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Egal ob ein Autounfall, ein Sturz oder das Verlieren des Bewusstseins – es gibt viele Situationen, in denen Erste Hilfe benötigt wird. In unserem SWR3-Report Rette mich, wer kann frischen wir euer Erste-Hilfe-Wissen auf. Zusammen mit Reanimierten, Ersthelfern und Sanitätern.



Ein Tag auf der Rettungswache

Sie retten Leben. Manchmal werden sie aber auch beschimpft oder behindert. Dann wieder mit Dankbarkeit überschüttet. Der Job von Rettungssanitätern ist extrem vielseitig – auf der rein professionellen, aber genauso auf emotionaler Ebene. Was bringt Leute dazu „im Krankenwagen“ zu arbeiten und wie gehen sie mit dem um, was sie da erleben? Wir haben ein Rettungsteam in Heidelberg eine komplette Schicht lang begleitet.

Ghostbusters-Feeling auf der Rettungswache

Die Malteser Rettungswache ist ein bisschen außerhalb von Heidelberg, genauer gesagt im Hinterhof eines Industriegebiets. Direkt neben einem Vertrieb für Dönerfleisch findet man ein kleines Rolltor. Dahinter: Zwei Rettungswagen, ein kleiner Küchenbereich und eine Reihe von Metall-Spinten, die zu einer Umkleide zusammengestellt sind. Das erinnert ein bisschen an die Einsatzzentrale aus den Ghostbusters-Filmen. Jana ist 23 Jahre alt, Notfallsanitäterin und weiß, dass viele Menschen nicht genau wissen, was Notfallsanitäterin genau bedeutet.

Ich habe dafür Verständnis, ich erwarte gar nicht, dass irgendjemand weiß, was ein Notfallsanitäter, was ein Rettungsassistent ist – es gibt auch noch den Rettungssanitäter. Es gibt so viele Qualifikationen. Für die Leute ist das alles „der Krankenwagen“. Das ist auch in Ordnung.

Jana; Notfallsanitäterin

Notfallsanitäterin heißt: Jana hat eine dreijährige medizinische Ausbildung hinter sich. Also nicht zu verwechseln mit dem Rettungssanitäter, der innerhalb von drei Monaten auf seinen Job vorbereitet wird – aber auch mehr macht, als Kranke durch die Gegend zu tragen. Das Team auf der Rettungswache in Heidelberg ist sehr jung.

Guido, Jana und Florian aus der Rettungswache Heidelberg; Foto: SWR3

v.l. Guido, Jana und Florian aus der Rettungswache Heidelberg

SWR3

Rettungssanitäter ist auch ein Studentenjob

Die kurze Ausbildung zum Rettungssanitäter ist vor allem für Studenten interessant, die sich etwas dazu verdienen wollen. So kam auch Jana dazu, nur hat sie irgendwann ihr Sprachwissenschaftsstudium abgebrochen, weil sie gemerkt hat, dass dieser Job für sie perfekt ist.

Ich finde es sehr abwechslungsreich, also wesentlich mehr als in anderen Bereichen. Man muss richtig nachdenken, man wird gefordert und gefördert. Und der Kontakt mit den Patienten ist für mich das A und O. Dass man das Gefühl hat, man kann jemandem was Gutes tun. Sicher nicht bei jedem Einsatz, aber bei vielen Einsätzen, da geht man dann wirklich mit einem guten Gefühl nach Hause und man hat auch das Gefühl, was Sinnvolles gemacht zu haben.

Jana; Notfallsanitäterin

Und sie räumt aus ihrer Sicht auch gleich mal mit einem Punkt auf, der eigentlich viele mögliche Nachwuchssanitäter von vorneherein abschreckt: das Gehalt.

