Stand:

Steffi und Helge haben sich in einer Swinger- und Fetisch-Community im Internet kennengelernt und waren eineinhalb Jahre zusammen. Sabrina Kemmer hat mit ihnen über Intimität, Eifersucht und ihre Kinder gesprochen.

Sabrina Kemmer: Wie habt ihr euch kennengelernt?

Steffi: Wir haben uns über eine Swinger-, Fetisch-, Sex-Community im Internet kennengelernt.

Helge: Auf der Plattform kann man Interessen angeben und Vorlieben und eine Art der Beziehungsform, ob man zum Beispiel single ist oder polyamor lebt oder eine offene Beziehung führt. Da haben wir uns kennengelernt. Steffi hatte als Standort Kiel angegeben, weil sie dort einen Freund besuchte, den ich auch kenne und dann habe ich sie angeschrieben.

Und jetzt seid ihr aber getrennt und versteht euch immer noch gut. Was ist denn der Unterschied zwischen Polyamorie und einer offenen Beziehung?

Steffi: Ich war der polyamore Part in unserer Beziehung und ich definiere es so, dass das Menschen sind, die anders fühlen. Wenn ich eine offene Beziehung habe, dann habe ich eine feste Beziehung, ich habe aber viele verschiedene Sexpartner. Das könnte man als polygam bezeichnen: Mit meinen Gefühlen bin ich bei meinem Partner, ich kann das zwar immer genießen, dass ich außerhalb Sex habe, aber ich investiere keine Gefühle. Und bei mir persönlich ist es schon immer so gewesen, dass ich schon immer mehrere Menschen auf einmal geliebt habe. In der Gesellschaft mit solchen Gefühlen aufzuwachsen ist ein großes Problem, weil es einfach keiner versteht. Wenn man polyamor ist, bedeutet das, dass das Herz offen ist und dein Partner deine Gefühle zu jemand anders nicht einschränkt. Das sind Einschränkungen, die ich persönlich auch nicht mehr bereit bin einzugehen. Ich kann nichts für meine Gefühle und ich muss es meinem Partner auch sagen können ohne, dass er sich dadurch verletzt fühlt.

Wie haben die Leute denn reagiert, wenn du gesagt hast, dass du polyamor bist?

Steffi und Helge küssen sich; Foto: privat
privat

Steffi: Als ich meiner Schwester vor vier Jahren davon erzählt habe und erklärt habe, wie ich leben möchte, meinte sie, dass ich krank bin und niemals jemanden finden würde, der auf diese Weise mit mir leben wollen würde. Ich habe mein Leben lang immer versucht, monogame Beziehungen zu führen. Weil die meisten Männer das wollen. Und wenn man verliebt ist und man dem Partner plötzlich sagt „ich bin eigentlich polygam, aber ich probier's für dich“, macht das das ganze Leben kaputt. Man kann nicht jemand sein, der man nicht ist. Aber in einer monogamen Beziehung den richtigen Zeitpunkt zu finden, wann man sich dem Partner öffnet und sagt „ich kann so nicht weitermachen, ich bin an einem Punkt, wo ich gern andere haben möchte und ich habe jemanden kennengelernt, für den ich etwas empfinde“ – das ist erstmal schwierig.

„Eigentlich ist es total anstrengend, mehrere Partner gleichzeitig zu haben“

Was denkst du denn über Monogamie?

Steffi: Ich hatte ein oder zwei monogame Beziehungen, in denen ich auch richtig glücklich war, aber im Endeffekt habe ich nicht so eine gute Meinung von Monogamie. Ich finde, dass monogame Menschen zu viele Kompromisse eingehen müssen, dass sie sich zu sehr in ihrer Freiheit und mit ihren Gefühlen einschränken lassen. Meiner Meinung nach reden die Menschen auch häufig nicht offen und ehrlich miteinander, das fehlt einfach in den meisten Beziehungen. Es ist ja auch einfach zu sagen „ich hab' nichts, mir geht's gut“ oder „ich war auf einer Party, aber da lief nichts“ oder „ich habe dem nicht auf den Arsch geguckt“. Und das ist glaube ich auch die große Krankheit unserer Zeit. Dass wir Menschen auch so erzogen werden in dieser Gesellschaft, dass wir nicht mehr ehrlich sein können und dem vertrauen, was wir fühlen.

Comedian Kaya Yanar ist von monogamen Beziehungen überzeugt

Aber ist es nicht total schwierig und anstrengend viele verschiedene Partner zu haben?

