Schwul oder lesbisch sein und Lehrer sein. Sich in diesem Kontext zu outen, muss man sich gut überlegen. Und deswegen hat sich Lehrer Stefan Richter (Name geändert) wohl schon gegenüber Kollegen, nicht aber gegenüber Eltern und Schülern geoutet. Brigitte Egelhaaf hat ihn getroffen.

„Ich liebe einen Mann.“ Das ist ein Statement. Das einmal im Lehrerzimmer laut sagen und fertig. Aber Stefan Richter versteht den Sinn dahinter eigentlich gar nicht:

Warum muss ich mich Pädagogen gegenüber rechtfertigen, wen ich liebe?

Stefan Richter

An seiner jetzigen Schule weiß niemand von seiner Homosexualität. „Hat sich einfach nicht ergeben bislang“, sagt er. Und an seiner vorherigen Schule war das Outing auch nicht das Ende der Debatte.

Ich hatte einen Kollegen, der mich vier Jahre lang ständig gefragt hat: „Sag mal, magst du nicht doch lieber Frauen?“ Ich hatte das mit ihm eigentlich schon lange geklärt: Er kann sich ja mit Frauen treffen – ich treffe mich mit Männern. Aber warum beschäftigt ihn das so, was ich mache?

Stefan Richter

Vieles ist noch Erziehung, meint Stefan Richter. Körperliche Nähe unter Männern – wenn es nicht gerade um Fußball geht – ist immer noch „iiih“, sagt er.

„Wenn du nicht darüber sprichst, machen das andere für dich.“ – Florian ist Fußballer und heute froh über sein Outing.

„Schwul“ ist eine gängige Beleidigung unter Schülern

Ich versuche es manchmal nicht zu hören, wenn es auf dem Schulhof weiter weg gesagt wird. Wenn es aber in meinem Nahbereich ist, höre ich es und reagiere auch, weil ich merke, dass es mich auch heute noch verletzt. Vor allem tun mir die Kinder und Jugendlichen leid, die schon wissen, dass sie homosexuell sind und sich in so einer Atmosphäre bewegen müssen. Um mich herum ist „schwul“ ein Begriff für etwas Schlechtes.

Stefan Richter

Und manche Schüler reagieren schon extrem, wenn das Thema im Rahmen der Diversitätsdiskussion im Unterricht angesprochen wird.

Wenn ein Schüler in so einer Diskussion dann aufsteht und sagt: „Das ist die Homolobby, Gehirnwäsche!“, dann merke ich schon, dass das an mir kratzt.

Stefan Richter

2014 und 2015 gingen Tausende in Stuttgart zum Beispiel auf die Straße, als das Kultusministerium die sexuelle Vielfalt in den Lehrplan aufnehmen wollte. Man sah die Ehe und das Wohl der Kinder gefährdet. Bei der Demonstration wollte Stefan Richter mit den Gegnern ins Gespräch kommen, stattdessen gab es teilweise Beschimpfungen.

„Ich hatte plötzlich zehn Adressen von Ärzten, die mir helfen können, meine Homosexualität zu heilen.“

Ist Homosexualität angeboren?

Richter trifft auf Menschen, die ihre Homophobie mit ihrer Religion begründen oder auf ihre Kultur verweisen.

Es gibt einen hohen Migrationsanteil an den Schulen und in vielen südosteuropäischen Kulturen – so erlebe ich es zumindest – ist Homosexualität etwas sehr Negatives, was nicht gewollt ist. Oder was Allah oder Gott nicht wollen. Es ist gegen die Natur. Ich weiß nicht, in welches Wespennest man damit sticht, dass man damit Leute auf den Plan ruft, die einem das Leben zur Hölle machen.

Stefan Richter

In einer Zeit, in der Schwule und Lesben sogar heiraten dürfen, lebt er die Beziehung mit seinem Partner deswegen nicht offen oder wie er es sagt: „Wir achten beim Spazierengehen immer auf den Abstand zwischen uns.“

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Lesbisches Pärchen küsst sich; Foto: fotolia/oneinchpunch
9:35

SWR3 Beziehungsshow

Tipps fürs Outing, ist Homosexualität angeboren und die Geschichte eines schwulen Lehrers

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