Für ein Einstiegsgehalt, muss man sagen, verdienen wir recht gut. Es gibt viele junge Leute in unserem Alter, die nicht mit diesem Gehalt einsteigen. Die Sache ist, dass man eben nicht wesentlich mehr verdienen wird, wenn man länger in dem Beruf ist. (...) Ich finde es reicht zum Leben. Ich lebe gut, ich kann mir meine Wohnung leisten und das ist es irgendwie wert für mich. (...) Es gibt sicher andere Jobs, in denen ich hätte mehr verdienen können, aber das ist es mir irgendwie nicht wert. Ich gehe lieber mit einem guten Gefühl nach Hause.

Jana; Notfallsanitäterin

Der erste Einsatz an diesem Tag ist die Verlegung eines Schlaganfallpatienten von einem Krankenhaus in ein anderes. Eine Standardprozedur. Trotzdem sehr emotional: Der Patient reagiert auf alles, was man ihm sagt, kann sich aber nicht mehr artikulieren und kaum bewegen.

Jana ist ihm gegenüber freundlich, aber professionell distanziert und sagt später dazu:

Man hat auch mal Mitleid, oder eher Mitgefühl. Das ist vielleicht das bessere Wort. Mitleid sollte es eher weniger werden. Dann bekommt man selber Probleme.

Jana; Notfallsanitäterin

Mitleid oder Mitgefühl – je nach Fall ist das nur gar nicht so leicht zu trennen. Jana ist gerade auf dem Weg zu einem Notfall – nach der Beschreibung aus dem Notruf anscheinend ein Schlaganfall, währenddessen kommt aber schon der nächste Alarm rein: den Schlaganfall übernimmt ein anderer Wagen, sie solle schnell zu einem Busbahnhof fahren, ein Busfahrer hätte einen Krampfanfall.

Der Job ist Action pur

Während es durch Heidelberg geht, steigt der Adrenalinpegel im Team – auch das ist ein Grund, diesen Job zu machen.

Natürlich haben wir es (den Beruf) auch gewählt, weil es uns auch mal Spaß macht schwerkranke oder schwerverletzte Patienten zu versorgen. Da ist Spaß so ein schwieriges Wort. Aber wir machen es einfach gerne und es fordert uns.

Vor Ort haben Fahrgäste den Busfahrer schon auf den Bürgersteig gezogen, er schreit vor Schmerzen und ist nicht ansprechbar. Nach einer kurzen Erstversorgung bringt das Team ihn ins Krankenhaus. Während der Fahrt durchsucht Jana die Tasche des Mannes nach Hinweisen auf seinen Namen und mögliche Medikamente, die er genommen haben könnte.

Jeder muss seinen Weg finden mit dem Job umzugehen

Rettungssanitäter sind für ganz kurze Zeit auf einer sehr intimen Ebene mit wildfremden Menschen. Der 42-jährige hat keinen deutschen Pass. Später wird Jana darüber nachgrübeln, dass der Mann durch den Krampfanfall jetzt wohl seinen Job als Busfahrer verloren hat und welche Auswirkungen das wiederum auf seinen Aufenthaltsstatus in Deutschland hat. Mit solchen Gedanken muss man auch erstmal umgehen lernen.

Für mich ist Reden der Weg. Es gibt Leute, die powern sich nach dem Dienst beim Sport aus, andere mögen es komplett verschweigen. Da gibt es ganz, ganz viele Varianten. Da muss jeder für sich seinen Weg finden. Man denkt auch viel darüber nach, was es jetzt für die Familie bedeutet, aber es verfolgt mich nicht.

Florian ist 20 Jahre alt und Maschinenbaustudent. Er arbeitet nebenher für ein paar Schichten im Monat als Rettungssanitäter – die Ausbildung hatte er innerhalb eines Freiwilligen Sozialen Jahres gemacht, er ist aber auch schon von klein auf bei der Feuerwehr aktiv.

