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Kira Urschinger
Kira Urschinger; Foto: SWR3 / Nadine Luft
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Carola Thimm lag fünf Jahre lang im Koma. In dieser Zeit wurde sie Mutter. Als sie erwachte, musste sie wieder lernen zu essen, zu gehen und Mutter zu sein. In der SWR3-Morningshow ließ sie uns teilhaben an ihrer bewegenden Geschichte.

Sie hat ein ganz normales Leben geführt, Beamtin im gehobenen Dienst, mit 25 Jahren ein Haus gekauft. Sie arbeitete im Sozialministerium in Kiel, reiste gern. In ihrer Freizeit war sie Tauchlehrerin, mit Mitte 30 erfüllte sie sich und ihrem Ehemann noch einen Lebenswunsch – sie wurde schwanger. Dann brach sie beim Walken zusammen. Einfach so. Ein stechender Schmerz an einem Pfingstmontag. Ein Mäusebussard zog Kreise über ihrem Kopf, so beschreibt sie es im Nachhinein. Ein Aneurysma – eine Schlagader hatte sich erweitert. Spaziergänger fanden sie und brachten sie ins Krankenhaus. Zwei Operationen am Kopf, dann beschlossen die Mediziner, sie in ein künstliches Koma zu versetzen. Sie wachte nicht mehr auf. Fünf Jahre lang. Und dann eben doch.

Carola Thimm und ihre Mutter; Foto: dpa

Carola Thimm und ihre Mutter.

dpa

„Ich habe alles mitbekommen.“

An den Moment, als sie aus dem sogenannten Wachkoma wieder zu sich kam, kann sich Carola noch gut erinnern, sagt sie im Gespräch mit SWR3. An die positiven Dinge. Dann springt sie sofort zu einem anderen Thema, mit der etwas abgehackten Stimme. Als hätte sie bereits etwas im Kopf, was sie viel lieber bereden würde: „Man kann sich das nicht vorstellen, was ein Wachkoma ist, wenn man das nicht erlebt hat. Das soll auch nicht jeder kennenlernen. Aber man kann sich das nicht vorstellen. Auch die Ärzte können sich das nicht vorstellen.“

Das stimmt sicherlich. Viele von uns haben schon einmal gehört oder in einem Film gesehen, dass Menschen, die im Koma liegen, tatsächlich Dinge um sich herum wahrnehmen, aber nicht reagieren können – gefangen im eigenen Körper. Wenn es jemand dann so im persönlichen Gespräch auspackt, von den eigenen Erfahrungen berichtet, geht das unter die Haut:

Ich habe alles mitbekommen. Ich hatte auch keine Ahnung, was Wachkoma ist. Ich hatte das noch nie gehört. Und ich dachte, ich bin halt krank. Sonst ist man ja nicht im Krankenhaus. Ich war nur traurig, dass ich nichts sagen konnte. Ich hätte auch alles mit den Händen anzeigen können, aber die Hände haben nicht reagiert.


Die Zusammenhänge schienen für sie nicht klar zu sein, vieles war verschwommen, undeutlich, unlogisch. Eine Wahrnehmung war es, sie war nicht komplett weg – aber eben auch nicht so da, wie gesunde Menschen das ganz selbstverständlich mit ihren Sinnen sind.

Aber auch diese Wahrnehmung, wie durch einen Duschvorhang, kam bei Carola erst mit der Zeit. Sie erzählt von einer Erinnerungslücke, erinnert sich nicht an die kompletten fünf Jahre. Es gibt einen Zeitraum zu Beginn des Komas, bei dem sie wirklich gar nicht mehr weiß, was passiert ist. Und dann einen Punkt, an dem es anfing, dass sie sich und ihre Umwelt langsam wieder spürte.

Keine Erinnerungen an die Geburt im Koma

Ein Moment, der völlig im Koma verloren gegangen ist, ist die Geburt ihrer Tochter. Carola entband zu einem frühen Zeitpunkt in ihrem Wachkoma. Wie ihr Baby zur Welt kam, davon weiß sie nichts. Als sie dann begann, ihre Umwelt zu bemerken, konnte sie das auch gar nicht so richtig einordnen: „Ich habe gar nicht begriffen, dass ich die Mutter von diesem Kind war“, erklärt sie.

Ich habe nie verstanden, was das für ein Kind ist, das sie da mitgebracht haben. Meine Mutter hat das mitgebracht. Mein Ehemann war dabei.

Sie spricht viel über ihre Familie. Die ist ihr offenbar sehr wichtig, war eine große Unterstützung während ihrer Zeit in der Klinik und danach. Umso schwieriger ist es für Carola, dass ihr Vater starb, als sie im Koma lag. Er kam einfach nicht mehr. Sie brauchte eine Weile, bis sie das verstand. „Fast ein Jahr, bevor ich wieder aufgewacht bin, habe ich begriffen, dass mein Vater nicht mehr am Leben ist. Da kam Mutti zu mir und sagte: Jetzt ist Vati schon ein Jahr tot. Und dann habe ich es begriffen.“

Wenn Ärzte reden – und die Patientin es hört

Carola berichtet, wie wichtig es für sie auch war, gute Ärzte und Therapeuten zu haben. Und das sei auch für die sicher schwer: „Die können nicht wissen, was man mag und was man nicht ausstehen kann.“ Ein Beispiel: Wenn sie Musik spielten, die man nicht mag, dann sei das nicht aufbauend.

Viel schlimmer aber: Carola hörte einen Arzt, wie er sagte, dass er keine Chance für sie sähe.

