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Kira Urschinger
Kira Urschinger; Foto: SWR3 / Nadine Luft
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Wie fühlt es sich an, in Armut zu leben? Welche Geschichte steckt hinter Menschen, die zu wenig Geld haben, um sich das Mindeste leisten zu können? Betroffene erzählen von ihren Erfahrungen – vom Weg in die Armut und teilweise von den Auswegen, die sie gefunden haben.

Armut ist nicht immer offensichtlich – sie lebt nicht unbedingt unter der Brücke. Sie prallt nicht immer mit umgedrehtem Hut am Straßenrand auf wohlhabende Normalität. Armut ist oft da, wo man sie nicht erwartet und ist gerade deshalb ein Tabuthema. Scham- und schuldbehaftet, ein oftmals wohlgehütetes Geheimnis. Das hat etwas mit uns allen zu tun, denn der Blick unserer Gesellschaft auf arme Menschen drängt sie oft in eine Ecke. „Es schwingt immer mit: Die Leute sind irgendwie selber Schuld an dem Zustand der Armut“, so Armutsforscher Stefan Sell im SWR3-Interview. Den Weg, der in die Armut geführt hat, schauen wir uns selten an, sagt der Experte. Das Schubladendenken ist vielleicht einfacher.

Peter (Name von der Redaktion geändert)

Vom sicheren Job in der Bank in die Armut

Das geht schneller, als man denkt – es kann jeden erwischen. Das heißt es immer wieder über Armut, aber ist es wirklich so? Gibt es Menschen, die gerade noch drüber nachgedacht haben, ob sie sich eine Eigentumswohnung kaufen können, einen sicheren Job haben und dann plötzlich mit extremen Geldsorgen kämpfen müssen? SWR3-Reporterin Brigitte Egelhaaf hat einen Mann getroffen, dem das genau so passiert ist und der über den rapiden Abstieg vom Mittelstand in die Armut auch immer gedacht hat, das „könnte mir nicht passieren. Weil ich habe recht gut Geld verdient, also es ging uns vom Geld her wunderbar.“ Peter arbeitet in einer Bank, hat eine Familie – eine Frau und zwei Kinder. Es scheint alles so sicher.

Peter heißt eigentlich gar nicht Peter. Er möchte anonym bleiben. Zu groß ist offenbar das Schamgefühl, vielleicht ist es auch ein bisschen zum Schutz seiner Kinder.

Er erzählt, wie der Abstieg beginnt: Die Familie zerbricht, Trennung, Scheidung, Unterhaltskosten. Peters Frau stirbt, die beiden kleinen Mädchen ziehen zu ihm. Es ist viel, was auf den alleinerziehenden Vater damit zukommt. Morgens bringt er schnell die Kinder in die Schule oder in den Kindergarten. Dann geht es mit der Bahn zu seinem Job... arbeiten, Heimweg, Bahn verpasst, Schulschluss verpasst – die Kleine steht allein auf dem Gehweg, Sch*****. Stress. Er berichtet von Überforderung: „Dann sollst du noch daheim was für die Kinder tun, Hausaufgaben angucken.“ Er hat es versucht, wurde zum Elternbeirat gewählt. „Irgendwann habe ich gesagt: Was wollt ihr alle von mir? Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr und will nicht mehr.“

Überforderung trifft irgendwann auf Alkohol: Peter beginnt zu trinken. Vielleicht könnte er die Abwärtsspirale an dieser Stelle noch stoppen – wenn es ihm bewusst wäre, was da gerade seinen Anfang nimmt. Aber:

Man verdrängt es. Und man nimmt auch keine Hilfe an.

