Stand:

Blöd benommen, was Doofes gesagt – dafür sollten wir uns schämen, auch wenn es ein unangenehmes Gefühl ist. Warum das gut ist und was die Steinzeitmenschen damit zu tun haben, erklärt Psychologe Leon Windscheid im SWR3-Interview mit Nicola Müntefering.

Nicola Müntefering: Wir sollten uns alle viel mehr schämen, sagen Sie. Aber warum denn, das ist doch ein blödes Gefühl!?

Leon Windscheid: Wie mit den ganzen blöden Gefühlen, die bei uns stattfinden, ist es mit der Scham auch: Nichts passiert in unserem Hirn ohne Grund. Ein Beispiel: Schmerzen. Das ist auch ein blödes Gefühl, das ist unangenehm. Aber Schmerzen signalisieren uns, dass etwas mit unserem Körper nicht stimmt. Und die Scham ist ein ganz altes Gefühl. Die Evolution hat uns sehr früh damit ausgestattet. Und wie mit den meisten alten Gefühlen wie Schmerzen, Angst, Liebe, ist eben auch die Scham ein ganz wichtiges Gefühl für unser Zusammenleben.

Man kann sich das so vorstellen: Unsere Vorfahren saßen ums Lagerfeuer drum herum. In kleinen Gruppen von so zehn, fünfzehn bis maximal 30 Leuten. Aber so ab 100 Leuten ist etwa Schluss, dass wir Menschen uns als Community sahen. Und wer dann noch Zusammenhalt möchte, wer dann als Gesellschaft noch funktionieren will, der braucht die Scham.

Nicola Müntefering: In welcher Situation können wir denn ganz konkret von der Scham profitieren?

Leon Windscheid: Nehmen wir noch einmal die Steinzeitmenschen und stellen uns vor, dass die einen Vorrat an Winterbeeren zusammen gesammelt haben in ihrem Dorf. Und jetzt hatten natürlich alle Hunger, es gab nicht genug Beeren – und jetzt wäre einer von denen hingegangen und hätte alle Beeren aufgegessen. Dann hätte er sich nachher extrem geschämt. Und dieses Gefühl von Scham, das versetzt uns im Prinzip in die Lage, solche Sachen zu umgehen, die wir als Gesellschaft nicht gut heißen.

Wenn man das auf die Zeit heute überträgt, kann man sich eine ganze Reihe von Situationen vorstellen, in denen es gut wäre, wenn wir uns wieder mehr schämen würden. Ich zum Beispiel fliege, wie die meisten jungen Menschen, auch immer mal wieder gern in die Sonne. Da gibt es dann die Billigflieger. Wir müssten uns aber eigentlich sehr dafür schämen das zu tun, weil ein Umwelt-Schaden entsteht, der kolossal ist. Und dieses Gefühl der Scham geht uns verloren, weil die Menschen, die davon betroffen sind, dass ich dort hinfliege, sind zu viele. Die Welt-Gesellschaft ist eben nicht mehr 100 Leute groß, sondern 7 Milliarden Menschen und das macht es schwierig.

Nicola Müntefering: Die Scham ist also auch als Mittel zur Selbstreflektion?

Leon Windscheid: Absolut. Scham kann man sich in einer Gesellschaft vorstellen, wie das Schmierfett im Motor eines Autos. Die Sorge, dass Andere das schlecht finden, was ich mache, ist in unserem Kopf tatsächlich so wie körperlicher Schmerz. Also, wenn ich eine Backpfeife bekomme, sind im Gehirn dieselben Regionen aktiv, wie wenn ich mich schäme. Und die Sorge vor diesem Schmerz und diesem unangenehmen Gefühl hält mich davon ab, Dinge zu tun, die schlecht sind.

Nicola Müntefering: Wenn Sie sagen, dass wir uns WIEDER mehr schämen sollen, impliziert das, dass wir das ein bisschen verlernt haben. Warum schämen sich die Menschen heute weniger als früher?

Herzklopfen, zitternde Knie, Schweißausbruch – typische Anzeichen unseres Körpers bei Angst. Doch: „Wir brauchen die Angst, weil sie ein Warnsignal ist“, sagt Psychotherapeutin Doris Wolf. Warum es wichtig ist, Angst zu haben, ab wann sie krankhaft wird und wie wir am besten mit ihr umgehen, darum soll es im SWR3-Report gehen.

 mehr...