Helge: Ja total! Als ich das in meinem Freundeskreis erzählt habe, war die Reaktion vor allem bei den Männern erstmal so: „Ist doch super! Und dann kannst du auch mit anderen Frauen schlafen und rumknutschen?“ Ja klar. „Ach, das finde ich ja klasse, dass du das darfst. Und deine Freundin auch?“ Ja, die auch. „Achso. Nein, das könnte ich nicht.“ Also die Männer würden sich das auch immer gern rausnehmen rumzuknutschen oder rumzuvögeln, aber umgekehrt ist es für sie überhaupt nicht denkbar.

Wie war denn dein Beziehungsstatus, als du Steffi kennengelernt hast? Wonach hast du gesucht?

Helge: Ich habe immer nach einer Beziehung gesucht. Ich weiß, dass ich nicht monogam leben kann, war lange single, habe mich im sexuellen Geschehen verloren, habe viel ausprobiert. Und dann kam irgendwann die Idee, dass ich mal in einen Swingerclub gehen möchte. Da hatte ich einen Bericht im Fernsehen drüber gesehen. Viele haben ja die Vorstellung, dass da nur dicke Menschen rumlaufen, die sich noch in einen String Tanga reinzwingen und so. Aber das ist gar nicht so, es ist eine relativ junge Szene. Da ist der Banker von nebenan, der da in seinem Netz-Shirt rumläuft oder so. Dass ich mal zu so einer Party hin will, hatte ich dann meiner damaligen Freundin erzählt und das hat am Ende auch unsere Beziehung gekillt. Weil sie gekränkt war und dachte, dass sie nicht reicht. Ich hätte da natürlich auch heimlich hingehen können mit einem Kumpel, wollte ich aber nicht. Das ist eben diese Diskrepanz, wenn man in einer monogamen Beziehung ist und plötzlich mit anderen Vorstellungen ankommt und in meinem Fall war das dann eben auch das Ende der Beziehung.

Kann man sowas denn schon am Anfang der Beziehung klären?

Steffi: Ich sage es immer direkt und lasse mich auch nicht mehr auf irgendeine Verliebtheit ein, wenn ich mich dafür verstellen muss.

Helge: Das klappt natürlich nicht immer, manchmal ergibt es sich auch erst während der Beziehung, dass der andere mit der Situation plötzlich nicht mehr leben kann. Das weiß man manchmal nicht vorher.

„Es ist ein absolutes Geschenk, wenn der Partner dir die Freiheit gibt, deine Gefühle auszuleben“

Wie war das denn als ihr zusammen wart?

Steffi: Also wir haben die erste Zeit lang monogam gelebt. Da haben wir erst mal viel Zeit als Familie verbracht mit seinen und meinen Kindern und ein richtiges Familienleben aufgebaut. Dass man dann zusammen auf Partys gegangen ist, kam erst nach drei, vier Monaten. Und dann waren wir zusammen auf einer Fetisch-Party. Das war auch erst mal alles ganz nice.

Helge: Wir waren dann zum ersten mal zusammen im Urlaub in Griechenland auf einer Hochzeit. Und da war ein Freund von mir, den Steffi direkt gut fand.

Steffi: Und dann war ich mit dem Freund zusammen essen und ich fand den so toll, dass ich zu Helge gesagt habe, er muss ihm jetzt irgendwie mitteilen, dass es für ihn auch okay ist, dass ich den gut finde. Wir haben dann zusammen einen Text von Helges Handy an den Freund geschickt, worin stand, dass ich anders bin und dass es für ihn okay ist und dann war Helge plötzlich total aufgeregt, nachdem die SMS raus war.

Helge: Es war mir immer wichtig, dass ich die Leute, die Steffi gut findet, auch mochte. Und das war bei ihm der Fall. Das war schon komisch für mich, aber wir konnten das schnell klären und dann war es auch wirklich okay für mich und eher wie so ein Spielchen.

Pärchenfoto von Steffi und Helge; Foto: privat
privat

Steffi: Es ist ein absolutes Geschenk, wenn der Partner dir diese Erlaubnis gibt, frei zu sein. Dass man so frei sein kann zu fühlen und zu denken, wie man will. Und das macht unheimlich glücklich.