Wahrscheinlich wird sie sterben und wenn sie nicht stirbt, wird sie nie wieder stehen oder reden können. Das ist natürlich völlig verkehrt, was der gemacht hat.

An dieser Stelle lacht sie, atmet tief ein. „Dass ein Arzt so falsche Aussagen macht, das ist völlig daneben“, ergänzt sie. Als sei das größere Problem, dass die Prognose falsch war – weniger die Tatsache, dass sie es als Patientin mitbekam, nicht reagieren konnte und quasi ausgeliefert war.

Ihre Mutter habe dann nach Büchern gesucht, nach Artikeln zu der Erkrankung. Sie habe Kontakt zu Angehörigen anderer Wachkoma-Patienten gefunden und die hätten sich gegenseitig Mut gemacht. Fünf Jahre hat die Familie durchgehalten. Dann das Aufwachen. Und das war nicht das Ende, sondern erst der Anfang der großen Arbeit, des Kämpfens.

„Ich musste alles wieder lernen, wie ein kleines Kind.“

„Es hat lange gedauert, bis ich wieder richtig gut drauf war. Ich musste alles wieder lernen, wie ein kleines Kind.“ Ihr war erst gar nicht so richtig klar, dass sie überhaupt etwas lernen muss. Denn sie habe sich ja zuletzt im Wachkoma schon sehr gegenwärtig gefühlt. Der Unterschied, als sie aufgewacht war, sei vermutlich für die Außenstehenden viel deutlicher gewesen als für sie selbst. Als dann erste Erfolge mit der Therapie kamen, spornte sie das aber an. Dennoch war es ein langer, anstrengender Weg. Bis sie sprechen konnte, das habe viele Monate gedauert.

Mittlerweile führt Carola ein glückliches Leben, als Frau, als Mutter. Ein paar Dinge darf sie nicht mehr machen, wie Fliegen oder Trompete spielen. Dafür hat sie ein neues Hobby entdeckt: Sie tanzt jetzt Zumba. Aber auch heute ist nicht alles gut. Ihr Kopf habe viele Dellen, so stellt sie sich das selbst vor. Sie ist sich dessen bewusst, dass sie jederzeit wieder ein Aneurysma, eine Blutung, bekommen kann. Die Arterien in ihrem Kopf haben zu dünne Haut – dass wieder etwas passiert, das bleibt ein Risiko, das sie mit sich trägt.

Trotzdem spricht Carola über ihre Erfahrung. Sie hat ein Buch geschrieben, Mein Leben ohne mich – Wie ich fünf Jahre im Koma erlebte, um anderen Menschen Hoffnung und Mut zu machen: Betroffenen, die kämpfen und Angehörigen, die ihre Kraft verlieren. Sie will zeigen, dass es nach dem Erwachen unter Umständen wieder ein richtig gutes Leben geben kann.

Gespräch aus der SWR3-Morningshow nachhören

SWR3-Audio: Beitrag anhören; Foto: SWR3.de

SWR3-Morningshow Carola Thimm spricht über das Wachkoma

Dauer

Das Leben nach dem Wachkoma

Wie ein Koma ausgelöst wird, wie lange die Zeit im Koma dauert und wie Menschen, die aufwachen, damit umgehen und weiterleben können, ist sehr unterschiedlich. Auch Angehörige empfinden die Situation verschieden. Eine Dokumentation von Quarks zeigt zwei weitere Geschichten zu dem Schicksalsschlag.

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Für Aufsehen hat jüngst der Fall des Wachkomapatienten Vincent Lambert in Frankreich gesorgt, bei dem letztlich ein Gericht entschied, dass er weiter ernährt wird. Die Familie war sich nicht einig, ob die Geräte abgestellt werden sollten oder nicht.

Hier die Geschichte von Vincent Lambert nachlesen

Was ist ein Wachkoma?

Ein Wachkoma ist eine schwere Bewusstseinsstörung. Laut Experten, die sich mit der Diagnosestellung beschäftigt haben, tritt sie typischerweise nach einer akuten Hirnschädigung auf. Die Patienten können die Augen auch auf stärkste Reize zunächst nicht öffnen und sind nicht kontaktfähig. Bei schwer betroffenen Patienten könne das Koma in einen Zustand mit geöffneten Augen übergehen, ohne dass aber eine Kontaktfähigkeit besteht, beziehungsweise Hinweise für ein tatsächliches Bewusstsein erkennbar sind.

Dieser Zustand wird im Englischen als „vegetative state“ bezeichnet, im Deutschen als Wachkoma, apallisches Syndrom oder neuerdings als Syndrom reaktionsloser Wachheit.

Wissenschaftsbericht der Neurologie Burgau

Woher weiß man, ob jemand wieder aufwacht?

Eine Prognose, wann ein Patient aus einem Wachkoma wieder aufwacht, lässt sich nicht stellen. Experten sind sich einig, dass es keine Möglichkeit gibt, pauschal vorauszusagen, wie lange der Wachkomazustand anhalten kann. Für manche Patienten sei es unter Umständen eine Art Durchgangsstadium auf dem Wege der Besserung. Andere könnten viele Jahre in diesem Zustand bleiben. Auch, wie es demjenigen geht, wenn er wieder erwacht, kann sehr unterschiedlich sein.

Anfang 2019 wurde ein Fall bekannt, bei dem eine Frau aus den Emiraten nach 27 Jahren in einer deutschen Klinik wieder erwacht war.

Im genannten französischen Fall von Vincent Lambert sind es mittlerweile 11 Jahre.