Dann gibt eins das andere: Er verliert seinen Job, mit den Mädchen muss er in eine städtische Unterkunft. Vermutlich kein schöner Ort für zwei Kinder. Auch heute hat Peter noch die Illusion, dass von all dem niemand etwas gemerkt hat. „Ich habe es nie nach außen getragen“, betont er. „Ich habe das nie jemandem gesagt: Du, ich bin arbeitslos. Es geht niemanden etwas an, habe ich gesagt.“

Seine Töchter sind heute erwachsen. Peter sagt, es gehe ihnen gut. Er selbst kämpft noch gegen die Sucht – und sich wieder ein Stück nach oben: Heute lebt er auf 37 Quadratmetern, ein Minijob bei der Caritas hat ihm neue Motivation verschafft. Er habe alles, was er braucht. Das behauptet er jedenfalls: „Du kannst nicht mit Freunden ausgehen. Dass du sagst: Okay, wir gehen mal essen. Aber manchmal... ich bin gern allein.“ Sein Vater habe ihn immer unterstützt und deswegen bekommt der auch ein Geburtstagsgeschenk:

Eine Kleinigkeit muss doch sein. Da weiß ich genau: Du musst vorher das Geld zusammenkratzen. Indem ich sage zum Beispiel: Du musst jetzt zwei, drei Tage keine Zigaretten rauchen und dann geht das. Dass es zumindest für einen Blumenstrauß reicht.

Das kannst du tun, um Menschen zu unterstützen, denen es nicht so gut geht.

Christian Kau

Ein Landwirt kämpft ums Überleben

Es ist nicht immer die Arbeitslosigkeit, die armen Menschen einen Tritt versetzt. Es gibt auch Menschen, die einen Job haben, der ihnen nach und nach den Geldbeutel und die Existenz zerfrisst. Vielen Landwirten geht es so. Nach zwei sehr trockenen Sommern sind vergangenes Jahr in Deutschland mehr Betriebe pleite gegangen als in den Jahren davor.

SWR3-Reporter Jakob Reifenberger hat Christian Kau aus Stockbornerhof in der Südwestpfalz getroffen. Er ist einer der ganz wenigen Landwirte, die es auch offen zugeben: Ich habe Schulden, bei uns wird es richtig eng. Im vergangenen Sommer spitzte sich die Lage seiner Erzählung nach zu, denn der Mähdrescher der Familie ist abgebrannt. „Meine Frau hat mich an den Acker gefahren und als wir ankamen, hat der Mähdrescher gebrannt. Stand lichterloh in Flammen. Wir haben zugeguckt, wie er abgebrannt ist, konnten nichts machen. Wir waren hoffnungslos.“

Der Mähdrescher ist die wichtigste und teuerste Maschine des Betriebs. Der Grund für das Feuer war ein technischer Defekt, der Schaden liegt im sechsstelligen Bereich. Es ist schon der zweite Brand, der die Familie trifft. Vor rund vier Jahren brannte bereits die Maschinen- und Lagerhalle ab. Bei unserem Besuch steht da eine neue Halle – aus Stahl. Christian, ein fast zwei Meter großer Mann mit sanfter Stimme, zeigt unserem Reporter stolz seine Traktoren und Maschinen. Nach Armut sieht das wirklich nicht aus, aber: „Der neue Mähdrescher ist zu 100 Prozent der Bank, für die nächsten zehn Jahre.“

Christian Kau – Landwirt mit Geldproblemen; Foto: Christian Kau

Christian Kau – Landwirt mit Geldproblemen.

Christian Kau

Heißt: Der Landwirt hat Schulden, schon seit Jahren und wahrscheinlich für noch viele weitere. Die Familie hat den Hof seit fünf Generationen, Aufgeben ist keine Option:

Die ganze Familie lebt für die Landwirtschaft. Wir müssen uns anstrengen, dass wir eine Schwarze Null im Jahr kriegen.

Das bedeutet viel Arbeit für alle. Sie folgen immer dem Ziel, keine Verluste zu machen, die weitere Kosten und damit zusammenhängende Schulden zu vermeiden. Gespart wird also weniger am Betrieb, mehr bei der Familie: Der letzte Urlaub – mit seiner Frau und den mittlerweile vier Kindern – ist drei Jahre her: „Das waren drei Tage in einer Ferienwohnung. Also ich kann es mir nicht erlauben, mit der Familie zwei Wochen in Urlaub zu fliegen. Hab ich das Geld nicht dafür.“

Aber, und das ist dem Landwirt wichtig: Sie seien nicht „arm“. Das liegt vielleicht eher an seiner Definition von Armut denn an seinem Kontostand:

Arm ist eigentlich eher jemand – jetzt wird es sentimental – der Probleme hat, klarzukommen. Der kein Geld zur Verfügung hat und der nicht geliebt wird. DEN würde ich als arm bezeichnen. Ich bin genügsam. Wenn ich heute oder morgen meine Maschinen komplett verkaufen würde, das Vieh verkaufen würde, wäre ich schuldenfrei und hätte mit Sicherheit sogar ein Plus. Aber das ist nicht, was ich will.

