Autor
Daniel Isengard
Daniel Isengard, SWR3; Foto: SWR3
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Über eine Million Leute haben sich dieses Video schon angesehen: Der Seuchen-Experte, Lungenarzt und ehemalige Bundestagsabgeordnete Dr. Wolfgang Wodarg kritisiert die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus. Er spricht von unnötiger Panik. Was ist von seinen Aussagen und Ansichten zu halten? SWR3 macht den Faktencheck.

„Corona – kein Grund zur Panik“, unter diesem Titel verbreitet sich gerade ein Video des Accounts Punkt.PRERADOVIC im Internet. Darin spricht Lungenarzt Dr. Wolfgang Wodarg, der für die SPD von 1994 bis 2009 im Bundestag saß, über das Coronavirus. Er ist der Ansicht, die Panik-Meldungen seien vollkommen übertrieben, das Handeln der Institute und Regierung sogar fahrlässig.

Das Aufklärungsportal Mimikama hat sich bereits mit dem Video befasst und mit verschiedenen Experten über die Thesen von Dr. Wodarg gesprochen:

Hier geht's zum Faktencheck von Mimikama

Aussage: Das Virus ist nicht neu – es wird jetzt nur getestet

Dr. Wodarg ist der Auffassung, dass COVID-19 bereits schon vor seiner Entdeckung existiert hat, möglicherweise saisonal wie eine Grippe aufgetreten ist und erst jetzt auffällt, weil man früher nicht danach gesucht habe.

Wenn man nicht testen würde, würden wir gar nicht merken, dass es eine Krise gibt!

Dr. Wolfgang Wodarg

Veronika Simon aus der SWR-Wissenschaftsredaktion widerspricht dieser Aussage deutlich:

Einordnung: Erst neue Lungenerkrankungen, dann der Test

Dagegen spricht, dass es in Wuhan eine Häufung von schweren Lungenerkrankungen gab, deren Ursache nicht bekannt war. Erst dann hat man getestet, woher diese Erkrankungen kommen und es fiel auf: Hier gibt es ein neues Virus. Erst DANN gab es die gezielten Tests auf das Coronavirus – nicht umgekehrt, wie Dr. Wodarg behauptet.“

Auch die Viren, die man jetzt bei uns in Europa findet, ließen alle auf das Ursprungsvirus in China zurückschließen. Das haben genetische Tests ergeben. Auch das spreche für ein neues Virus, das sich ziemlich schnell verbreitet hat.

Dr. Wodarg betont außerdem, dass das Auftreten eines neuen Coronavirus nichts Besonderes sei. Seiner Ansicht nach komme so etwas regelmäßig vor.

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Mit der Aussage hat er grundsätzlich Recht“, sagt Veronika Simon. „Viren verändern sich regelmäßig. In diesem Fall ist es aber kein einfaches Coronavirus, das Schnupfen oder Ähnliches verursacht, sondern teils schwere Lungenerkrankungen im Verlauf haben kann.“ Nur deshalb sei es ja auch aufgefallen. Hier lässt sich auch ein Vergleich zum Auftreten von SARS im Jahr 2003 ziehen. Auch dieser Virus ist eine Coronavirus-Art, die sich neu entwickelt hatte und durch die Schwere mancher Fälle aufgefallen war.

Aussage: Weniger Menschen sterben als im letzten Jahr

Weltweit, auch in Deutschland, hat das Coronavirus schon Tausende Todesopfer gefordert – das zeigen aktuelle Zahlen der Johns Hopkins Universität. Im YouTube-Interview spricht Dr. Wodarg davon, dass die Krankheits- und Todeszahlen im Vergleich zum Vorjahr in Deutschland zurückgegangen seien.

Wir haben nicht mehr Atemwegserkrankungen als im Vorjahr in der Grippesaison!

Dr. Wolfgang Wodarg

Einordnung: Viele Grippekranke, Coronavirus fällt noch nicht sehr ins Gewicht

„Generell stimmt das“, sagt Veronika Simon. Die Grippesaison sei in diesem Jahr nicht besonders stark. Im Vergleich zu den üblichen Grippefällen sei die Zahl der COVID-19-Fälle noch recht klein. „Das bedeutet aber nicht, dass COVID-19 nicht schlimm ist. Bei 165.036 Grippefällen (Zahlen des Robert-Koch-Instituts, Stand: KW11) in dieser Saison fallen die bisherigen Coronavirus-Fälle nicht so sehr ins Gewicht. Außerdem ist das Virus noch nicht so weit verbreitet. Die aktuellen Maßnahmen dienen genau dazu, das zu verhindern.“

Sprich: Dr. Wodarg hat Recht mit der Aussage, dass es nicht mehr Atemwegserkrankungen gibt als im Vorjahr, aber erstmals kommen zu den normalen Grippefällen jetzt noch die COVID-19-Fälle hinzu. Steigt deren Zahl weiterhin so rapide an wie zurzeit, dann stimmt die Aussage von Dr. Wodarg nicht mehr.

Aussage: Die Krankenhäuser sind nicht überlastet

Geht es nach der Ansicht von Dr. Wodarg, so seien Krankenhäuser „mit die gefährlichsten Orte“, an die man als Kranker kommen könne. Er ist außerdem der Auffassung, die Ausbreitung des Coronavirus sei nicht der Grund für die Probleme, über die viele Gesundheitssysteme weltweit gerade klagen:

Die Krankenhäuser werden jetzt belastet durch diese Panik, nicht durch neue Krankheitsfälle.