Helge: Aber diese Freiheit kann man auch nur geben, wenn man weiß, dass die andere Person emotional trotzdem bei mir ist. Also sie teilt das mit mir, sie ist ehrlich, aber sie nimmt gleichzeitig auch meine Hand und entfernt sich nicht von mir. Sie dreht mir nicht den Rücken zu, wir gehen in die gleiche Richtung miteinander.

Steffi: Ich habe mich in der Zeit auch einmal furchtbar in jemand anders verliebt, mit dem ich dann auch ein paar Monate richtig zusammen war. Und das war mir auch sehr wichtig, dass Helge ihn kennenlernt. Wir hatten ja auch diese große räumliche Trennung – ich habe in Heidelberg gelebt, er in Kiel. Und für ihn war das natürlich schon komisch, mich zu einem anderen gehen zu lassen, in den ich auch verliebt war.

Hattest du Angst, Steffi zu verlieren?

Helge: Nein, eigentlich nicht. Natürlich war ich auch eifersüchtig, wenn man weiß, dass man so weit weg ist und sie erst in vierzehn Tagen oder so wiedersieht. Und dann kommt noch hinzu, dass es ein wildfremder Mann war, den ich ja auch nicht kannte und sie war in ihn verliebt und sie hat ihn gedatet.

Hat es wehgetan, wenn sie von ihm erzählt hat oder dir Bilder von ihm geschickt hat?

Helge: Nee, hat es nicht. Wir haben uns immer Bilder geschickt, ich habe ihr auch Fotos von Frauen geschickt, die ich kennengelernt habe. Damit man was Visuelles hat.

Steffi: Das ist eben diese Vertrauensbasis, die man schafft. Es war ganz normal, dass wir uns Bilder geschickt haben oder Sprachnachrichten, damit der andere Bescheid weiß. Das ist wiederum der Unterschied zu offenen Beziehungen: In einer offenen Beziehung kennt der andere die Sexbekanntschaften nicht. Aber für uns war das immer ganz wichtig. Für mich war es auch immer schwierig, wenn Helge andere Frauen hatte. Als Mann ist es nicht leicht fürs Ego, aber für Frauen die Dritte zu sein ist schwierig, weil sie denken, sie werden nicht genug geliebt.

Liebe und Sex nur mit einer Person – ist das normal? Das sagt die Wissenschaft dazu!

„Es ist ein kurzer Schock, wenn man hört, was mit einer anderen war, aber dann geht's wieder“

Wie ist es denn, wenn man jemand anders kennenlernt? Wie läuft das ab?

Steffi: Naja man lernt sich auf einer Party oder so kennen, knutscht rum, und bevor es dann nach Hause geht, sagt man, dass man in einer polyamoren Beziehung lebt, dass der Partner Bescheid weiß, dass man auf dieser Party ist und dass man dem Partner auch alles über seine Bekanntschaft erzählt und der Partner auch mehrere Partner hat…

Helge: Für viele Frauen, die ich kennengelernt habe, war das sehr verstörend zuerst. Einige haben sich aber dann doch drauf eingelassen, mit denen habe ich dann geschlafen. Und dann kommt der nächste Schritt.

Der da wäre?

Helge: Dann bin ich zu Steffi gefahren. Allein. Und ich wollte auch dann einfach da sein, bei ihr und den Kindern. Ich habe mich dann bei den anderen immer mal so sporadisch gemeldet.

Steffi: Damit hat er viele dann auch verletzt. Immer wenn er eine Frau kennengelernt hat und mir das erzählt hat, hatte ich immer sofort das Bedürfnis, dass ich diese Frau anrufen will, um ihr zu erklären, wer ich bin und dass das alles total in Ordnung für mich ist. Viele Frauen ignorieren dich aber die ganze Zeit, weil sie dich nicht sehen und denken, dass die andere deswegen gar nicht existiert. Die wollen das nicht wahrhaben und sind dann auch noch nicht bereit zu telefonieren. Sie blenden das aus. Dann mach' ich ein Video, in dem ich das erkläre, damit die auch ein Bild von mir haben.

Warst du denn auch in die anderen Frauen verliebt, Helge?

Helge: Ich konnte mich schon gefühlsmäßig total auf die andere Frau einlassen und war total in dieser Beziehung drin, aber da bin ich anders als Steffi. Der Fokus lag auf Steffi. Ich habe mich zwar mit anderen getroffen und mit ihnen geschlafen, aber mich nie in sie verliebt.

Diskutiert mit zum Thema Polyamorie auf unserer Facebookseite!