Ich wünsche mir, dass meine Söhne irgendwann den Betrieb von mir übernehmen können und dass sie über die Runden kommen. Es gehört Idealismus dazu, es gehört Herzblut dazu. Und wenn man das alles hat, kann man auch mit wenig glücklich sein.

SWR3-Audio: Beitrag anhören; Foto: SWR3.de

Highlights anhören Geldprobleme für den Bauern in der Südpfalz

Dauer
Simone (Name von der Redaktion geändert)

Arm sein auf dem Dorf, wo jeder dich kennt

Graue Plattenbau-Wohnblöcke, auf den Straßen Obdachlose. Das sind Bilder, die wir sofort mit Armut verbinden. Diesen Anblick gibt es vor allem in der Stadt. Armut auf dem Land ist anders und wahrscheinlich oft nicht so sichtbar: gepflegte Vorgärten, heile Welt. Hinter der Fassade sieht es aber manchmal ganz anders aus. SWR3-Reporter Jakob Reifenberger hat eine Frau besucht, die in ihrem Ort auf keinen Fall als arm erkannt werden will. Ihren Namen haben wir deshalb geändert.

Simone ist eine Kämpferin, so empfindet es unser Reporter bei seinem Besuch von der ersten Sekunde an. Aber als ihr das Wort „Armut“ über die Lippen kommt, bricht die Emotion aus ihr heraus:

Wenn man sich das Geld einteilen muss, ist es schon schwer. Immer zu den Kindern sagen zu müssen: Nein, andere Sachen sind wichtiger!

In dem kleinen Ort in der Pfalz, in dem sie mit ihren beiden Töchtern lebt, kennt jeder jeden. Das hat Vor- und Nachteile. Einerseits ist das vielleicht schrecklich, wenn sich rumspricht: Die haben kein Geld. Andererseits kann es auch gut sein – denn wer sich kennt, hilft sich auch. So geht es auch Simone. Zusätzlich zu ihrer Vierzig-Stunden-Woche als Reinigungskraft wollte sie sich noch etwas dazuverdienen. Sie kennt den Pfarrer der Kirchengemeinde, der hat ihr einen extra Minijob vermittelt: „Ich denke schon, dass das auf dem Land ein Vorteil ist. Ich denke, da hat man schon mehr Beziehungen als in der Stadt.“

Es sei aber nicht so romantisch, wie man sich das vielleicht vorstellt, dass sich auf dem Land alle gegenseitig helfen und Nachbarn immer füreinander da sind. In einem Winter, erzählt Simone, habe sie kein Geld gehabt, um Heizöl zu bestellen. Die Wohnung sei wochenlang eiskalt gewesen. „Vereinzelt hab ich Leuten das erzählt, gerade Nachbarn, die wir sehr gut kennen. Das hat die nicht interessiert. Sie müssen ja nicht finanziell helfen, aber sie hätten sagen können: 'Kommt mal rüber, wärmt euch auf oder duscht mal warm'.“

Aber: Eine gute Freundin habe Simone durchaus Hilfe angeboten. Wenn es wirklich brennt, könne sie finanziell helfen. Das dann anzunehmen, war für die Alleinerziehende aber ebenfalls schwer:

Weil das muss man ja dann auch alles wieder zurückbezahlen und es ist einem peinlich. Früher hab ich auch nichts beantragt, weil man einfach zu stolz ist.

