Stand:

Depressionen sind keine kleinen Stimmungsschwankungen. „Mach mal Sport, dann wird's schon besser“ ist also ein Tipp, der Betroffenen sicher nicht hilft. Zur Vorbeugung allerdings kann Bewegung etwas bewirken – und es muss kein Leistungssport sein.

Eine Stunde Sport pro Woche reicht

Depressionen können jeden treffen. Was wie ein abgedroschener Spruch klingt, trifft bei dieser Erkrankung wirklich zu. Umso wichtiger ist für die Wissenschaft die Frage, ob es irgendwelche Möglichkeiten gibt, depressiven Erkrankungen vorzubeugen.

Eine internationale, großangelegte Studie eines Forscherteams um die University of News South Wales will eine solche Möglichkeit gefunden haben: Sport, beziehungsweise sportliche Aktivität. Bereits eine Stunde Bewegung in der Woche soll das Risiko vermindern, an Depressionen zu erkranken, so das Ergebnis.

Insgesamt haben die Wissenschaftler dafür Daten von über 250.000 Menschen analysiert, aus unterschiedlichen Ländern und in unterschiedlichen Altersklassen. Die Untersuchung lief über mehrere Jahre.

Botenstoffe im Gehirn und neue Ziele

Der Grund für die positive Wirkung liegt vor allem in unserem Gehirn. Beim Sport werden bestimmte Botenstoffe in unserem Gehirn ausgeschüttet, die für Wohlbefinden sorgen. Darüber hinaus sehen mehrere Experten das Zielesetzen als förderlich an: Wer sich beim Sport vornimmt, gewisse Dinge zu erreichen und zu schaffen, bricht erst einmal aus dem negativen Gedankenkarussell aus. Werden die Ziele dann auch erreicht, stellt sich eine Zufriedenheit ein, das Gehirn aktiviert das Belohnungszentrum und gibt uns ein gutes Gefühl.

Wir haben für unsere Recherche mit einzelnen Betroffenen gesprochen. Viele von ihnen sagen, dass der Sport subjektiv ihre Situation verbessert oder einen Ausgleich zu depressiven Schüben sowie ein besseres Körpergefühl schafft.

Dennoch ist wichtig zu betonen: Der Sport bietet natürlich keine Garantie, er ist kein absoluter Schutz gegen Depressionen. Er kann lediglich das Risiko mindern und erste Stimmungsschwankungen (die übrigens jeder Mensch im Laufe seines Lebens hat) ausgleichen.

Der Risikoschutz ist unabhängig vom Alter

Über fünf Millionen Menschen in Deutschland haben im Jahr mit behandlungswürdigen Depressionen zu kämpfen. Das sagt die Deutsche Depressionshilfe. Nur wenige davon sind in professioneller Behandlung. Ein neues Online-Tool soll Abhilfe schaffen.

 mehr...

Bei der Auswertung hat das internationale Forscherteam außerdem festgestellt, dass körperliche Aktivität für alle Altersgruppen dieselben Auswirkungen hat. Der Effekt auf die Psyche und den Körper ist also überall gleich, egal ob bei Jugendlichen, Erwachsenen oder älteren Personen. Unter den Begriff Sport fällt übrigens nicht nur Joggen, Zumba-Tanzen oder Fitnessstudio – jede körperliche Aktivität, die uns in Schwung bringt, kann helfen. Auch Gartenarbeit oder ein normaler Spaziergang können helfen, genauso wie Yoga-Übungen und Meditation. Umgekehrt könne sich mangelnde Bewegung negativ auswirken.

Die Auswertung der Daten konnte belegen, dass Teilnehmer, die sich nur wenig bewegten, ein größeres Risiko hatten, eine Depression zu entwickeln, als die Teilnehmer, die eine hohe körperliche Aktivität aufwiesen.

Die Forscher sehen Handlungsbedarf – und in den Ergebnissen der Studie Hinweise darauf, wie wir den steigenden Erkrankungszahlen in unserer Gesellschaft begegnen könnten.

Am Wichtigsten ist es, nun sicherzustellen, dass diese überwältigenden Ergebnisse zu angemessenen Richtlinien führen. Sie sollen helfen, Einrichtungen zu verbessern, die zu Depressionen neigenden Mitglieder unserer Gesellschaft unterstützen, an Programmen zur Steigerung der körperlichen Aktivität teilzunehmen.

Dr. Simon Rosenbaum, Co-Autor der Studie

Prävention am Arbeitsplatz oder in der Schule

Im Übrigen legt die Studie nahe, dass die Schutzfunktion vor Depressionen bei allen Menschen gleichermaßen aufgebaut wird, unabhängig von ihrem allgemeinen körperlichen Zustand und weiteren Faktoren wie Rauchen oder Übergewicht. Die Wissenschaftler wünschen sich, dass diese Erkenntnisse nicht erst in der Behandlung von Patienten Anerkennung findet, sondern zu einer Neusortierung der Prioritäten im Alltag führt.

Die überzeugenden Beweise, die wir hier vorbringen konnten, liefern die ausschlaggebenden Argumente, um Menschen in der Schule, am Arbeitsplatz und in ihrer Freizeit dazu zu bringen, sich mehr zu bewegen. 

Dr. Joseph Firth vom NICM Health Research Institute

Depressionen sind da, wo man sie nicht erwartet

Immer wieder sorgen prominente Fälle für Aufsehen – ja, auch Künstler wie Avicii oder Chester Bennigton, oder Sportler wie der Torwart Robert Enke, litten unter Depressionen oder unter Angststörungen. Hoffnungslosigkeit und Angst sind auch da, wo man sie nicht erwartet. Das größte Problem: Es wird viel zu selten darüber gesprochen, auch Betroffene wissen oft selbst nicht, dass sie krank sind. Experten schätzen, dass Depressionen nur bei der Hälfte der Patienten richtig diagnostiziert wird – damit wird die Krankheit oft viel zu spät entdeckt. Dabei gibt es Behandlungsmöglichkeiten und Chancen, einen Ausweg zu finden.

Unsere Notfallkiste gegen schlechte Stimmung

Welche Wege führen aus der Depression?

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu YouTube erst her, wenn du dies erlaubst. Die Einwilligung ist freiwillig und gilt nur temporär. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.
Das Video bei YouTube ansehen.

Was sind Depressionen und Angststörungen?

Wenn jemand sich nicht gut fühlt, dann heißt es schnell: „Ach, bestimmt eine Depression.“ Und es kommen Tipps wie: „Iss doch Schokolade und reiß dich zusammen“. Was im Alltag leicht gesagt ist, ist für tatsächlich Betroffene ein Problem. Denn kleine Stimmungsschwankungen sind natürlich nichts gegen das, was jemand durchlebt, der ernsthaft erkrankt ist. Schokolade löst das Problem nicht. Aber das Unwissen über die Krankheit ist immer noch riesig.

Dabei sind Millionen Menschen betroffen, und es werden offenbar immer mehr – das zeigen die Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Insgesamt erkranken übrigens mehr Frauen als Männer. Aber, egal welches Geschlecht, Untersuchungen zeigen auch: Wenn die Krankheit früh erkannt wird, ist sie oft gut behandelbar. Aber was genau sind Depressionen? Und wie bemerke ich bei mir selbst oder bei Menschen in meinem Umfeld, dass sie eine Behandlung brauchen?

Die Deutsche Depressionshilfe bietet hier eine Richtlinie:

Hier geht's zum Selbsttest.

Autor
Kira Urschinger
Autor
SWR3