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Kira Urschinger
Kira Urschinger; Foto: SWR3 / Nadine Luft
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Zuwanderer seien krimineller als Deutsche – insbesondere bei Facebook und Twitter gehen immer wieder Zahlen rum, die das belegen wollen. Wir zeigen an Beispielen, wie du falsche Zahlen erkennen kannst und schlüsseln mit seriösen Kriminalitätsstatistiken auf, was wirklich stimmt.

Zahlen wirken erst einmal seriös. Und sie sind oft zu kompliziert, um sie schnell selbst nachzuprüfen. Vermutlich werden sie deshalb oft genutzt, um eine eigene These zu untermauern und Stimmung für die eigenen Ziele zu machen. Olaf Kleist, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück schildert im Gespräch mit SWR3 seine Erfahrungen:

Was ich häufig erlebe ist, dass sobald ein Teil einer Statistik einem nicht gefällt, sagt man: 'Das ist alles gefälscht'. Aber sobald ein Argument drin ist, wo man sagt 'ja, das ist doch wunderbar', dann führt man die Statistik an als Beweis.

Es sei außerdem ein Problem, wenn man über Zahlen spreche und vergesse, dass dahinter Menschen steckten: „Dann kann eben auch leicht eine brutale und gewalttätige Sprache in den Raum kommen, wenn man das Gefühl hat, man redet nur über Zahlen. Also, wenn Migranten sozusagen reine statistische Größen sind und wir nicht mehr über Menschen reden.“

Wir zeigen an zwei Beispielen, wie man Zahlen entweder völlig falsch und frei erfunden im Internet verbreitet hat und wie eigentlich valide Zahlen irreführend verkürzt gepostet wurden.

Hier kannst du die Beispiele überspringen:

Direkt beim Faktencheck der Kriminalitätsstatistik weiterlesen.

Beispiel 1: AfD-Landespolitiker erfindet Zahlen über Vergewaltigungen durch Migranten

Folgender Fall hat Forscher veranlasst, Zahlen aus Pressemitteilungen der AfD auf deren Glaubwürdigkeit zu prüfen. Weiter unten im Artikel findest du mehr zu der Untersuchung.

Auf dem umstrittenen Online-Portal Deutschland Kurier vom 4. September 2018 schrieb Maximilian Krah, stellvertretender Landesvorsitzender der AfD Sachsen:

Seit dem 1.1.2018 wurden in Chemnitz 60 Frauen vergewaltigt. Die Polizei sagt, 56 von Migranten, 4 von Unbekannt. [...] Ich hatte mich immer gefragt, was noch passieren muss, damit die Chemnitzer beginnen zu protestieren.

Was ist falsch an dieser Behauptung?

Alles, die Zahlen sind schlicht falsch und frei erfunden.

Die Polizei hatte bereits am Folgetag der Veröffentlichung, am 5. September 2018, reagiert und die echten Zahlen dargelegt:

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu Twitter erst her, wenn du dies erlaubst. Die Einwilligung ist freiwillig und gilt nur temporär. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.
Den Beitrag bei Twitter ansehen.

Der Tweet wurde von Maximilian Krah geretweetet und damit zur Kenntnis genommen. Der fehlerhafte Artikel war Monate lang noch online, wurde in sozialen Netzwerken weiterverbreitet und kommentiert.

Der BVB betreibt angeblich eine Anti-Nazi-Kampagne, ein Vater darf wegen Migranten nicht ins Schwimmbad und ein Video zeigt einen Mann aus Gambia scheinbar eindeutig mit gezogener Waffe. Es kursieren viele Falschmeldungen, wir sagen euch, was stimmt und was nicht und wie ihr das erkennt.

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Mittlerweile wurden die vermeintlichen Polizei-Zahlen im Artikel durch neue Angaben ersetzt – diesmal ohne Quellenangabe. Das Bild des Politikers ist entfernt. Diese Änderungen wurden nicht kenntlich gemacht, das Datum ist nicht aktualisiert und der restliche Text ist weiterhin nachlesbar.

