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Wer in Italien einen Führerschein hat, muss ihn nach 10 Jahren verlängern. Ohne Gesundheitscheck gibt's keinen neuen. Dies ist bereits in vielen Ländern üblich, Deutschlands Verkehrsminister Scheuer sagt aber: Senioren im Test auf Verkehrstauglichkeit zu prüfen? Nicht mit mir!

Laut Bußgeldkatalog 2018 rechtfertigen körperliche, geistige, aber auch charakterliche Mängel einen Führerscheinentzug. Oft sind im Alter körperliche Defizite ausschlaggebend. Doch nicht alle Menschen sind gleich. Es gibt 80-Jährige, die fitter sind als so mancher 20-Jährige. Deswegen ist es auch schwierig einen generellen Führerscheinentzug einzuführen.

Andere Länder, andere Sitten

In Deutschland kann man sich theoretisch selbst zum Bestattungsunternehmen fahren, es gibt einfach kein Alterslimit für den Führerschein. Im Ausland läuft das oft anders:

  • Italien: Menschen unter 50 müssen alle zehn Jahre zur Kontrolle. Ab dem 50. Lebensjahr wird härter überprüft. Dann muss alle fünf Jahre der Führerschein verlängert werden, ab 70 alle drei Jahre und ab 80 alle zwei Jahre.
  • Dänemark: Wer hier 75 Jahre und älter ist, muss alle zwei Jahre ein Attest vorlegen, wenn der Führerschein verlängert werden soll. Ab 80 sogar jedes Jahr.
  • Niederlande: Gibt es auch eine Attest-Pflicht. Die gilt schon ab 70, allerdings wird hier nur alle fünf Jahre gecheckt, ob man noch fit genug ist ein Auto zu fahren.
  • Schweden, Großbritannien und Griechenland: Autofahrer ab dem 70. Lebensjahr werden alle drei Jahre ärztlich überprüft.
  • Spanien: Mit 45 Jahren muss jeder mit spanischem Führerschein zum Fahrtüchtigkeitstest. Der muss auch alle zehn Jahre wiederholt werden. Ab 70 alle zwei Jahre.
  • Deutschland: Auch bei uns müssen Führerscheine verlängert werden. Alle, die seit dem 19. Januar 2013 ausgestellt werden, gelten 15 Jahre. Der Unterschied bei uns: Wir müssen kein Attest beilegen, sondern nur ein Foto und aktuell 24 Euro Bearbeitungsgebühr. Das war's, egal wie alt wir sind.

Wie sage ich es meinen Eltern?

Nils Dampz aus dem SWR3-Morningshowteam hat sich mit Verkehrspsychologe Ralf Buchstaller darüber unterhalten, wie man das sensible Thema Führerscheinentzug am besten mit den Eltern bespricht:

Wie feinfühlig muss ich vorgehen bei so einem Thema?

Verkehrspsychologe Ralf Buchstaller; Foto: TÜV Nord

Verkehrspsychologe Ralf Buchstaller

TÜV Nord

Buchstaller: „Es ist ein bisschen geschlechtsabhängig. Mit der Mutter kann man da vielleicht ein bisschen besser darüber reden, als mit dem Vater. Den Vätern ist das Autofahren meist noch ein bisschen bedeutsamer.

Führerscheinentzug ist ein bedeutender Punkt im Leben, weil man einen Teil seiner Selbständigkeit verliert.

Es gibt bestimmte Punkte, die eine Zäsur darstellen: Austritt aus dem Erwerbsleben, Führerschein abgegeben, betreutes Wohnen irgendwann vielleicht,…. Diese Punkte haben alle so ein bisschen was mit Teilnahme am sozialen Leben zu tun, mit Autonomie.“

Ab wann merke ich: Meine Eltern sind nicht mehr so fahrtauglich?

Buchstaller: „Plötzliche kleine Beulen am Auto vom Einparken können ein Indiz sein. Das sind sicherlich erste Anzeichen. Oder wenn man selbst mitfährt: Der Fahrradfahrer wurde nicht so gesehen, der Schulterblick war nicht mehr so korrekt ausgeführt,… das sind alles kleine Hinweispunkte.

Am besten ist es das Thema anzusprechen, wenn die Eltern noch gut fahren können.

Vielleicht mal öfter Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln mit ihnen machen, damit es gar nicht erst zu der problematischen Situation kommt. Falls doch, sollte man sich möglichst viele Verbündete innerhalb der Familie suchen oder den Hausarzt mit einbinden, der eine Vertrauensstellung bei den Eltern hat. Dann fällt es ihnen vielleicht auch irgendwann leichter nachzugeben.“

Das sagt der ADAC: Ältere Menschen bauen weniger Unfälle

Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass ältere Autofahrer (65+) mehr schwere Unfälle verursachen, zeigt die Unfallstatistik ein anderes Bild. Obwohl Senioren 21 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, verursachen sie weit weniger Unfälle (15 Prozent). Entscheidend für eine unfallfreie Teilnahme am Straßenverkehr sei nicht das Lebensalter, sondern neben dem Gesundheitszustand des Fahrers auch die in einem langen Kraftfahrerleben erworbene Fahrroutine.

Senioren im Straßenverkehr

Seniorenbüro Biberach

Im Seniorenbüro Biberach können Senioren ihren Führerschein freiwillig abgeben und bekommen dafür ein Jahresticket für Bus und Bahn geschenkt. Schon 120 Abgaben gab es in diesem Jahr. SWR3-Redakteur Daniel Isengard hat sich mit Christian Walz, dem Leiter des Seniorenbüros, unterhalten.

Walz: „Unser Stadtseniorenrat hat recht erfolgreich ein Projekt initiiert zum Thema Fahrsicherheit. Senioren können quasi einen Fahrfitnesscheck machen. Zugleich bieten wir Senioren die Möglichkeit, dass sie ihren Führerschein freiwillig zurückgeben können. Dann bekommen sie ein kostenloses Jahresticket für Bus und Bahn. Dieses Ticket soll den Anreiz bieten auf das Auto zu verzichten und den öffentlichen Nahverkehr zu testen.“

Ist der Führerschein einmal abgegeben, gibt es auch kein zurück, oder?

Führerschein; Foto: dpa/picture-alliance
dpa/picture-alliance

Walz: „Die Senioren müssen bei uns eine Verzichtserklärung ausfüllen, in der vermerkt werden kann, dass sie ihren Führerschein als Erinnerungsstück mit dem Vermerk ungültig wieder zurück bekommen. Meine Erfahrung ist, dass es den Personen, die den Führerschein abgeben bewusst ist, dass sie den Führerschein nicht mehr zurückbekommen. Auf der anderen Seite reduziert das auch die Hemmnis, sich von dem alten grauen Lappen endgültig zu trennen.“

Was sind die Gründe für die Abgaben?

Walz: „Die Gründe liegen darin, dass manche Senioren sagen, dass ihnen mittlerweile zu viel Verkehrsaufkommen ist, dass sie da unsicher werden, auch teilweise gesundheitliche Einschränkungen und so ist es dann wirklich eine bewusste Entscheidung, sich von dem Führerschein zu trennen.“

Ähnliche Projekte gibt es übrigens auch in anderen Städten in SWR3Land, zum Beispiel in Ludwigsburg, Kaufbeuren oder Ulm.