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Zu Polyamorie gibt es seltsame Vorstellungen: Manche beschreiben es als „freies Vögeln“, andere als „da liebt man alle“. Aber eigentlich geht es um zwei Menschen, die bestimmen, wie sie Sexualität leben wollen – und zwar mit mehreren Sexualpartnern.

Regina Beck: Was ist Polyamorie genau und worin liegt der Unterschied zur Polygamie?

Ann-Marlene Henning: Polyamorie heißt „mehr Lieberei“ – nicht „mehr Sexerei“. Der Sex kann dazugehören, aber eigentlich geht es darum, mehrere Leute gleichzeitig zu lieben. Wichtig ist dabei vor allem Respekt. Es geht um Verabredungen mit einem „Vielleicht-Festen-Partner“ und darum, auch andere Partner zuzulassen – sowohl sexuell als auch gefühlstechnisch.

Gibt es dann in polyamoren Beziehungen so etwas wie eine Hauptbeziehung und die anderen sind Nebenbeziehungen?

Das ist etwas ganz anderes, weil die Begrifflichkeit der Vielehe sowieso meistens nur für den Mann gilt. Da darf also nur einer etwas und wenn man was mit anderen machen will, muss man sie zuerst heiraten. Man hat also mehrere fest eingetragene Partner – aber darum geht es bei Polyamorie nun gerade nicht. In einer polyamoren Beziehung gibt’s ab und an auch mal eine schriftliche Vereinbarung, aber ansonsten geht es darum, was zwei oder mehrere Leute miteinander vereinbaren, wie sie ihre Sexualität und Liebe leben möchten. Dabei kann es sein, dass jemand verletzt wird, weil es schwer auszuhalten ist, dass man selbst nicht der oder die Wichtigste für den Partner ist oder zumindest gleich wichtig oder vielleicht sogar unwichtiger als jemand anders. Das ist nicht einfach, man setzt eine große Differenzierung voraus: Man muss sehr gut über sich selbst Bescheid wissen, über seine eigenen Gefühle, man muss teilen und sehr viel aushalten können und das ist nicht einfach.

So lebt es sich in einer polyamoren Beziehung

Wie steht es mit dem Thema Untreue in polyamoren Beziehungen?

Bei polyamoren Beziehungen wird nichts hinter dem Rücken des anderen gemacht. Natürlich gibt es Paare, die sagen: Ich mache es so, der andere soll es oder möchte es aber nicht wissen. Vorher ist aber vereinbart, dass genau das erlaubt sei. Es gibt genau so viele, die sagen, sie wollen es nicht wissen. Die sind zwar polyamor, aber sie wissen nicht, mit wem sich der andere trifft und wann. Es ist total individuell, wie das vereinbart wird. Und man müsste, um den anderen zu hintergehen, diese Vereinbarung verletzen. Wenn man zum Beispiel vereinbart hat: Ich möchte wissen, wann du was machst und dann machst du es ohne etwas zu sagen, ist es wieder so etwas wie Untreue. Also für mich ist Untreue, wenn man jemanden hintergeht und vereinbarte Dinge nicht einhält.

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Was entspricht denn unserer natürlichen Verhaltensweise? Monogamie oder Polyamorie?

In jedem Fall entspricht es uns, mehrere Partner zu haben. Monogamie ist eine späte Erfindung in unserer Menschheitsgeschichte. Kulturell gibt es viel mehr Beispiele für Polyamorie als für Monogamie. Unser Hirn mag es ehrlich gesagt auch nicht so. Und es gibt auch ein paar Untersuchungen von Universitäten, dass Frauen sogar schneller bei Monogamie gelangweilt sind, als Männer. Also konträr zu der herkömmlichen Aussage, dass Männer ihre Samen verteilen müssten. Biologisch gesehen ist es eher die Frau, die dafür sorgen muss, dass sie so viele Samen wie möglich in sich trägt.

Ganz wenige Tiere sind sich ein Leben lang treu. Schwäne sind sich zum Beispiel treu bis an ihr Lebensende, eine Fuchsart auch – oder auch die mexikanische Wühlmaus. Woran liegt das?

Bei der mexikanischen Wühlmaus hat man mit dem Hormon Vasopressin experimentiert: Die Maus war treu und dann hat man die Vasopressin-Rezeptoren durchgeschnitten und plötzlich war sie nicht mehr treu. Das muss etwas mit dem Gehirn zutun haben und bestimmten Neurotransmittern, die beispielsweise auch aktiv werden, wenn wir uns langweilen.

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Polyamorie, Monogamie, Offene Beziehung; Foto: SWR.de
41:49

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Polyamorie, Monogamie, Offene Beziehung