Über den Fall von Maximilian Krah haben wir bereits damals berichtet, zu finden in unserem SWR3-Report: Fake News unter Punkt 11. Hier gibt es auch Tipps, wie du erkennen kannst, ob es sich bei einer Website um eine seriöse Quelle handelt oder nicht.

Die AfD verbreite bewusst Fake News und falsche Zahlen, berichtete uns Franziska Schreiber, eine ehemalige Pressesprecherin der Partei, die selbst Falschmeldungen verbreitet hat. Hier kannst du das Interview nachhören und nachlesen.

Beispiel 2: Ausländerkriminalität: NPD mit vielen Zahlen und noch mehr Fehlern

Wenn die Polizei selbst sofort reagiert, löst sich die Lage schnell auf. Oft ist es aber schwieriger einzuschätzen, was an behaupteten Zahlen stimmt oder nicht. Wie bei diesem Facebook-Post des NPD Kreisverbandes Sömmerda vom 24. Mai, im Vorfeld der Europawahl:

NPD - Zahlen zur Kriminalität von Flüchtlingen; Foto: Screenshot
Screenshot

Was ist falsch an dem Post?

1. Die Quellenangabe ist falsch.

Anfragen dieser Art beantwortet nicht der Bundestag, sondern die Bundesregierung (in diesem Fall: das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat) mit einer Antwort auf die Anfrage eines Abgeordneten der AfD-Fraktion von Ende 2018. Die hier verwendeten Zahlen kommen vom Bundeskriminalamt (BKA) und beziehen sich auf die Jahre 2013 bis 2017. Für das aktuelle Jahr 2018 lagen zum Zeitpunkt der Antwort noch keine Zahlen vor. Die Quelle selbst ist als seriös einzuordnen.

2. Die Überschrift „Ausländerkriminalität“ ist irreführend.

Wer ist denn genau ein „Ausländer“? Die Zahlen des Bundeskriminalamts beziehen sich nur auf eine ganz bestimmte Gruppe der Migranten: Die „erfassten Fälle, bei denen mindestens ein Tatverdächtiger mit dem Aufenthaltsanlass Asylbewerber, Duldung oder unerlaubter Aufenthalt ermittelt wurde.“

Erfasste Fälle heißt: Die Fälle sind polizeilich festgehalten, müssen aber noch nicht aufgeklärt sein.

Tatverdächtiger heißt: In der genutzten Statistik werden nicht verurteilte Täter aufgeführt, sondern Tatverdächtige, deren Personalien den Ermittlern bekannt sind. Das macht einen Unterschied, auf den Polizei und Bundeskriminalamt immer wieder ausdrücklich hinweisen. Im NPD-Post fehlt eine derartige Einschränkung, zumal die gewählten Kategorien, beispielsweise Mord nahelegen, dass es sich um tatsächlich vollzogene Morde handelt. Dies ist nicht der Fall, wie hier deutlich wird.

Aufenthaltsanlass Asylbewerber, Duldung oder unerlaubter Aufenthalt heißt: Es handelt sich also nicht um jeden Menschen mit Migrationshintergrund, nicht einmal um jeden Zuwanderer, der in Deutschland erfasst ist. Worauf außerdem in den seriösen Statistiken immer wieder verwiesen wird: Migrationshintergrund ist kein Merkmal, das von deutschen Behörden erfasst wird. Ist ein Asylantrag bewilligt oder hat jemand einen deutschen Pass, ist in der Statistik nicht inbegriffen – auch wenn er tatsächlich einen Migrationshintergrund hat.

3. Prozentzahlen brauchen immer einen Bezug, das fehlt auf dem Bild der NPD völlig.

Im Vergleich zu was ist die Zahl gestiegen? Es kann nur eine prozentuale Steigung geben, wenn klar ist, zwischen welchem Anfangs- und Endpunkt gerechnet wird.

