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In der Werbung, in Zeitschriften, im Fernsehen - überall werden wir durch digitale Schönheitsideale unter Druck gesetzt. Die sozialen Netzwerke geben uns den Rest. Die Folge: Immer mehr Menschen fühlen sich unwohl in ihrem Körper. Vier Experten erklären was dahinter steckt und was wir dagegen tun können.

Die Gründe dafür, dass wir uns unwohl fühlen sind vielfältig. Bewegen wir uns durch eine Großstadt wie Mainz oder Stuttgart durch die Fußgängerzone, bekommen wir allein da um die 5000 Eindrücke und Bilder zu sehen. Alle mit dem gleichen Schönheitsideal.

Das heute dargestellte Schönheitsideal ist hauptsächlich weiß, unglaublich groß, schlank und sagt eigentlich: ‚Ich esse nicht sehr viel, ich bin diszipliniert. Ich treibe Sport und ich würde mich nie gehen lassen. Man muss eigentlich immer perfekt aussehen.‘


Dr. Stevie Schmiedel; Foto: pinkstinks.de

Dr. Stevie Schmiedel, pinkstinks

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Sven Bach – Ernährungstherapeut; Foto: Sven Bach

Sven Bach – Ernährungstherapeut

Sven Bach

Gehen wir nach Hause ist die Sache noch nicht gelaufen. Ständig sitzen wir vor dem PC oder haben ununterbrochen das Smartphone in die Hand. In den sozialen Netzwerken wie Instagram, Facebook oder YouTube bekommen wir die ganzen Eindrücke gleich nochmal. Wir werden doppelt zugeballert mit Körperbildern.

Da vergleicht sich dann die 40-Jährige mit der 28-Jährigen, die noch keine Kinder hat. Das funktioniert nicht. Wir sind unterschiedlich. Wir können uns rein genetisch schon gar nicht vergleichen mit anderen. Aber: Die mediale Häufung und Präsenz von Bildern führt dazu und unter Umständen dann zu einer Körperwahrnehmungsstörung.

Sven Bach – Ernährungstherapeut


Je mehr (soziale) Medien man nutzt, desto mehr idealisierten und unrealistischen Körperbildern ist man ausgesetzt. Und das hat negative Effekte auf die Zufriedenheit mit dem Körper.

Doris Teutsch, Medienpsychologin Uni Hohenheim

Diese Bilder können eine Einstiegsdroge sein Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass es unsere Bewertungskultur ist und dass man immer und überall einer Bewertung ausgesetzt ist.

Nora Burgard-Arp; Foto: Nora Burgard-Arp

Nora Burgard-Arp, Autorin des Blogs Anorexie | Heute sind doch alle Magersüchtig)

Nora Burgard-Arp

Studien zeigen, dass zum Beispiel auch gerade junge Menschen schon früh Themen wie „bodytuning“ (einen guten Körper bekommen) als wichtigen Punkt in ihrem Leben sehen. Mit zunehmendem Alter wird der Wunsch nach dem perfekten Körper oft noch größer.

Je länger online, desto unzufriedener sind wir

Eine kanadische Studie hat belegt, dass beispielsweise Frauen, die mehr als 20 Stunden pro Woche online waren, dreimal so oft unzufrieden mit sich sind, als diejenigen, die sich weniger im Netz aufhielten. Bei Männern wird der Wunsch nach einem perfekten Körper auch immer größer.

Bilder sind eben mächtig. Wir kennen das alle, dass wir vielleicht zu Beginn eines Trends oder von Werbekampagnen sagen: Ihr kriegt mich nicht! Ein paar Monate später machen wir dann doch mit. Wenn alle das Gleiche machen, dann machen wir da auch mit. Die Werbung zum Beispiel bietet uns etwas, was wir als ‚schwer erreichbar‘ ansehen. In einer Welt in der wir viel zu essen haben, ist es schwieriger, eine schlanke Figur zu erreichen. Deshalb ist das schlanke Schönheitsideal etwas, das gefeiert wird und wir uns masochistisch danach sehnen, genau so auszusehen, weil es so schwer zu erreichen ist.

Dr. Stevie Schmiedel, pinkstinks


Das Schönheitsideal in Frauenmagazinen — Ein Problem?!

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Das Problem hat einen Namen: Der soziale (Aufwärts-)Vergleich

Wir sehen so viele Bilder von sehr schönen Menschen. Was sich bei uns abspielt, bezeichnen wir Medienpsychologen als ‚Sozialen Vergleich‘. Die Nutzer gleichen das eigene Aussehen mit dem ab, was sie sehen. Und da die abgebildeten Menschen im Allgemeinen ‚schöner‘ bewertet werden, ist das ein sogenannter ‚Aufwärtsvergleich‘.

