Jeder hat sich schon einmal über sie gebeugt: In vielen deutschen Städten liegen Stolpersteine in den Bürgersteigen. Sie erinnern an die Menschen, die von hier aus in die Vernichtungslager der Nazis geschickt wurden. Auch in Köln hat Künstler Gunter Demnig seine kleinen Messingtafeln verlegt. 

Es sind geübte Handgriffe, mit denen Gunter Demnig das vielleicht größte Denkmal der Welt wachsen lässt. Er sucht die passende Gehwegplatte vor dem Haus in der Genter Straße in Köln aus. Zwei Helfer der Stadt in orangener Sicherheitskleidung heben die Platte aus dem Bürgersteig heraus.

Sie bereiten mit der Kelle das Sandbett vor, legen den Stolperstein aus Beton mit der kleinen Metallplatte in die Mitte, füllen mit anderen Steinen die Lücken auf und schließen die Fugen mit Sand. Dann wird die kleine Platte mit Namen, Jahrgang und Angaben über das Schicksal des Menschen – der dort gelebt oder gearbeitet hat – sauber geputzt und Gunter Demnig zieht mit den Helfern nach ein paar Minuten weiter.

Seit über 20 Jahre arbeitet der Künstler an dem Denkmal

Seit den 90er Jahren legt Demnig die Stolpersteine in Bürgersteige und auf Plätze. Beauftragt wird er von Angehörigen, Nachfahren, von Schulklassen, Vereinen oder Geschichtsvereinen. Als er nach der allerersten Verlegung in Köln seine Sachen zum Auto brachte, drehte er sich noch einmal um und sah, wie die ersten Passanten stehen blieben und lesen wollten.

Wenn Du lesen willst, musst Du den Kopf neigen, Du machst praktisch eine Verbeugung.

Gunter Demnig

Es ist vielleicht das größte Denkmal der Welt

Im Jahr 2017 war er an etwa 200 Tagen unterwegs, um Stolpersteine zu verlegen, meistens in Deutschland, oft in Europa, und zum ersten Mal auch in Argentinien. Es gehe darum, den Namen zurückzubringen. Bei den Juden heißt es:

Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.

Aus dem Talmud

Kritik kommt nicht nur aus der rechten Szene

Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden zum Beispiel will nicht, dass man auf die Namen von Opfern auch noch tritt oder sie beschmutzt. Aus der rechten Szene wird Demnig vorgeworfen, sich mit den Stolpersteinen zu bereichern.

Immer wieder werden Steine heraus gerissen. Und manche Hausbesitzer wollen sie gar nicht vor ihrer Türe haben, ein Kölner Hausbesitzer hat geklagt, weil er den Wert seines Hauses wegen zweier Stolpersteine vor der Türe um 100 000 Euro gemindert sah. Ohne Erfolg.

Das Projekt Stolpersteine

umfasst über 60.000 Gedenksteine

in mehr als 20 Ländern

und 1100 deutschen Städten

Gunter Demnig ist in diesem Jahr 70 geworden, er will weiter mit Hut, rotem Halstuch und dem Knieschutz für Pflasterer durch die Gegend ziehen, auch wenn er weiß, dass die Dimensionen der nationalsozialistischen Verbrechen es unmöglich machen, dass sein Denkmal jemals fertig wird.

Stolpersteine; Foto: SWR3

Zusammen mit Helfern der Stadt Köln entfernt Künstler Gunter Demnig zunächst eine Platte des Gehwegs.

SWR3