Wir haben nachgerechnet. Die NPD bezieht sich vermutlich auf den Vergleich zwischen 2013 und 2017. In diesem Zeitraum Anzahl der Asylantragssteller – insbesondere im Jahr 2016 – laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hier zur Verfügung stark gestiegen:


JahrAsylanträge
2013127.023
2014202.834
2015475.649
2016745.545
2017222.683

Mehr Menschen begehen mehr Straftaten – eine Feststellung, die grundsätzlich für Menschen jeglicher Herkunft zutreffen wird. Die Zahlen müssten also erst einmal in Relation gesetzt werden zur Gesamtzahl der Zuwanderer in der Gesellschaft.

4. Problem mit Prozentzahlen: Sie sagen nichts über die absolute Zahl von Fällen aus.

Beispielsweise ist eine Steigerung von 1 auf 2 ist eine Steigerung um 100%. Klingt in Prozent viel, ist aber in absoluten Fällen wenig. Hier sind keine absoluten Zahlen aufgeführt, um das einzuschätzen.

5. Die Zahlen zur Steigerung in der Kategorie Vergewaltigung und Sexuelle Nötigung sind ganz grundsätzlich problematisch.

Denn allein eine Reform des Sexualstrafrechts sorgt für veränderte Zahlen. Im Bericht des Bundeskriminalamts heißt es:

Aufgrund der Ende des Jahres 2016 erfolgten Reform des Sexualstrafrechts und den damit verbundenen Anpassungen der Erfassungskriterien in der PKS (Anmerkung: Polizeiliche Kriminalstatistik) sind die Zahlen des Jahres 2017 mit den Zahlen der Vorjahre nur eingeschränkt vergleichbar.

6. Darüber hinaus gibt es folgende Rechenfehler:

  • Die Steigerung von 30 Morden (2013) auf 77 Morde (2017) beträgt nicht 100 Prozent, sondern rund 157 Prozent.
  • Die Steigerung von 1.246 Raubüberfällen (2013) auf 3.399 (2017) beträgt nicht 200 Prozent, sondern rund 173 Prozent.
  • Bei Gefährlich Körperverletzung fehlt zwar das e, die Zahl trifft gerundet aber zu.

7. Was bei den angegebenen Zahlen fehlt, ist jegliche Vergleichsgröße.

Wie hoch ist der Anteil von tatverdächtigen Zuwanderern im Vergleich zum Gesamtanteil von Zuwanderern in Deutschland? Wie viele „Ausländer“ begehen keine Straftaten? Wie viele Straftaten werden insgesamt in Deutschland begangen? Wie viele Taten entfallen dagegen auf „Deutsche“? Auf all das gibt der Post keine Antwort.

Detaillierte seriöse Zahlen, die wirklich etwas aussagen, findest du hier.

Das ist wichtig zu wissen bei Zahlen über Ausländerkriminalität

Es gibt viel zu viele weitere Beispiele von falschen oder uneingeordnet dargestellten Zahlen im Netz. Aber welche Daten stimmen denn wirklich?

Ganz grundsätzlich lässt sich sagen: Keine Statistik stimmt, die den Begriff „Ausländer“ nicht genauer definiert, sondern lediglich als einfaches und starkes Signalwort benutzt.

Falsche wissenschaftliche Studien, Lügen über den Klimawandel oder über Flüchtlinge: Fake News gehören mittlerweile zu unserem täglichen Leben. Aber warum glauben wir Fake News? Wie verändert das unsere Gesellschaft? Und wie kann man Falschmeldungen erkennen? Darüber hat Philosoph Christoph Quarch mit unseren SWR3-Hörern gesprochen.

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In belastbaren Erhebungen werden die einbezogenen Personengruppen genau definiert und nicht durch einfache Schlagwörter subsummiert. Es gibt außerdem keine Statistiken offizieller Behörden in Deutschland, die den Migrationshintergrund von Menschen einbezieht – denn der ist nirgends hinterlegt. Wer einen deutschen Pass hat, ist Deutscher.