Eine erfolgreiche Reanimation; Foto: dpa/picture-alliance.de/Arno Burgi

SWR3 Report: Rette mich wer kann Eine erfolgreiche Reanimation

Dauer

Rettungssanitäter bekommen auch Morddrohungen

Eine Schonfrist gibt es als Retter nicht und manche Einsätze sind dann schnell richtig heftig. In einem Fall bekam Florian als Helfer hinterher sogar Morddrohungen: 

Weil wir aus Sicht der Angehörigen nicht alles gegeben haben. Es war eine Reanimation. Das war leider nicht erfolgreich und im Nachhinein, in der darauffolgenden Woche, wurde uns dann hinterhergelaufen und Morddrohungen und so weiter geäußert. Das war dann nicht so die schöne Seite, weil wir alles geben. Und auch so eine Reanimation, auch wenn sie nicht erfolgreich ist, nimmt uns sehr mit. Das ist für uns auch nicht Alltag, dass man dann sagt: Schalt ab!

Florian; Rettungssanitäter

Angst hatte er vor den Drohungen nicht wirklich, aber man merkt deutlich, dass sie ihn schon ganz schön getroffen haben.

Ich kann dafür irgendwie kein Verständnis aufbringen. Ich verstehe schon, dass die Angehörigen sehr trauern und auch sehr leiden und in gewisser Weise auch den Schuldigen suchen – den es halt nicht immer gibt. Und dann versuchen die Angehörigen vielleicht sich daran zu klammern und zu sagen: Die haben halt nicht alles gegeben. Aber von der anderen Seite gesehen, fällt es uns sehr schwer auf so ein Missverständnis zu treffen, weil es uns sehr mitnimmt.

Florian; Rettungssanitäter

Und das aus dem Mund eines 20-Jährigen. Dass die Rettungsteams ganz oft so jung sind und trotzdem eine riesige Verantwortung tragen, ist vielen seiner Meinung nach überhaupt nicht bewusst.

Wenn man jetzt beim Krankentransport arbeitet, dann trägt man als Rettungssanitäter wie ich mit drei Monaten Ausbildung die Verantwortung für den Patienten und mit meinen jungen Jahren ist das auch nicht selbstverständlich. Also man realisiert das als normaler Bürger nicht, dass man da auch mal mit 20 Jahren die Verantwortung trägt für ein Menschenleben – im Zweifel.

Florian; Rettungssanitäter


Wer in Deutschland einen Führerschein machen möchte, muss einmalig einen Erste-Hilfe-Kurs belegen. Aber wenn wir ehrlich sind: wer erinnert sich nach zwei, fünf oder zehn Jahren noch daran, worauf es zum Beispiel bei einer Herz-Rhythmus-Massage ankommt oder wie eine stabile Seitenlage geht. In diesen Videos erklären wir euch drei grundlegende Handgriffe der Ersten Hilfe.

Der Rettungsgriff

Ihr kommt gerade vom sonntäglichen Nachmittagskaffee und wollt gemütlich nach Hause fahren. Am Straßenrand seht ihr ein Fahrzeug, das einen Unfall hatte. Das wirft viele Fragen auf. Wie kann ich diesem Menschen helfen? Was muss ich tun? Diese fünf Schritte bereiten euch auf so eine Situation vor.

So geht eine Herz-Rhythmus-Massage

Ihr findet eine bewusstlose Person - ohne Puls und ohne Atmung. Die Person braucht dringend eine Reanimation. Mit diesen einfachen Schritten könnt ihr in dieser Notsituation helfen.

Der Heimlich-Griff

Ihr seid beim entspannten Dinner. Plötzlich fängt euer Gegenüber an nach Luft zu schnappen und panisch zu werden. Womöglich hat diese Person sich verschluckt. In diesem Fall könnte der Heimlich-Griff helfen. So geht er richtig.

Linke Spur nach links, alle anderen nach rechts – so funktioniert die Rettungsgasse! Zumindest in der Theorie. Das klappt selbst auf der Autobahn nicht immer. Noch schwieriger wird es in der Stadt. Es gibt Gegenverkehr, Kreuzungen, Radwege und auch enge Straßen. Wie können wir da den Rettungskräften den Weg frei machen? Wir haben bei der Feuerwehr in Aachen nachgefragt.

