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Jedes sechste Kind in Deutschland lebt in einer Suchtfamilie, hat Eltern mit Alkohol- oder Drogenproblemen. So die Schätzungen, Experten vermuten eine sehr viel höhere Dunkelziffer. Wir haben mit einer Frau gesprochen, die als Kind genau das durchleben musste: den Alkohol- und Medikamentenrausch im Elternhaus.

Wir nennen sie Julia. „Als ich noch nicht auf der Welt war, war meine Mutter schon Kettenraucherin, Alkoholikerin und abhängig von Medikamenten“, erzählt sie. Auf das Baby hatte das vermutlich Auswirkungen: Ärzte sagten ihr, Julia habe vermutlich Entzugserscheinungen gehabt und deshalb nach der Geburt so viel geschrien. „Alkohol schädigt das Gehirn von der ersten Woche bis zur Geburt“, bestätigt Kinderarzt Hans-Ludwig Spohr von der Berliner Charité im SWR-Interview. Aus Erzählungen weiß Julia, dass sie nochmal ins Krankenhaus musste als kleines Kind – selbst erinnern kann sie sich daran nicht.

„Ich fühlte mich verantwortlich und schuldig“

Die Schuld für das Verhalten der Mutter empfand sie immer bei sich als Tochter: „Mutter erzählte mir, dass ich Schuld bin, weil sie ungewollt schwanger wurde und sie mich nicht abgetrieben bekam.“ Damals war es Julia nicht klar, dass ihre Mutter suchtkrank ist. Das kam erst später, mit 11 oder 12 Jahren, glaubt sie heute im Rückblick. „Ich habe mir die Schuld gegeben, weil Mutter immer meinte, dass ich schuld bin. Das hat sich so eingeprägt, ich fühlte mich verantwortlich und schuldig und habe alles getan, um sie glücklich zu machen. Ich habe mir die Frage gestellt, wie ich sie retten könnte. Ich wollte meine Mutter immer wieder aus der Sucht herausreißen.“

Ihr Vater beschützte weder Frau noch Kinder. Er sei nicht suchtkrank gewesen, meint Julia – aber sehr gewalttätig: „Mein Vater hat nur manchmal Medikamente und Alkohol genommen. Aber immer, wenn... dann waren wir in Lebensgefahr.“ Wir, das waren Julia und ihr Bruder. „Mein Vater hat mir manchmal Klosterfrau Melissengeist eingeflößt, um mich zu bestrafen. Ich dachte, ich sterbe.“

Die Situation im Elternhaus zwang sie dazu, schnell erwachsen und selbstständig zu werden. Julia erinnert sich: „Sehr früh musste ich zuhause kochen, da meine Mutter in ihrem Rausch nix hingekriegt hat. Soweit ich mich erinnere, habe ich mit fünf Jahren angefangen zu kochen und zu waschen. Ich schob mir den Stuhl zum Herd, weil ich zu klein war und verbrannte mich öfter – oder das Essen brannte an.“ Ein paar Jahre später – sie schätzt, mit etwa sieben Jahren – schickte ihre Mutter sie zum Einkaufen: Zigaretten und Rosé-Wein sollte sie mitbringen, flaschenweise. Sie erzählt, wie schwer die Flaschen waren. Manchmal ging eine kaputt unterwegs. Dann gab es zu Hause richtig Ärger.

„Ich war ihre Aufpasserin, Tag und Nacht.“

Wieder ein paar Jahre später holte sie auch Medikamente für ihre Mutter. Julia erzählt, dass sie versucht habe, mit Ärzten und den Apothekern zu sprechen, ihnen zu sagen, dass es ihr nicht gut ginge zu Hause und dass sie die Medikamente für ihre Mutter holen müsse: „ohne Erfolg“. Also machte sie weiter. Als immer noch junger Mensch begleitete sie ihre Mutter zur Arbeit, versuchte ihr Büro-Arbeiten abzunehmen, wenn sie zu berauscht war. „Ich war ihre Aufpasserin, Tag und Nacht.“

Julia ist ausgezogen, sobald sie konnte. Sie hat keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern, zog so weit wie möglich von ihrer Familie weg. Als ihr klar wurde, dass sie sich alleine nicht vor den Erinnerungen retten kann, hat sie sich Hilfe gesucht und geht seit vielen Jahren zur Therapie. Geraucht hat sie selbst nie, keine Drogen genommen, höchstens mal ein Glas Sekt getrunken. Darauf ist sie stolz.

Heute ist sie Anfang vierzig und hat weiterhin das Gefühl, dass in ihr drin eine kleine Julia zurückgeblieben ist, die sehr verängstigt ist, schreit und um Hilfe bettelt. Julia investiert viel Kraft, dagegen zu halten – sie arbeitet mit Kindern in SWR3Land und versucht ihnen das zu geben, was sie selbst nie hatte: Liebe, Zuwendung und jemanden, auf den sie sich verlassen können. Ihre Vergangenheit wird sie dabei wohl nie loswerden, sagt sie. Auch wenn sie sich wünschen würde, dass sie es könnte.