Experten merken außerdem an: In Statistiken zur Zuwanderer-Kriminalität werden auch Menschen aufgeführt, die gar nicht in Deutschland leben, hier aber kriminell werden. Beispielsweise Fußballfans von ausländischen Mannschaften, die nach einem Spiel in Deutschland randalieren. Oder organisierte reisende kriminelle Gruppen, die hierzulande ihre Überfälle verüben. Wie stark dieser Anteil allerdings die Gesamtzahlen beeinflusst, lässt sich nicht sagen.

Warum eigentlich Ausländer als Kategorie?

Olaf Kleist, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück erläutert im Gespräch mit SWR3 ein weiteres generelles Problem:

Wenn wir uns Kriminalitätsstatistiken anschauen, ist erst einmal die Frage: Warum macht es überhaupt Sinn, Ausländer als eigene Kategorie zu führen? Das wird in der öffentlichen Debatte natürlich grundsätzlich erst einmal als relevant gesehen. Aber warum eigentlich? Warum scheint es wichtiger zu sein, Ausländer als Kategorie zu nehmen als zum Beispiel Männer – wo eine ganz große Diskrepanz gesehen wird. Wenn man anfängt mit dieser Debatte, stehen Annahmen dahinter, die man überhaupt hinterfragen muss. Also fragen: Warum wir denken, dass das ein relevanter Faktor ist, dass jemand kriminell ist oder nicht?


Beeinflussen Vorurteile Statistiken?

Ein Gutachten von Christian Pfeiffer, dem ehemaligen Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), zeigt außerdem, dass Flüchtlinge häufiger angezeigt würden als Menschen ohne Migrationshintergrund. Die Anzeigebereitschaft der Opfer werde stark von der ethnischen Zugehörigkeit beeinflusst. „Am KFN wiederholt durchgeführte Opferbefragungen haben hierzu ein Grundmuster bestätigt: Je fremder der Täter ist, umso eher wird angezeigt.“ Wie stark dies Kriminalitätsstatistiken beeinflussen könnte, ist nicht klar.

Migrationsforscher Kleist bestätigt dies: „Da sieht man vielleicht auch ein bisschen, wie solche Statistiken dann selber wieder zu einer Verstärkung davon werden. Wenn ich die Vorstellung habe, dass es sowas wie Ausländerkriminalität gibt, dann werde ich ein bestimmtes Verhalten auch gleich als kriminell interpretieren und das eher zur Anzeige bringen.“ Er betont aber, dass Stigmatisierung in beide Richtungen funktionieren könne: Es gäbe vermutlich auch weniger Anzeigen zu Taten, die in Flüchtlingsheimen unter Migranten passieren. In den seltensten Fällen würde hier die Polizei gerufen.

Wie die Furcht vor Kriminalität Menschen und Einstellungen verändern kann – dazu erfährst du mehr bei SWR2 Wissen.

Das sind die aktuellen seriösen Zahlen zur Kriminalität von Zuwanderern

Die aktuellsten seriösen Zahlen zur Kriminalität von Zuwanderern kommen vom Bundeskriminalamt (BKA) im Bundeslagebericht Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2018.

Wichtig sind hier die Vorbemerkungen, die darauf hinweisen, welche Grundlagen man zur Interpretation der aufgeführten Zahlen berücksichtigen sollte. Ein Beispiel, wie es eben bei der Darlegung des Bildes der NPD vollständig ignoriert wurde:

Die Entwicklung von Kriminalität im Kontext von Zuwanderung muss in Relation zur Entwicklung der Zuwanderung nach Deutschland betrachtet werden. Daher werden neben den im Jahr 2018 neu nach Deutschland gekommenen Asylsuchenden auch die bereits davor eingereisten und sich weiterhin in Deutschland aufhaltenden Asylsuchenden berücksichtigt. [...] Etwa 25 Prozent der im vorliegenden Lagebild erfassten Straftaten wurden bereits im Jahr 2017 oder früher verübt.

