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Durch einen Satz kann sich alles verändern. „Die ist ja ganz hübsch, aber gut beieinander“ war der Spruch, der Mias Leben komplett auf den Kopf stellte. Sie wurde magersüchtig und erst Jahrzehnte später bekam sie die Krankheit in den Griff.

Sie wollte ihm gefallen

Mia möchte anonym bleiben. Mit 15 Jahren hörte sie diesen Satz: „Die ist ja ganz hübsch, aber gut beieinander.“ Ausgesprochen von einem Typen aus ihrer Schule. Das Problem daran war, dass Mia auf ihn stand. Um ihm zu gefallen, wollte sie abnehmen. 25 Jahre ist das jetzt her. Heute ist Mia in einer Fachklinik gegen Essstörungen am Chiemsee. Die Therapie läuft seit acht Wochen. Sie wirkt selbstbewusst, lacht viel und fühlt sich einfach gut. Sie ist davon überzeugt, dass der Klinikaufenthalt das Ende einer Tortour ist.

Mit jedem Tag wird die Krankheit weniger. Und momentan ist das sehr motivierend.

Die zu enge Jeans

Zu ihren Selbstzweifeln als Teenie kam, dass sie nicht in eine Jeans passte, die total angesagt war. „Alle Freundinnen haben die getragen. Und dann bin ich da eben reingeschlittert.“ Die Körperwahrnehmungs-Irrfahrt ging weiter. Mia nahm erst ab, um den Jungs zu gefallen und die mutmaßlich coolen Klamotten zu tragen. Aber sie übertrieb. „Ich habe dann halt angefangen, wie ein Vögelchen zu picken.“ Mia magerte sich runter.

Nach eineinhalb oder zwei Jahren hat mich meiner Mutter damals zum Arzt geschleppt. Sie sagte: Mädchen, wenn du so weiter machst, siehst du die Radieschen von unten.

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Sie sind operiert und jung. Einige Teenies sind so unzufrieden mit ihrer Nase, dem Kinn oder ihren Brüsten, dass sie sich schon in jungen Jahren unters Messer gelegt haben.

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Die Fressattacken begannen

Den Spruch ihrer Mutter nahm sie sich zu Herzen und es passierte genau das Gegenteil. „Ich habe dann angefangen diese ganzen Dinge, auf die ich verzichtet habe, in mich reinzustopfen. Und meine Eltern haben nur gesehen: Das Kind isst wieder.“ Sie waren zufrieden. Durch dieses Hin- und Her verlor Mia ein Gefühl dafür, was gut ist für ihren Körper war und was nicht. Sie war krank.

Ich hatte eine beste Freundin: Meine Essstörung.


Ein paar Jahre später wurde Mia zur Führungskraft und war wieder voll auf dem Abnehmtripp. Meetings. Stress. In ihrem Job war sie von vielen Männern umgeben. Dass sie ein Problem mit ihrem Körper hatte, wollte sie sich auf keinen Fall anmerken lassen. „Ich hatte ein Po-Push-Up-Höschen, damit es so wirkt, dass ich schick und schlank bin, aber keine Essstörung habe. Das habe ich jetzt verbrannt.“ Irgendwann ging es einfach nicht mehr. Sie kündigte ihren heiß geliebten und gut bezahlten Job. „Ich habe nicht mehr gelebt. Und mein Umfeld hat gesagt, dass sie kein Bock mehr haben, dabei zu zuschauen. Der Druck von außen war schon da. Aber es war positiver Druck.“

Letzter Ausweg: Die Klinik

Alleine kam sie nicht mehr klar. Sie holte sich Hilfe in einer Klinik. Dort musste sie hart erlernen, worüber gesunde Menschen nicht allzu lang nachdenken: Was und wie viel man isst. „Semmeln...um Himmels Willen. Ich musste sie gleich am nächsten Tag zum Frühstück essen. Und dann auch noch zwei!“

Ein anderer, wichtiger Punkt in der Therapie ist der positive Umgang mit dem eigenen Körper. Auch wenn es mal nicht so läuft. „Wenn ich mich in meinem Körper schlecht fühle, weiß ich, das ist jetzt vielleicht ein Gedanke oder ein Gefühl. Aber ich weiß, dass es wieder gehen wird.“ Parallel zur Therapie schaut sich Mia nach einem neuen Job um. Ein paar Wochen ist sie noch in der Klinik. Dann kommt der Neustart.

Ich hab für mich beschlossen, ich zieh das jetzt durch und dann will ich leben.

Hilfsangebote und Beratungsstellen

www.bzga-essstoerungen.de
www.bundesfachverbandessstoerungen.de
www.hungrig-online.de
www.anad.de
www.magersucht.de
www.ess-stoerungen.net
www.cinderella-beratung.de






Autor
Nils Dampz
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SWR3