Stand:

Kinder kommen immer früher in die Pubertät. Ganze zwei bis drei Jahre früher als noch vor hundert Jahren! Gerade noch mit den Freunden auf dem Schulhof fangen gespielt, auf einmal geht es los mit dem Erwachsenwerden. Schwer für Eltern und Kinder. Wie meistert man diese Phase?

Bei zehnjährigen Mädchen wachsen schon Brüste, die erste Regelblutung kann mit elf oder zwölf einsetzen. Im Jahr 2007 lag der Durchschnitt für die erste Periode bei Mädchen in Deutschland bei 12,8 Jahren. Das war nicht immer so…

Chemikalien sind Schuld!

Baby mit Schnuller; Foto: dpa/picture-alliance
dpa/picture-alliance

Dass Kinder immer früher in die Pubertät kommen, hat viele verschiedene Gründe – eine Schlüsselrolle spielen dabei Chemikalien, die das Hormonsystem durcheinanderbringen. Solche hormonaktiven Stoffe stecken zum Beispiel in Plastikflaschen, Konservendosen, Babyschnullern und Kosmetik; eine Substanz gilt dabei als besonders gefährlich: BPA. In Frankreich und Japan ist BPA verboten, in Deutschland nicht – Verbraucherschützer sind empört. Die deutsche Gesellschaft für Endokrinologie – das sind die Fachleute für Hormone – übt jetzt grundsätzlich Kritik: Die neue EU-Richtlinie für eine Vielzahl von hormonaktiven Stoffen sei viel zu lasch, da müsste die Politik dringend nachbessern.

Gestresste Schwangere und zu wenig Schlaf

Für einen Frühstart in die Pubertät gibt es aber noch weitere Ursachen: Wenn Mütter in der Schwangerschaft sehr gestresst waren, kommen ihre Kinder früher in die Pubertät. Und auch eine psychisch belastete Kindheit lässt den Körper schneller reifen – möglicherweise als eine Art Notfallprogramm, um schneller erwachsen zu werden. Zu viel Lärm und zu wenig Schlaf haben den gleichen Effekt. Außerdem lässt Übergewicht Kinder früh pubertieren: Mehr Fettgewebe stimuliert die Hormone. Eltern können am besten gegensteuern, wenn sie bei ihren Kindern für viel Bewegung und gesunde Ernährung sorgen.

Kind oder doch schon Jugendlicher?

Elisabeth Raffauf; Foto: SWR3

Elisabeth Raffauf

SWR3

Diplompsychologin Elisabeth Raffauf rät Eltern, cool zu bleiben. Sie sollten darauf vertrauen, dass sich ihre Kinder entwickeln. Der eine früher, der andere später. Für Kinder sei das auch alles total schwer. „Die wissen nicht: Gehöre ich jetzt zu den Kindern oder schon zu den Jugendlichen? Sie stehen voll zwischen den Stühlen und das ist für die auch doof.“ Tipp der Psychologin: Sich zurück erinnern, wie das damals war, als man selbst in die Pubertät gekommen ist. „Das Erinnern hilft, sie zu verstehen“, so Raffauf. Pubertierende Kinder müssten den Spagat hinbekommen zwischen Kind sein und erwachsen werden.

Sie kommen zwar körperlich in die Pubertät, aber seelisch noch nicht. Ihre Seele möchte noch spielen.

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu Facebook erst her, wenn du dies erlaubst. Die Einwilligung ist freiwillig und gilt nur temporär. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.
Den Beitrag bei Facebook ansehen.

Soziale Anpassungsstörungen

Probleme in der Pubertät mit ihrem Körper haben wohl alle Kinder. Für die, bei denen es sehr früh oder sehr spät losgeht, ist die Belastung aber besonders groß. „Einige Studien zeigen, dass sowohl Früh- als auch Spätentwickler durchschnittlich ein erhöhtes Risiko für verschiedene soziale und emotionale Anpassungsstörungen haben“, sagt Entwicklungspsychologin Michaela Riediger von der Universität Jena. „Besonders gut belegt ist ein erhöhtes Depressionsrisiko bei vergleichsweise früh pubertierenden Mädchen.“

Pubertät und Sex

Eine frühere Pubertät bedeutet aber nicht automatisch einen früheren Beginn des Sexuallebens. Wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für ihren Bericht 2015 ermittelt hat, ist die Zahl der sexuell aktiven 14-Jährigen deutscher Herkunft wieder deutlich zurückgegangen: Nach teilweise zweistelligen Werten im Zeitraum 1998 bis 2005 (zwischen 10 und 12 Prozent) liegen die Zahlen wieder im einstelligen Bereich (zwischen 6 und 3 Prozent). Junge Menschen fühlen sich demnach auch insgesamt viel besser aufgeklärt als noch in den 80ern. 90 Prozent der 14- bis 17-Jährigen reden über Verhütung.