Leon Windscheid: Wir leben in einer Zeit, in der jeder einem unglaublichen Anspruch an Selbstoptimierung gerecht werden soll. Das fängt mittlerweile leider schon im Kindesalter an. Den Kindern und Jugendlichen wird eingetrichtert, dass sie mit breiter Brust und aufrechtem Gang durchs Leben gehen sollen. Da ist erst einmal nichts Schlechtes dran. Aber nur auf den ersten Blick, denn oft führt das dazu, dass nicht nur das Selbstbewusstsein gestärkt wird, sondern dass Scham massiv reduziert wird. Mein Eindruck ist, dass es heute immer mehr Menschen gibt, die sich für immer weniger schämen. Wenn man sich anschaut, was für Fotos, welche intimen Momente, welche Freizügigkeit mittlerweile zum Beispiel in den sozialen Netzwerken angelegt wird, da muss man sich fragen, ob das nicht besser war, als das vor 20, 30 Jahren den Leuten noch peinlich gewesen wäre.

Nicola Müntefering: Donald Trump wurde ja auch mal bezeichnet als Ikone der Schamlosigkeit...

Leon Windscheid: Der ist da natürlich der vollkommen überspannte Bogen. Also, Donald Trump treibt die Schamlosigkeit auf die Spitze. Dem ist gefühlt alles egal. Und gerade dieses sich nicht mehr darum sorgen, was Andere von einem denken, dieses Sprüche klopfen um jeden Preis – das wirkt heute, weil es populistisch daher kommt, weil es für manche Menschen wie Stärke aussieht. In Wirklichkeit macht es aber unglaublich viel im sozialen Gefüge kaputt.

Nicola Müntefering: Wie kommen wir denn aus dieser Spirale raus, was können wir tun, um uns wieder besser und mehr zu schämen?

Leon Windscheid: Scham wirkt dann, wenn Andere da sind. Sich allein hinzusetzen und sich zu schämen geht zwar auch, aber nur in sehr geringem Ausmaß und auch dann kommt es darauf an, dass ich mir vorstelle, dass dort draußen noch andere Menschen sind, denen das, was ich da tue, unangenehm aufstoßen würde. Deswegen ist ganz wichtig, dass wir bestimmte soziale Zusammenhalte wieder herstellen. Dass wir hingehen und uns mit den Leuten, die vielleicht etwas gegen uns haben könnten, direkt austauschen. Und dass wir uns mit Leuten austauschen, die etwas gegen uns haben. Anstatt einem anonymen aufeinander Bashen im Internet lieber wieder den direkten Kontakt suchen, denn nur hier kann Scham wirken.

SWR3-Audio: Beitrag anhören; Foto: SWR3.de

Beiträge nachhören "Wir müssen uns wieder mehr schämen!"...fordert ein Psychologe

Dauer

Das sagen andere Experten zum Schamgefühl

Die Theorie des Psychologen Leon Windscheid bestätigen weitgehend auch andere Wissenschaftler. Der Schweizer Psychologe Daniel Hell aber widerspricht in dem Punkt, dass es für die Entwicklung eines Schamgefühls Leute braucht, die einen beobachten:

Es ist auch keineswegs obligat, dass Schamgefühle die Anwesenheit einer anderen Person oder einer Öffentlichkeit voraussetzen. Man kann sich auch vor sich selbst schämen. Diese persönliche Scham trägt mitunter maßgeblich zur eigenen Entwicklung bei. Sie hilft zum Beispiel die narzisstische Abhängigkeit von anhaltender Fremdbestätigung zu überwinden und trägt somit impulsgebend zur Selbstständigkeit bei.

Sein Resümee:

Jemand, der keine Selbstachtung hat, kann sich auch nicht schämen.

Ein Unterschied zwischen Scham und Schuld

In einer anderen Studie haben Forscher untersucht, was für Probanden schwerer zu ertragen ist: Schuld- oder Schamgefühl. Sie stellten fest, dass beispielsweise Geheimnisse, die mit Schamgefühlen belastet sind, für die Leute ein viel größeres Problem darstellen als ein Schuldgefühl.

Kinder müssen Schamgefühle lernen

In der Entwicklung bei Kindern haben Schamgefühle noch eine ganz eigene Bedeutung, mit der Eltern bewusst umgehen sollten. So stellt Dr. Gabriele Haug-Schnabel, Psychologin der Universität Freiburg, fest:

Die Reaktionen auf kindliche Schamgefühle können diese zu einem Sicherheit gebenden Orientierungsrahmen werden lassen, aber genau so auch zu blockierenden Eckpfeilern der Angst vor Strafe oder Übergriffigkeit.

Schamgefühle können krankhaft sein

Experten weisen außerdem darauf hin, dass Schamgefühle bei bei einigen psychischen Störungen und Erkrankungen auftreten können. Die Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. klärt über das Schamgefühl, Therapieansätze und Lösungsmöglichkeiten umfangreich auf und gibt unter anderem hilfreiche Fragen für Betroffene auf:

Wir sollten uns fragen: Schämen wir uns weniger, wenn wir alleine sind? Oder schämen wir uns, wenn andere uns sehen? Beschämen andere Menschen uns, weil wir an einer Bipolaren Störung leiden und trotz unseres Wissens erkranken? Schämen wir uns in realen Situationen oder „nur“ in unserer Vorstellung?