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Der Kollege wird schon wieder befördert, die Kollegin wird schon wieder gelobt – da kann man schon mal neidisch werden! Aber kaum jemand will Neid zugeben. Wie geht man damit um und wann kann Neid sogar etwas Positives sein? Karrierecoach Sonja Rieder aus Wien hat Tipps:

Was ist Neid überhaupt?

Das Gefühl Neid besteht hauptsächlich aus Wut, in der dann mehr oder weniger auch eine Trauer mitschwingen kann. Wenn Neid sich auf etwas bezieht, das ich einfach nicht erreichen kann oder ich glaube es auch nicht erreichen zu können, dann ist neben der Wut auch einfach eine Trauer, ein Bedauern dabei. Es kann auch eine Resignation mitschwingen.

Man ist neidisch auf den Kollegen – sollte man dagegen ankämpfen?

Nein, es ist natürlich kein angenehmes Gefühl und wirkt umso unangenehmer, weil es so stark tabuisiert ist. Dabei ist es ein Gefühl, das zu unserer menschlichen Grundausstattung gehört. Wir sind nun einmal dazu fähig und es kommt auch ständig vor. Wichtig ist, sich einfach nicht davon überwältigen zu lassen. Man kann es ja einfach mal wahrnehmen, feststellen, vor allem auch nicht sofort darauf reagieren. Das Wichtige ist, Neid ist ja auch erst dann für Andere schädlich, wenn es uns zu gemeinen Taten animiert. Wenn es sich auf etwas bezieht, wovon man glaub, dass es etwas ist, das man selbst nicht erreichen kann, sollte man sich fragen, ob das überhaupt stimmt. Oft ist es so, dass man Vieles vom Anderen auch gar nicht weiß. Manchmal nimmt man nur an, dass es der Andere so gut hat. Oft kennt man nur die halbe Wahrheit.

Was tun, wenn man merkt, dass jemand neidisch auf einen ist?

Zunächst ist es gut, sich an Momente zu erinnern, in denen man neidisch war. Wenn man den eigenen Neid nämlich gar nicht wahrhaben will, ist man umso empörter, wenn ein Anderer mit Neid auf einen selbst reagiert. Dann sollte man überprüfen, ob eine andere Person einem schaden will. Am Arbeitsplatz muss man schon aufpassen. Neid ist zum Beispiel eine wesentliche Komponente beim Mobbing. Es kann einfach dazu führen, dass man angegriffen wird. Da muss man je nach Fall schauen, dass man darauf reagiert.

Sollte man denjenigen ansprechen?

Naja, Neid ist ein hochtabuisiertes Gefühl. Dann zu sagen: „Du bist wohl neidisch“ – das ist in unserer Gesellschaft einfach ein No-Go. So direkt sollte man es nicht machen. Indirekt wäre besser. Wenn eine Person neidisch auf einen ist, dann ist es letztendlich ihr Problem. Allerdings müsste man Angriffen oder möglichen Gerüchten entgegentreten.

In welchen Situationen kann Neid auch?

Wenn ich Neid als Wachstumsimpuls nehme, dann kann ich mein Leben entsprechend besser ausrichten. Wenn man zum Beispiel auf jemanden neidisch ist, der sehr viel Freizeit hat, dann kann ich daraus schließen, dass dieser Bereich bei mir zu kurz kommt. Wer sich solche Erkenntnissen offen gegenüber zeigt, dem ist es auch möglich, das eigene Leben mehr nach diesen verdecken Wünschen auszurichten.

Erfahrungen mit Neid aus SWR3Land

Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung. Wer neidisch ist gibt zu, dass der andere es besser getroffen hat.

Georg aus Auggen



Moin, moin! Ich gönne dem Kollegen den Erfolg. Mich selbst hingegen fühle ich ungerecht beurteilt. Das nenne ich Unzufriedenheit. Neid (Missgunst) ist etwas anderes. Gruß!

Robert aus Karlsruhe

Liebes SWR3 Team. Ich habe immer wieder das Problem, das mir meine Arbeitskollegen meinen Homeofficeplatz neiden und hinter meinem Rücken das ein oder andere schlechte Wort über mich fallen lassen. Heimarbeiter arbeiten nichts, schlafen aus und schauen nur fern. Sicher machen das einige, aber eben nicht alle. Es gehen ja auch nicht alle fünfmal während der Arbeit für 10 Minuten zum Rauchen. Was viele aber nicht begreifen wollen ist, dass es eben nicht nur das schöne zu Hause sitzen ist, sondern die Pflege von Angehörigen, die Betreuung der Kinder oder andere persönliche Lebensbedingungen diesen Schritt oft notwendig machen. Beste Grüße!

René



Autor
SWR3