Worunter die Eltern leiden, trifft auch die Kinder

„Eine elterliche Suchterkrankung ist eines der zentralsten Risiken für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“, zu dieser Einschätzung kommen Mediziner im Drogen- und Suchtbericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). „Die entsprechenden Folgen für die Kinder können sehr tiefgreifend sein und neben körperlichen Schädigungen vor allem psychische Probleme hervorbringen.“ Die Experten stellen fest:

Dennoch ist die Versorgung jener Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend gewährleistet und muss dringend verbessert werden.

Aufwind – eine Kindergruppe für Kinder suchtkranker Eltern

Ein Beispiel für eine Initiative ist Aufwind, eine Kindergruppe in Radolfzell am Bodensee für Kinder suchtkranker Eltern. Daniel gehört zu den Kindern, die dort einmal die Woche zusammenkommen. Sein Vater war alkoholkrank, ist inzwischen an seiner Erkrankung gestorben. Daniel war 10 Jahre alt, als er zu Aufwind kam. „Meine Mutter wurde des Öfteren verschlagen von meinem Vater, ich, meine kleine Schwester, meine drei Brüder. Also, da gab es schon echt schlimme Situationen.“ Die Gruppe in Radolfzell gibt ihm Zusammenhalt, Liebe, Zuneigung.

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Besonderes Problem in vielen Familien: Alkohol

Wie bei Daniel und Julia in der Familie ist bei vielen der Alkohol ein Problem. Die Sucht der Eltern – in den meisten Fällen sei es die Alkoholsucht – sei eines der „bestgehüteten Familiengeheimnisse“, so Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung. In einem Bericht für ihren Bereich heißt es:

9,5 Mio. Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Durchschnittlich werden pro Kopf der Bevölkerung jährlich zehn Liter reinen Alkohols konsumiert. Etwa 1,3 Mio. Menschen gelten als alkoholabhängig. Nur etwa 10 Prozent unterziehen sich einer Therapie - oft erst viel zu spät nach 10 bis 15 Jahren einer Abhängigkeit.

„Deutschland ist ein Alkohol-Hochkonsum-Land“, bestätigt auch Raphael Gaßmann, Geschäftsführer Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen gegenüber der tagesschau. Im internationalen Vergleich habe Deutschland extrem niedrige Preise für Alkoholika, die außerdem immer verfügbar seien und durch eine starke Lobby vertreten – das alles schaffe eine „alkoholfreundliche Atmosphäre“.

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Statistiken zum Konsumverhalten im Alkoholatlas Deutschland

Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien

Verschiedene Verbände, die sich für den Schutz von Kindern einsetzen, fordern mehr Aufklärung und Unterstützung für die Betroffenen, von der Politik aber auch von der gesamten Gesellschaft. Denn Sucht und die Folgen für die Familie seien immer noch stark stigmatisiert, so Hennig Mielke im Gespräch mit SWR3. Mielke bildet Menschen aus, die seiner Ansicht nach besonders sensibel für das Thema Kinder in Suchtfamilien sein sollten – in Schulen, Kindergärten oder im Gesundheitswesen. „Sucht ist keine Schande“, sagt er. Das müsse man in die Köpfe der Menschen reinkriegen.

Mehr Aufmerksamkeit, insbesondere für die Kinder in suchtbetroffenen Familien: Der Paritätische Gesamtverband, der Verein Nacoa und weiteren Hilfsverbänden wollen das mit der bundesweiten Aktionswoche anschieben. Vergessenen Kindern eine Stimme geben, so das Motto vom 10. bis 16. Februar.

Hier findest du Hilfsangebote und weitere Informationen

  • Unter der 01805-313 031 ist die Sucht- & Drogenhotline erreichbar: anonym, bundesweit, rund um die Uhr – gefördert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
  • Unter der 06062-607 67 ist das Sorgentelefon für Angehörige von Menschen mit Suchtproblemen vom Deutschen Roten Kreuz erreichbar. Von Freitag - Sonntag und an gesetzlichen Feiertagen in der Zeit von 8 - 22 Uhr.
  • Der Verband Nacoa bietet Online-, E-Mail- und Telefonberatung für Betroffene und Angehörige. Das Beratungstelefon: ist erreichbar unter 030-35 12 24 29.
  • Beratung für junge Menschen in Foren und Chats bietet auch Jugendnotmail.
  • Kenn-dein-Limit: Hier findest du zusammengefasste Informationen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
  • Hier gibt es einen Handlungsleitfaden für Erzieher, Lehrer, Streetworker von dem Arbeiter-Samariter-Bund und dem Diakonie-Krankenhaus Elbigerode.
  • Der Drogen- und Suchtbericht der Regierung von 2017 setzte den Schwerpunkt auf Kinder aus suchtbelasteten Familien, hier gibt es umfangreiche Zahlen und Daten zum Thema.