Bundeslagebericht BKA


Das sagen seriöse Zahlen zur Kriminalität in Deutschland

Fakt 1: Der Anteil tatverdächtiger Zuwanderer ist NICHT gestiegen

Die Zahlen aus dem Bericht des Bundeskriminalamts im Überblick:

Tatverdächtige20172018
insgesamt1.974.8051.931.079
darunter nichtdeutsche Tatverdächtige599.357 (30,4%)589.200 (30,5%)
darunter tatverdächtige Zuwanderer167.268 (8,5%)167.268 (8,5%)

Wichtig: Ausländerrechtliche Verstöße werden hier nicht einberechnet, also solche Straftaten, die ausschließlich von Zuwanderern begangen werden können – beispielsweise ein Verstoß gegen das Aufenthaltsrecht.

Zusammenfassung:

  • Gegenüber dem Vorjahr gibt es einen leichten Rückgang bei der Zahl der insgesamt ermittelten Tatverdächtigen.
  • Es gibt ebenfalls einen leichten Rückgang bei der Zahl der ermittelten nichtdeutschen Tatverdächtigen.
  • Der Anteil der tatverdächtigen Zuwanderer an der Gesamtzahl der registrierten Tatverdächtigen blieb etwa auf dem Vorjahresniveau.
  • Größere Unterschiede gibt es je nach Straftat: Im Bereich der Diebstahlsdelikte und Vermögens- und Fälschungsdelikte sind die Fallzahlen zum zweiten Mal in Folge zurückgegangen. Rauschgiftdelikte, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sowie sonstige Straftaten haben teilweise deutliche zugenommen im Vergleich zum Vorjahr. Leicht zurückgegangen sind die Fallzahlen im Bereich der Straftaten gegen das Leben, leicht zugenommen haben die Fallzahlen der Rohheitsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit.

Fakt 2: Die häufigste Straftat ist NICHT Mord

DeliktsbereichAnteil der tatverdächtigen Zuwanderer je Deliktsbereich
Straftaten gegen das Leben15% (550 tatverdächtige Zuwanderer)
Straftaten gegen die sexuelle
Selbstbestimmung
12% (5.626 tatverdächtige Zuwanderer)
Rohheitsdelikte und Straftaten
gegen die persönliche Freiheit
10% (60.109 tatverdächtige Zuwanderer)
Diebstahl 11% (43.734 tatverdächtige Zuwanderer)
Vermögens- und Fälschungsdelikte11% (53.822 tatverdächtige Zuwanderer)
Rauschgiftdelikte8% (23.254 tatverdächtige Zuwanderer)
Sonstige Straftatbestände6% (29.238 tatverdächtige Zuwanderer)

Wichtig: Häufig wird die angegebene Zahl unter Straftaten gegen das Leben als Mord missinterpretiert. Das BKA hatte bereits 2017 zu seinem Bericht erklärt:

Straftaten gegen das Leben – neben Mord etwa auch Totschlag, Schwangerschaftsabbruch und fahrlässige Tötung. Gezählt werden Taten, bei denen Menschen ums Leben kamen (vollendete Delikte), sowie Versuche.

Zusammenfassung:

  • Es ist falsch (was in einigen Posts in sozialen Medien behauptet wird), dass 550 Menschen von Zuwanderern ermordet wurden.
  • Tatsächlich gab es in 105 Fällen in 2018 Zuwanderer als Tatverdächtige, im Jahr davor in 82 Fällen.
  • Das ist entgegen der Gesamtentwicklung im Bereich der Straften gegen das Leben ein starker Anstieg um 28%, „wobei die überwiegende Mehrzahl der Straftaten im Versuchsstadium (80%) blieb“, so steht es im Bericht.

Fakt 3: Zahlen zu Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sind nur bedingt vergleichbar

Die aufgeführten Zahlen zum Bereich Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sind ein weiterer vieldiskutierter Punkt im BKA-Bericht. Erfasst werden alle versuchten und vollendeten Straftaten gemäß Strafgesetzbuch (StGB), darunter fallen unter anderem sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und sexueller Missbrauch von Kindern.