Dr. Wolfgang Wodarg

Einordnung: Kritischer Punkt steht in Deutschland kurz bevor

Das Problem, das das Coronavirus für die Krankenhäuser darstellt, ist von Land zu Land unterschiedlich: In China hat man in kurzer Zeit Notfallkrankenhäuser gebaut, um die Situation in den Griff zu bekommen. In Italien sind die meisten Krankenhäuser total überlastet, auch aus dem Elsass gibt es entsprechende Meldungen.

Dr. Wodarg spricht im Video explizit von der Situation in Deutschland. „Hier können wir froh sein, dass wir noch nicht an diesem Punkt sind“, sagt Veronika Simon. Aber: Das Robert-Koch-Institut hat inzwischen das Risiko für die Bevölkerung von „mäßig“ auf „hoch“ hochgestuft, u.a. auch, weil verschiedene Kliniken warnende Signale gesendet haben, dass sie auf eine Überlastung zusteuern.

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In einem Punkt gibt Veronika Simon Dr. Wodarg hier aber Recht: „Die Kliniken leiden unter der Panik mancher Leute, die sich teils wegen leichteren Krankheiten in Krankenhäusern melden und einliefern lassen.“

Aussage: Die Maßnahmen der Regierung sind übertrieben

Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, sind alle größeren Veranstaltungen abgesagt worden. In vielen deutschen Städten bleiben Clubs und Bars komplett geschlossen, Kitas und Schulen sind zu. Die Regierung hat gemeinsam mit Instituten wie dem Robert-Koch-Institut in den letzten Tagen die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus nach und nach verstärkt. Für Dr. Wodarg ist das ein Skandal. Er fordert, dass Rechtsanwälte die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen sollten.

Im Moment werden fahrlässig Maßnahmen angeordnet, werden Menschen in ihrer Freiheit beschnitten, von ihren Erwerbsmöglichkeiten abgeschnitten. Ich fordere einen Untersuchungsausschuss! Was hier gerade passiert ist unverantwortlich!

Dr. Wolfgang Wodarg

Einordnung: Keine Grundimmunität, Ansteckungsgeschwindigkeit muss verlangsamt werden

Mit seiner Einschätzung widerspricht Dr. Wodarg vielen anderen Experten. Lars Fischer, ehemaliger Chemiker und Autor bei spektrum.de, weist im Interview mit Mimikama beispielsweise auf den wichtigsten Unterschied zu anderen Krankheiten hin: „Im Gegensatz zu den saisonalen Grippeviren gibt es gegen so einen Virus keine Grundimmunität in der Bevölkerung.

Das bedeutet, dass sich mehr Leute schnell anstecken könnten. Hier kommt der „Flatten the curve“-Aspekt zum Tragen: Wenn man durch die getroffenen Maßnahmen die Zahl der Ansteckungen auf einen längeren Zeitraum ausdehnen kann, dann ist für diejenigen, die das Coronavirus bekommen, die medizinische Versorgung gewährleistet. Insofern sind die Maßnahmen der Regierung keinesfalls als fahrlässig zu bewerten.

Veronika Simon betont: „Die meisten Experten mit denen ich mich ausgetauscht habe, sind der Meinung, dass das die einzige Chance ist, die Ausbreitung zurzeit einzudämmen, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Klar: Wenn man davon ausgeht, dass es keine neue Krankheit ist, wären diese Maßnahmen übertrieben. Aber diese Annahme ist ja so schon nicht korrekt.“

Kritik an Corona-Test: Dr. Christian Drosten reagiert

Harte Kritik äußert Dr. Wodarg auch am sogenannten PCR-Test, der Coronaviren erkennen soll. Dieser Test war vom Leiter der Virologie an der Berliner Charité Klinik, Dr. Christian Drosten, und dessen Team entwickelt worden und wird inzwischen weltweit angewandt. Dr. Wodarg kritisiert u. a., der Test sei nicht wissenschaftlich geprüft und zu ungenau. Dr. Drosten hat in seinem täglichen Corona-Podcast auf die Kritik reagiert.

Wir haben von unseren Kandidatentests die zwei Tests genommen, die besonders gut passten zu diesem neuen Virus. Die haben wir weiter validiert – und zwar mit der Universität Hongkong, der Universität Rotterdam, der nationalen Public Health Organisation in London und unseren eigenen Patienten.

Dr.Christian Drosten

Dieser Test sei bereits entwickelt worden, als man noch gar keine Proben des neuen Coronavirus im Labor und auch in Deutschland hatte, sondern nur Proben des nahe verwandten SARS-Coronavirus. Dr. Drosten und sein Team haben Tests mit diesem alten Coronavirus gemacht und darüber hinaus mit vielen verschiedenen Coronaviren von Fledermäusen. Diese Tests deckten eine Reihe von Coronaviren ab, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch das neue, sagt Drosten. So kam auch die sogenannte Sequenz des neuen, aktuellen Coronavirus heraus. Später seien diese Testergebnisse dann mit dem neuen Virus aus China abgeglichen worden. Diese Daten bekamen Dr. Drosten und sein Team von Kollegen aus China.

In hunderten Proben sei dieser neue Test dann bei älteren Formen des Coronavirus, sowie Erkältungsviren angewendet worden und habe nicht ein einziges Mal angeschlagen. Das heißt: der Test reagiere tatsächlich nur auf das aktuelle, neue Coronavirus und nicht auf ältere Formen oder andere Viren.

Wenn wir eine Patientenprobe testen und diese ist positiv, dann ist es dieses neue Coronavirus und auf gar keinen Fall eines der bekannten anderen Coronaviren!

Dr. Christian Drosten

Alle weiteren Antworten und Reaktionen von Dr. Christian Drosten auf die Kritik an seinem Coronatest und den ergriffenen Maßnahmen sind in der aktuellen Folge seines täglichen Corona-Podcasts zu hören.

Hier gehts zum Podcast Virologe Dr. Christian Drosten