Viele hassen sich ja am Ende einer Beziehung. Bei euch war das nicht so, ihr seid immer noch befreundet.

Steffi: Das ist das wichtige und das schöne, wenn man polyamor ist, dass man sich so wahnsinnig reflektiert. Man ist ehrlich und authentisch, man muss immer sagen, was man fühlt und was mit anderen war. Es wird zur Gewohnheit, ganz normal, man denkt nicht darüber nach.

Helge: Es ist uns beiden immer gelungen, Probleme aus der Welt zu schaffen und wieder klar zu kommen. Wir haben nie Dinge zerredet, aber wir haben sie angesprochen.

Steffi: Gerade auch was das Thema Eifersucht anbelangt: Ich wusste immer, wo er war und wir haben immer danach telefoniert. Man muss natürlich aber auch erstmal lernen über solche Dinge zu reden, wenn man weiß, dass das den anderen verletzt. Helge hat immer viel drum herum geredet, das hat mich gestört. Es ist einfacher, es direkt zu erfahren. Das ist ein kurzer Schock, wenn man hört, was war, aber dann geht's wieder. Dann denkt man wieder daran, dass er mich liebt. Ich habe mich auch immer für Helge gefreut, wenn er ein tolles Date hatte.

Wie war es denn, wenn ihr zusammen ausgegangen seid?

Steffi: Man geht auf Partys und dann checkt man gegenseitig erst mal ab, wen man alles gut findet. Auf einer Party haben wir zum Beispiel beide eine Frau auf der Tanzfläche gesehen: Lange, rote Haare, schlank, groß – und die fanden wir beide heiß. Und dann hat Helge sie angesprochen und ihr erklärt, wie wir leben und ich bin dann auch zu ihr und hab das bestätigt – mir ist das immer sehr wichtig, dass die Frauen merken, dass ich locker bin. Wir haben dann mit ihr getanzt und ich habe dann noch einen alten Kumpel von Helge angesprochen, ob er auch mitkommen würde und dann sind wir zu viert nach Hause. Und das war sehr schön.

„Man kann mehrere Menschen gleichzeitig lieben – ich liebe ja auch meine beiden Kinder“

Wissen eure Kinder eigentlich, wie ihr lebt?

Helge trägt Steffi im Urlaub auf den Armen ; Foto: privat
privat

Steffi: Also meine Tochter ist 13 und die Kleine ist vier. Die Große war sechs, sieben, als ich anfing, offen damit umzugehen und mittlerweile können wir da alle ganz offen mit umgehen.

Helge: Wir sind aber schon immer darauf bedacht gewesen, vorsichtig damit umzugehen, damit die Kinder das auch verstehen.

Steffi: Für die Kinder ist das total normal, dass dann zwei Männer da sind oder mal nur der andere Mann oder so. Ich sage dann, dass das mein zweiter Freund ist. Die Kinder wachsen damit auf und mit meiner großen Tochter rede ich über alles und sie kann mich auch alles fragen. Ich möchte meinen Kindern beibringen, dass Liebe nichts ist, was man beschneidet oder was man nur auf einen Menschen münzen kann. Ich liebe ja auch meine beiden Kinder. Also was soll das Problem sein?

Habt Ihr Tipps für Leute, die in einer langen Beziehung sind und unglücklich?

Steffi: Ich würde sagen, es ist wichtig, sich bewusst zu machen, was man spürt. Das ist ja oft etwas, was totgemacht wird in Beziehungen. Und wenn man das gefunden hat, sollte man es vorsichtig versuchen anzusprechen.

Was ist, wenn der andere verletzt ist? Versucht man dann langfristig, seine Gefühle zu beschneiden?

Steffi: Auf jeden Fall. Und das ist superanstrengend.

Helge: Das bringt auch sehr viel Unruhe ins eigene Leben ein.

Steffi: Und Ehrlichkeit ist superschwierig. Ich liege oft im Bett und denke mir: Es wäre so einfach, jetzt nichts zu sagen. Aber wenn man es dann anspricht und rauslässt, ist es befreiend und man fühlt sich gut danach. Und es ist toll, wenn der Partner offen ist und man ihm alles erzählen kann, so wie Helge. Dann fühlt man sich gut. Und das bedeutet doch Leben. Das bedeutet doch zu leben und Energie zu haben.

Jetzt die Highlights der SWR3 Beziehungsshow nachhören!