Doris Teutsch Medienpsychologin Uni Hohenheim

Eine US-Studie, die sich speziell mit dem Thema Instagram beschäftigt hat, sagt: Nachdem man sich dort Bilder angeschaut hat, sinkt das Selbstwertgefühl und man ist schlechter drauf als vorher. Und das ist besonders bei den sozialen Netzwerken sehr heftig.

Das realistische Bild ist verloren gegangen

Eine WHO-Studie hat gezeigt: Um die 50 Prozent der Jugendlichen fühlen sich zu dick, obwohl knapp 80 Prozent Normalgewicht haben. Diäten sind schon im jungen Alter ganz normal. Fast 20 Prozent der Mädchen haben schon mal eine gemacht. Tendenz steigend.

Doris Teutsch; Foto: Doris Teutsch

Doris Teutsch, Medienpsychologin Uni Hohenheim

Doris Teutsch

US-Wissenschaftler führen das auch auf die vielen Fotos in den sozialen Netzwerken zurück. Der digitale Abgleich ist ein ständiger Stressfaktor für uns. Die Bewertung unseres Körpers findet nicht mehr face to face statt, sondern spiegelt sich in den Likes der Bilder wieder. Eine Schweizer Studie hat sich mit dem Nutzungsverhalten von Medien der bis 19-Jährigen beschäftigt. Das Ergebnis: Mehr als 90 Prozent der Jugendlichen gucken vor allem Fotos an und liken sie, wenn sie sich in sozialen Netzwerken bewegen.

Mehr als fünftausendmal die Woche — so Schätzungen — werden wir mit bearbeiteten Bildern konfrontiert. Hashtags, die sich mit dem Thema Körper befassen, gibt es Millionenfach — besonders in Netzwerken wie Instagram.

Ich glaube, dass die sozialen Netzwerke dazu beigetragen haben, dass wir in der Bewertungskultur angekommen sind, in der wir jetzt stecken. Man sollte schon genau hinschauen, ob das gut ist, dass wir uns Likes schenken und kommentieren.

Nora Burgard-Arp, Autorin des Blogs Anorexie | Heute sind doch alle Magersüchtig

So schaffen wir es, uns schön zu fühlen

Experten sagen, dass eine schlanke Figur nicht mehr als Grundvoraussetzung für Lebensglück und gesellschaftlichen Erfolg gelten und stehen sollte.

Weg von dieser ganzen visuellen Explosion. Hin zum Einfachen und Grundsätzlichen. Weg vom Unrealen zum Realismus. Das muss man sich klar machen! Wir haben Experten, Berater, Psycholgen, die helfen können. Wenn ich ein Problem mit mir habe, dann sollte ich mal ganz neutral checken lassen: Was ist möglich? Bei Facebook bekomme ich Versprechen wie ‚In sechs Wochen zum Bikinibody‘ — das ist nicht realistisch.

Sven Bach, Ernährungstherapeut

Wir haben zum Teil einfach verlernt, auf unseren Körper zu hören. Das fängt schon mit Diäten an oder dass man sich einredet, man kann mit Essen oder Beautytreatments gegensteuern. Ich glaube aber, dass es essentiell ist, dass wir wieder auf unsere Körpersignale hören. Eigentlich haben wir die Fähigkeit, auf uns zu hören. Wir müssen unserem Körper wieder mehr vertrauen, wobei das in unserer Bewertungsgesellschaft super schwierig ist.

Nora Burgard-Arp, Autorin des Blogs Anorexie | Heute sind doch alle Magersüchtig

Wir sollten es hinbekommen, als Gesellschaft ganz viele Körper schön finden zu können. Das ist eine große Herausforderung. Es ist immer einfacher, wenn man einen Trend hat, aber wir müssen gegen eine normierende Schönheits-und Modeindustrie anarbeiten. Wir brauchen mehr Frauen, die aussprechen, wie sie sich unter dieser Bombardierung von Schönheitszwängen fühlen. Wir müssen täglich dafür kämpfen. Ich wünsche mir ein Selbstbewusstsein von beispielsweise Magazinen, auch andere Körperbilder zu zeigen.

Dr. Stevie Schmiedel, pinkstinks

Man muss sich bewusst machen, dass es sich meist nicht um natürliche und reale Körper handelt. Dabei ist es wichtig, dass man sich das immer wieder ins Bewusstsein ruft. Außerdem sollte man sich mehr Bestätigung aus seinem direkten Umfeld holen und nicht immer nur den Vergleich mit den Medien machen.

Doris Teutsch, Medienpsychologin Uni Hohenheim

Hilfsangebote und Beratungsstellen

www.bzga-essstoerungen.de
www.bundesfachverbandessstoerungen.de
www.hungrig-online.de
www.anad.de
www.magersucht.de
www.ess-stoerungen.net
www.cinderella-beratung.de