum sie gestresst ist. Ich wundere mich nicht.

Natürlich ist sie gestresst, es muss für Entlastung gesorgt werden. Der Mann muss dafür sorgen, dass der Haushalt läuft. Dann kann sie entspannen und dann kann man darüber reden, dass man zum Kuscheln übergehen kann.

Bringt es etwas, Verträge abzuschließen?

Verträge kann man nicht schließen in diesem Bereich, weil niemand von uns weiß, was mit ihm passiert, wenn er Kinder bekommt. Niemand weiß, wie er reagieren wird. Wir können das nicht wissen, weil wir es noch nie erlebt haben. Aber man kann Vorsätze fassen. Man kann Unterstützung organisieren. Das ist das Allerwichtigste. Junge Paare mit kleinen Kindern brauchen Unterstützung. Und sich die von Anfang zu organisieren, zu überlegen, wer kann was machen, wer kann uns entlasten, ist ganz wichtig. Was auch noch ganz wichtig ist: Sie sind als Paar sehr viel weniger gestresst, wenn ihnen klar ist: Ordnung in der Wohnung ist ne tolle Sache und Sauberkeit auch, aber ist das wirklich wichtig? Paare mit kleinen Kindern neigen heute dazu weniger sauber zu machen und für weniger Ordnung zu sorgen als früher und das halte ich für genau richtig. Das haben die Generationen vor uns ganz anders gemacht. Vor fünfzig Jahren war es das Wichtigste, dass die Wohnung geputzt ist und dann kamen die Kinder. Heute ist es umgekehrt und das ist ein riesen Fortschritt.

So viele trennen sich gar nicht

Wir sollten es nicht dramatisieren. Natürlich gehen Paare auseinander. Soweit ich das in Erinnerung habe, wachsen aber 60-70 Prozent der unter 16-Jährigen bei beiden Eltern auf. Die Zahl derer, die sich trennen, ist verglichen mit früheren Zeiten viel viel höher, weil heute eine Scheidung legitim ist, aber sie ist auch nicht unendlich groß. Also nicht so, wie wir oft denken, dass die Hälfte oder zwei Drittel der Kinder ein Elternteil verlieren, das ist nicht der Fall. Wenn ein Paar sich entscheidet Kinder zu haben, dann ist der Wille zusammen zu bleiben, groß. Die Bereitschaft 'wir wollen zusammen bleiben' ist eine Chance, weil wenn ein Paar wirklich zusammen bleiben will, dann findet es auch in der Krise eher einen Weg, als ein Paar, das sich sagt: 'Na ja, gehen wir halt auseinander. Nicht so schlimm.'

Tipp für die Erotik

Verabreden sie sich bitte zum Sex. Das ist ein Gedankengang, der den meisten Paaren völlig widerstrebt. Warum soll ich mich verabreden? Sex habe ich, wenn ich Lust dazu habe.

Lust auf Sex hat niemand, der völlig übermüdet ist!

Paar kuschelt im Bett; Foto: merla / Fotolia.com
merla / Fotolia.com

Das heißt: Es ist biologisch unmöglich. Das ist vielen aber nicht klar. Sie glauben dann: Na ja, wenn ich jetzt keine Lust habe, dann gibt es eben keinen Sex. Verabreden zum Sex heißt: Wir verabreden uns und wir kuscheln. Wie weit es geht, ist nicht festgelegt. Niemand muss sich überwinden. Es ist nur so: Wenn sie sich nackt aneinander kuscheln und wenn sie sich anfangen zu streicheln, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass erotische Gefühle entstehen, irgendwo zwischen 95 und 99 Prozent. Das ist die Erfahrung von Paaren bei mir in der Beratung und auch von vielen Kolleginnen und Kollegen. Die sagen alle das gleiche. Wir raten den Paaren sich zum Kuscheln oder zum Sex zu verabreden und wenn man dann fragt: 'Und, wie oft kommt es wirklich zum Sex?' lautet die Antwort: 'Fast immer!' Das haben wir aber nicht so auf dem Radar, weil wir es halt gewohnt waren, schon zehn, zwanzig Jahre lang, dass wir nur dann Sex hatten, wenn wir spontane, erotische Impulse hatten. Die haben wir nicht, wenn wir übermüdet sind. Das ist ja nicht nur bei Paaren mit kleinen Kindern so. Das ist auch so, wenn es sehr viel Stress im Beruf gibt, dass tatsächlich die Erotik nicht mehr da ist, die erotischen Gefühle nicht mehr da sind. Da ist der Standard-Rat immer wieder dieser: Bitte verabreden sie sich! Mir reicht es vollständig, wenn sich beide gerne am Ende des Tages aneinander kuscheln. Die Nähe des Anderen spüren. Das alleine ist schon eine wichtige Hilfe für ein Paar zusammen zu bleiben.

Worüber klagen die Männer?

Frauen können unglaublich unhöflich sein und kriegen dann natürlich nicht das, was sie wollen. Denn Unhöflichkeit führt zu einer unhöflichen Reaktion. Also meckern, nörgeln, schimpfen, laufende Kritik bis hin zu geworfenen Türen und Ausrastern – das alles führt natürlich dazu, dass die Frau nicht bekommt, was sie will. Es kann ja sein, dass sie mit ihren Wünschen und Bedürfnissen völlig im Recht sind und es auch völlig in Ordnung ist, wenn sie die durchsetzen wollen. Nur eben nicht mit Gewalt. Die sollte man in Partnerschaften definitiv nicht anwenden, weil wir damit unsere Partnerschaft massiv gefährden.  

Welche Extremsituationen erleben Paare?

Heute sind es nicht mehr nur die geworfenen Türen. Heute wirft Frau zwar auch die Tür zu, aber holt dann nach fünf Minuten im aufgebrachten Zustand das Smartphone raus. Weil sie so schrecklich wütend ist, beschimpft sie ihren Mann, beleidigt ihn und das in einer Tonart, in der Menschen nicht miteinander umgehen sollten. Im blödesten Fall trennt sie sich mit der Nachricht von ihm. Diese Eskalation ist wirklich schlimm! Ich arbeite sehr häufig mit Frauen an dieser heftigen Art ihre Bedürfnisse vorzutragen. Denn Männer verstehen das nicht und fühlen sich verständlicherweise von den Frauen angegriffen.

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Gewisser Schlag Mensch tut sich am Schwersten

Je gebildeter die Paare, desto schlimmer ist es. Weil wenn sie gebildet sind, haben sie gelernt zu diskutieren. Dann haben sie gelernt, dass sie im Recht sind. Also wenn sie Betriebswirtschaftlerin ist und er ist Arzt, dann sind beide immer im Recht. Der Arzt ist immer im Recht und die Betriebswirtschaftlerin auch. Wenn die eine Partnerschaft eingehen, gibt es heute manchmal leider das vollständige Chaos, weil beide nicht auf die Wünsche und Bedürfnisse des anderen eingehen. Weil beide nur sagen, was richtig oder falsch ist und damit gerät jede Partnerschaft, egal ob mit oder ohne Kind zwangsläufig in ein Chaos.

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Beziehungskiller Kind; Foto: didesign / fotolia.com
47:44

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SWR3