Autor
Mirja Raff
Raff, Mirja; Foto: SWR3
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Laura Schwengber dolmetscht Musik in Gebärdensprache. Dieses Jahr ist sie zum ersten Mal beim Wacken Open Air dabei und übersetzt für taube Menschen die gespielten Lieder in Text und Rhythmus. Wie das aussieht, könnt ihr euch hier anschauen.

Am besten ist es natürlich, wenn Laura gemeinsam mit den Musikern auf der Bühne steht, damit die tauben Besucher sich nicht entscheiden müssen, gucken sie jetzt zur Dolmetscherin oder zur Band. Das Dolmetschen sollte quasi Teil der Show sein, so dass es für alle eine coole Geschichte ist, egal ob man hört oder nicht.

Ist es schwieriger Text oder Rhythmus zu übersetzen?

„Es kommt extrem auf den einzelnen Song an“, sagt Laura. „Ich bin ganz froh, dass es in diesem Jahr keine Bands geworden sind, die reine Iron-Maiden-Shouting-Songs haben, in denen ich hätte alles auswendig lernen müssen. Das wäre extrem schwierig geworden. Zum Glück variiert es total und zum Glück sind keine Doubletime-Rapper dabei, das ist immer eine ziemliche Herausforderung.“

Eine weitere krasse Herausforderung für Laura ist es, den Ausdruck hinzubekommen, wenn die Sänger zum Beispiel heftig schreien. „Irgendwann sind meine Arme am weitesten ausgebreitet und dann geht nichts mehr, die wachsen nicht mehr. Aber ich bin gut vorbereitet, ich trainiere seit Wochen Seilchen springen, ich glaube das wird mir helfen.“

Den Bass spüren, dank Luftballon!

Die Tauben sehen die Dolmetscherin und spüren die Vibration. Manche von ihnen bringen Luftballons mit, weil das die Vibration verstärkt.

Der Luftballon hat eine so dünne Membran, dass dadurch die Bässe noch krasser zu spüren sind.

Wie erklärt man tauben Menschen, was Musik ist?

Wacken 2018; Foto: dpa/picture-alliance
dpa/picture-alliance

Es gibt Taube, die erst im Laufe des Lebens das Gehör verloren haben und eine Vorstellung für Musik haben, andere sind von Geburt an taub. „Wie der genaue Klang eines Instruments ist, das kann man Leuten, die das noch nie gehört haben, leider nicht klar machen“, sagt Laura. Am Anfang habe sie gedacht: 'Na toll, dann bringt das ja alles gar nichts', aber dann habe sie gelernt, dass es darum ja gar nicht geht. „Es geht uns ja auch nicht darum, jeden einzelnen Klang und Ton zu unterscheiden, sondern es geht viel mehr um dieses Happening. Wir gehen zusammen zu dem Konzert, es gibt ne coole Show, wir haben ganz viel Spaß und dann erzählt noch jemand zusätzlich schöne Geschichten zu Melodie und Rhythmus.“

Mein Anspruch ist, dass es eine schöne gemeinsame Sache für alle ist. Ich finde Musik und Kultur sollte für alle zugänglich sein. Kultur ist ein Menschenrecht und wir sollten es uns nicht erlauben, das irgendjemandem vorzuenthalten. Das sollten wir nicht machen.

Wie lange dauert die Choreographie zu einem Song?

Laura erzählt, dass sie am Anfang alles durchchoreographiert hat. Dafür hat sie sich komplette Konzerte angeguckt und konnte die Show später auswendig abspulen. „Sobald sich dann aber was im Programm geändert hat, dann war ich aufgeschmissen“, berichtet sie lachend. Jetzt versucht sie, spontaner zu reagieren.

Ein ganz besonderer Augenblick

Am schönsten sei es, wenn Musiker Laura bewusst in ihre Show einladen. Und dann erzählt sie von einem ganz besonderen Moment mit Max Mutzke und dem Babelsberger Filmorchester: „Das war der Wahnsinn. In der Pause war das Orchester kurz weg und es spielte nur die Band mit Max. Dadurch fehlte auf der Bühne das riesige Orchester. Max und die Band sind also ein Stück zusammengerückt und ich stand ganz alleine in meiner Ecke. Plötzlich unterbrach Max den Song und sagt, dass das so nicht geht. Er hat mich mitten auf die Bühne gestellt, sich daneben platziert und mir quasi für den einen Song seinen Spot überlassen. Das war so eine verrückt krasse Wertschätzung. Irre gut. Es war ein wunderschönes, gemeinsames Konzert.“

Wie kommt es bei den tauben Menschen an?

Manchmal hat sich Laura furchtbar darüber aufgeregt, wenn sie dachte, dass taube Menschen vor der Bühne stehen, quatschen, und sich in Gebärdensprache unterhalten. „Irgendwann kam aber jemand in der Pause zu mir und sagte: 'Laura, Laura, du glaubst es nicht, die singen mit!' – dann war mir klar, ich höre auf mich aufzuregen, die quatschen nicht, die singen mit. Ich hab das aus dem Augenwinkel nicht gesehen.“

Schön zu sehen sei auch, wenn das halbe Publikum weint und die Kerzen bzw. die Handys rausholt oder das 'oooooh' so forme, wie das Laura auch tut.

Das sind einfach gemeinsame Momente und manchmal springt der Funke so über, dass es Konzerte gibt, in denen das ganze Publikum, ob hörend oder taub, ob mit oder ohne Arme, applaudiert und das sieht so wahnsinnig schön aus.


Autor
Mirja Raff
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SWR3