Lutz Rößeler posiert vor seinem Notarztwagen; Foto: SWR3

Lutz Rößeler ist Feuerwehr-Fahrschullehrer bei der Feuerwehr in Aachen.

SWR3

So helft ihr Rettungskräften in der Innenstadt

Auch in der Innenstadt fahren Rettungskräfte oftmals mit bis zu 80 km/h, auch wenn da dann eine rote Ampel kommt. In diesem Fall ist am Steuer ein Auszubildender der Feuerwehr Aachen, rechts daneben Lutz Rößeler, der Chef der Feuerwehr-Fahrschule. Der gelbe Kleinwagen, der auf der Spur vor ihnen steht, hätte nach rechts ausweichen oder ein Stück in die Kreuzung reinfahren können. Dann hätte es für die Rettungsgasse gereicht, doch er bleibt stur und bewegt sich nicht.

So mussten wir jetzt in den Gegenverkehr rein, was wir nicht gerne machen.

Lutz Rößeler; Feuerwehr-Fahrschule Aachen

Kreuzungen, Ampeln, Gegenspur – das ist erlaubt

Aber welche Möglichkeiten haben wir im Straßenverkehr, um den Rettungskräften Platz zu machen. Tatsächlich dürfen wir mehr als wir denken: vorsichtig auf den Gehweg fahren zum Beispiel oder auf die eigentlich verbotene Gegenfahrspur. Wenn kein Platz zum Ausweichen ist, dürfen wir sogar vor dem Einsatzfahrzeug herfahren.


Beispielsweise man ist in einer langgezogenen Rechtskurve, die nicht einsehbar ist, da ist es nicht schlau, am rechten Fahrbahnrand anzuhalten. Da wäre es zum Beispiel eine gute Möglichkeit bis zum Ende dieser Rechtskurve etwas Gas zu geben, etwas zügiger vor dem Fahrzeug herzufahren, um danach das Überholen zu ermöglichen.

Lutz Rößeler; Feuerwehr-Fahrschule Aachen

Über rote Ampeln fahren – natürlich vorsichtig – ist ausnahmsweise auch okay. Wer dabei geblitzt wird, kann sich direkt an die Feuerwehr oder den Rettungsdienst wenden. Die helfen dann, dass das Verfahren eingestellt wird.

Auch Radfahrer und Fußgänger müssen aufpassen

Platz machen sollten übrigens nicht nur Autos, Busse und Motorräder. Auch Fußgänger und Radfahrer können die Rettungskräfte mitunter wertvolle Sekunden kosten.

Die denken auch: ‚Ich bin so schmal, ich kann ja gar nicht im Weg stehen!‘, aber wenn es halt eng ist, wir Gegenverkehr haben, müssen wir da genau so für bremsen wie für ein Auto!

Lutz Rößeler; Feuerwehr-Fahrschule Aachen

An alle Autofahrer richtet Lutz Rößeler noch einen Appell: Auch wenn ihr nicht ausweichen könnt, auch wenn ihr vielleicht Panik habt, eins geht IMMER: kein Warnblinker, sondern nach rechts oder links blinken. So weiß der Rettungswagen, dass wir ihn wahrgenommen haben und zum Beispiel auf dem rechten Fahrstreifen bleiben und nicht die Spur wechseln werden. Das ist eigentlich so das Beste, was man dem Rettungswagen tun kann.

Die wichtigste Regel im Umgang mit Rettungskräften in der Stadt ist also ganz einfach: Richtig ist erst mal alles, was den Einsatzkräften hilft und einen selbst und andere nicht in Gefahr bringt.

Diese Apps können Leben retten; Foto: dpa/picture-alliance.de / imageBROKER

SWR3 Report: Rette mich wer kann Diese Apps können Leben retten

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