Sie habe sich also lieber abgerackert, um den Kindern selbst möglichst viel bieten zu können: „Pizza bestellen, so Kleinigkeiten. Aber das hat viel Kraft gekostet.“ Und es ist nicht vorbei. Auch jetzt sei das Geld wieder besonders knapp: Simone ist nach einer missglückten Wirbelsäulen-OP arbeitsunfähig, die Familie ist auf Krankengeld angewiesen. Was Hoffnung macht ist, dass die ältere Tochter ein duales Studium angefangen habe. Für sie und die jüngere Tochter wünscht sich Mutter Simone: „Dass es finanziell viel besser bei denen läuft. Dass sie immer Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf haben. Und gesund bleiben auf jeden Fall.“

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Highlights anhören Wo jeder jeden kennt: Armut auf dem Land

Dauer
Natalya Nepomnyashcha

Sie hat sich hochgekämpft und hilft heute anderen

Natalya Nepomnyashcha kam mit elf Jahren und ihren Eltern aus der Ukraine nach Deutschland. Ohne Geld, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Mit 22 machte sie ihren Master im Fach internationale Beziehungen und gründete vor drei Jahren das Netzwerk Chancen. Das Ziel: Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus bildungsfernen oder prekären Familien dabei helfen, die gleichen guten Jobs zu bekommen, wie die Kinder aus gutem Hause. SWR3-Reporterin Brigitte Egelhaaf hat sie getroffen.

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Menschen aus prekären Verhältnissen seien für Unternehmen Gold wert, davon ist Natalya überzeugt. „Sie mussten sich Bildung hart erarbeiten. Sie mussten sehr hart kämpfen, um ihre Talente zu verwirklichen, um ihre Potentiale zu entfalten und sind deshalb auch besonders durchsetzungsstark.“ In Zeiten des Fachkräftemangels könne man auf diese Menschen nicht verzichten. Leider hätten das die meisten Arbeitgeber immer noch nicht verstanden. Die Personaler, die meist selbst aus guten Verhältnissen kämen, so sagt die Ukrainerin, neigten dazu Menschen einzustellen, die ihnen ähnlich sind. Menschen, die aus einfacheren Verhältnissen kommen, hätten andere Codes, meint Kommunikationsexpertin Natalya. Dazu gehöre, dass sie „öfter umgangssprachlich sprechen, seltener Fachwörter oder Fremdwörter benutzen. Dass sie nicht gewöhnt sind, jemanden mit 'Küsschen, Küsschen' zu begrüßen. Also das sind alles so kleine, kulturelle Codes, die doch eine größere Rolle spielen als man meint.“

Dazu kommt, dass sich viele Menschen, die aufs Geld schauen müssen, sich unbezahlte Praktika im Wunschberuf nicht leisten könnten. Denn sie müssen sich durch zusätzliche Arbeit finanzieren. Wer es sich leisten kann, unbezahlt in einen Job zu schnuppern, kann hier aber bereits erste Kontakte in einer Firma knüpfen – ein Vorteil beim späteren Berufseinstieg. Und wer Eltern mit guten Jobs habe, profitiere allein schon durch deren Kontakte in Unternehmen oder Institutionen.

Natalya hat sich selbst aus einer solchen Lage herausgekämpft. In ihrem Netzwerk Chancen bietet sie Workshops an, mit denen sie Menschen helfen will, denen es geht wie ihr selbst früher. Sie vermittelt nicht direkt Jobs, aber schon mal ein Vorstellungsgespräch. Dabei sieht sie nicht nur die Jugendlichen selbst und deren Eltern in der Pflicht, sondern vor allem den Staat und dessen Bildungspolitik:

Es kann nicht sein, dass die Zukunft eines Kindes davon abhängt, ob seine Eltern vieles richtig gemacht haben. Oder ob er zufällig in einem Bezirk wohnt, wo die Schule gut ist. Wenn man mit sehr, sehr großen Startnachteilen geboren ist, wenn man keine Förderung erhält, wird's eben umso schwieriger, dass man später seine Stärken zum Wohle der Gesellschaft einsetzen kann.

SWR3-Audio: Beitrag anhören; Foto: SWR3.de

Highlights anhören Natalya Nepomnyashcha unterstützt die Jobsuche

Dauer

Armut gibt es auch in deiner Nachbarschaft – schau hin!