  • Tatsache ist: von 51.133 aufgeklärten Straftaten insgesamt entfielen im Jahr 2018 6.046 (11,8%) auf Straftaten mit mindestens einem tatverdächtigen Zuwanderer.
  • Im Vergleich zum Jahr 2017 stiegen die Zahlen damit (5.258 Straftaten) und 15% an.
  • Tatsache ist auch, dass die Zahlen schwer vergleichbar sind, weil sich die Gesetzeslage der einzurechnenden Taten geändert hat:

Mit dem „50. Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches – Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung“ vom 04.11.2016 wurden im Sexualstrafrecht Straftatbestände geändert und neue Straftatbestände eingeführt. Dies führt im Ergebnis dazu, dass [...] ein Vergleich mit den Vorjahreszahlen nur eingeschränkt möglich ist.

Bundeslagebericht BKA

Fakt 4: Es sind NICHT alle Zuwanderer kriminell

Wie bereits im Vorjahr war ein Drittel der tatverdächtigen Zuwanderer (33%) im Berichtsjahr mehrfach tatverdächtig und für mehr als zwei Drittel aller Straftaten mit tatverdächtigen Zuwanderern verantwortlich.

Bundeslagebericht BKA

Mehrfachtatverdächtige seien der Grund, weshalb die Zahl der tatverdächtigen Zuwanderer in absoluten Zahlen leicht gesunken sei, wohingegen es eine leichte Zunahme bei den registrierten Delikten gab.

Große Unterschiede vermerkt der Bericht beim Anteil der Tatverdächtigen nach Herkunftsstaaten und Regionen:

So lag der Anteil der tatverdächtigen Zuwanderer aus den zuwanderungsstarken Staaten Syrien, Afghanistan und Irak insgesamt bei 39%, während ihr Anteil an den Asylsuchenden bei 59% lag. Demgegenüber lag der Anteil der tatverdächtigen Zuwanderer aus den Maghreb-Staaten Algerien, Marokko und Tunesien bei 7%, während ihr Anteil an den Asylsuchenden lediglich 2,4% betrug.

Bundeslagebericht BKA


Dr. Olaf Kleist, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück sagte im Gespräch mit SWR3, dass es wichtig sei, auch nach der gesellschaftlichen Situation der Migranten zu differenzieren. Die wichtigste Frage sei hierbei: Sind sie in einem Asylantragsverfahren oder wurde ein Antrag bereits abgelehnt, droht eventuell eine Abschiebung? „Das ist letztlich eine ganz simple Feststellung, dass man sagen muss, dass die sozialen Umstände einen wichtigen Ausschlag dafür geben, wie kriminell bestimmte Gruppen sind“, so der Experte. „Ich glaube, es ist häufig schwer zu verstehen, welchen Effekt der Status, die Unsicherheit eines Status, für einen Menschen haben kann. Gerade die Unsicherheit führt dazu, dass es häufig zu weniger Kriminalität kommt. Aber gerade dann, wenn klar ist, dass man nichts mehr zu verlieren hat – bei den Gruppen wird man auch mehr Kriminalität sehen.“ Dies sei bei Deutschen nicht anders als bei Migranten.

Weshalb bestimmte Gruppen (auch in Abhängigkeit von Alter und Geschlecht) von Zuwanderern bei bestimmten Straftaten durchaus überproportional vertreten sind – warum aber eine Pauschalisierung, Zuwanderer seien grundsätzlich kriminell, laut verschiedenen Wissenschaftlern dennoch nicht zu halten ist, fasst die Tagesschau zusammen.

Verschiedene Theorien dazu, warum Menschen straffällig werden und wie sich Frustration oder Mittellosigkeit darauf auswirken können, schlüsselt die Bundeszentrale für politische Bildung ausführlich auf.

Verzerrtes Bild von Straftätern: Forscher untersuchen Pressemitteilungen der AfD

Flüchtlinge tauchen in Pressemitteilungen der AfD zur Kriminalität besonders häufig auf. Statistiken zeigen: Dadurch wird die Realität verzerrt. Eine wissenschaftliche Auswertung von Pressemitteilungen der AfD verdeutlicht, dass dort besonders Straftaten erwähnt wurden, bei denen die Tatverdächtigen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan kommen – den Hauptherkunftsländern für Asylsuchende seit 2015.

Fake News sollen Menschen gegeneinander aufbringen und das Vertrauen in Politik, Medien und Gesellschaft zerstören. Ex-AfD-lerin Franziska Schreiber berichtet im SWR3-Interview, wie Fake News von dieser Partei systematisch produziert und verbreitet werden, warum wir Falschmeldungen so gerne glauben und welche Fakten sie selbst in ihrer aktiven AfD-Zeit gefälscht hat.

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Andere große Bevölkerungsgruppen blieben hingegen weitgehend unerwähnt – beispielsweise Menschen aus der Türkei, Polen, Rumänien, Italien, Serbien und Russland. Straftaten von Deutschen spielen praktisch überhaupt keine Rolle bei der AfD.

Einer der Auslöser dieses Forschungsprojektes war der oben erläuterte Fall des sächsischen AfD-Funktionärs Maximilian Krah, der Zahlen wohl frei erfunden hatte. Weitere Erfindungen konnten die Forscher im Untersuchungszeitraum nicht mehr feststellen. Gerüchte und Spekulationen mit völlig absurden Zahlen seien die Ausnahme. Vielmehr überwiege zwar „eine einzelfallorientierte, narrative Darstellung“, häufig würden aber „offizielle Statistiken – wenn auch sehr selektiv – zitiert“, schreibt Thomas Hestermann, der das Projekt geleitet hat.

Zusammengefasst kamen die Forscher zu dem Ergebnis: Die Pressemitteilungen der AfD zur Kriminalität zeigten kein ausgewogenes Bild der Gesamtentwicklung, sondern nehmen vor allem Zuwanderer in den Blick. 95 Prozent beziehen sich auf ausländische, fünf Prozent auf deutsche Tatverdächtige. Bei den deutschen Staatsbürgern verweise die AfD zudem oft auf einen Migrationshintergrund.

Mehr dazu kannst du bei der Tagesschau nachlesen.

Tipps zum Umgang mit Zahlen und Statistiken im Internet:

  • Kritisch sein mit Zahlen: Zahlen sind immer schwierig, ganz egal, woher sie kommen. Seriöse Studien weisen auf die Unsicherheiten und Unschärfen in der Erhebung hin, so ist es auch bei den regelmäßigen Berichten der Polizei oder des Bundeskriminalamtes. Es handelt sich um Annäherungen an die Realität, nicht um eine Abbildung der solchen.
  • Vorbemerkungen lesen: Wenn du eine Statistik siehst, lies unbedingt die Vorbemerkung. Da steht bei seriösen Quellen schon vieles drin, was die Interpretation der Zahlen einschränkt und überhaupt erst ermöglicht.
  • Verschiedene Berichte vergleichen: Meist liefern seriöse Institute Einordnungen, äußern sich zu Problemen bei der Erhebung und hinterfragen die eigenen Statistiken. Auch verlässliche Medien ordnen Studien ein und beleuchten mögliche Fehlerquellen. Gut ist, sich bei mehreren Quellen zu bedienen und zu schauen – wie ordnen die das jeweils ein, gibt es gravierende Unterschiede?
  • Erklärungen fordern: Oft sehen wir Zahlen aber erst einmal verkürzt auf Social-Media-Posts – hier kann eine Einordnung bei komplexen Sachverhalten selten erfolgen. Deshalb in die Kommentare gucken: Seriöse Portale posten unter Memes und Bilder oft Artikel, in denen die Sachverhalte ausführlich erläutert werden. Wenn es das nicht gibt: nachfragen!
  • Interesse hinterfragen: Welches Interesse kann derjenige haben, der die Zahlen erhoben hat, postet oder interpretiert? Falls es keine Quellenangabe gibt: gleich wegwerfen.
  • Lücken suchen: Sich fragen: Was können uns die Zahlen NICHT sagen? Das ist oft die aufschlussreichste Frage.

Mehr Tipps: So erkennst du Fake News

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Kira Urschinger
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SWR3