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Jessica Phillipps ist Sexualbegleiterin. Wer seine Sexualität wegen seiner Behinderung nicht ausleben kann, dem hilft sie dabei in ihrer Praxis in Leinfelden. Ihr Angebot ist eine kostenpflichtige Dienstleistung. Sex gegen Bezahlung also? Klingt erst einmal merkwürdig und irgendwie auch nach Prostitution. SWR3-Reporterin Brigitte Egelhaaf wollte es genau wissen.

Es kann ganz jungfräulich und ganz harmlos anfangen

Jessica Philipps Regeln sind klar: Es findet kein Geschlechtsverkehr statt. Es sind auch Küsse, also auch auf den Mund ausgeschlossen, genauso wie Oralverkehr. Körperkontakt gibt es. Aber wann und wie weit der geht, das ergibt sich, sagt sie: „Genauso wenig, wie man beim ersten Date, wenn man sich im Cafe trifft, gleich übereinander herfällt, tut man das hier auch nicht.“ Es wird geredet, sich angenähert. Kann jemand aufgrund seiner Behinderung nicht sprechen, läuft diese Annäherung eher über Musik oder über Düfte, die eine angenehme Atmosphäre schaffen. Aber: „Das muss auch nicht jedes Mal dann gleich ausziehen und kuscheln oder so sein. Es kann ganz jungfräulich und ganz harmlos und vorsichtig anfangen. Man sitzt einfach mal nebeneinander und ich fange vielleicht an, die Hand von jemandem zu streicheln.“

Keiner will falsch berührt werden

Hilfe zur Selbsthilfe bietet sie an. Wie flirte ich? Wie berühre ich mein Gegenüber?

Sobald ich merke, da grabscht einer tollpatschig umher, dann unterbinde ich das gleich. Nicht nur ich möchte nicht falsch berührt werden, sondern auch die zukünftigen Partner wollen nicht so berührt werden.

Jessica Philipps

Jessica Philipps; Foto: seelenkind-massagen.de

Jessica Philipps, Sexualbegleiterin

seelenkind-massagen.de

„Sie sollen raus ins richtige Leben. Bei mir üben sie nur.“ Das gilt für die meisten ihrer Kunden und Kundinnen. Die Ausnahme sind Schwerstbehinderte. „Sie können meistens aufgrund von Spastiken, ihre Hände nicht so koordinieren, sodass sie sich zum Beispiel selber befriedigen können. Das ist auch immer eine Situation, die finde ich selber auch total schlimm, weil ich weiß, das ist einfach ein Grundbedürfnis, das wir haben. Und wenn man dann immer jemanden dafür braucht, der einem hilft, das ist echt unvorstellbar für uns.” Jessica Philipps hilft aber auch Paaren, wenn aufgrund einer körperlichen Behinderung gängige Stellungen und Praktiken beim Sex nicht möglich sind. Sie steht aber nicht direkt daneben und gibt Tipps. „Da kann man noch so locker und cool drauf sein, das endet dann in Geziehe und Gezerre. Man kann ja auch nicht so genau dahin schauen. Es geht einfach nicht, um es auf den Punkt zu bringen.“

Es funktioniert nicht wie beim Pizzaservice

„Es ist eben Sexualität leben und jetzt nicht nur der Akt selber. Man kann einfach auch versuchen, sich mit Hilfsmitteln zu befriedigen. Man kann gemeinsam erotische Filme schauen, erotische Hörspiele hören. Man kann dann einfach versuchen, mit der Hand zum Beispiel auch so weit es geht zu stimulieren.“

Fantasie und eigene Ideen entwickeln ist das Ziel, nicht die Abhängigkeit von Hilfe. „Wie ein Pizzaservice anrufen: Hallo, wir wollen jetzt Sex haben, kommt mal einer und hilft uns. Das geht so nicht. “

Sie ist keine Prostituierte

Jessica Philipps ist skeptisch gegenüber Prostituierten, die sich als Sexualbegleiterinnen anbieten. Verallgemeinern will sie zwar nichts, aber ihre Arbeit, sagt sie, beruht auf Berührungen, auf Augenhöhe. Alles mit viel Empathie und viel Geduld. Kunden haben ihr erzählt, dass die Erfahrungen mit Prostituierten in dieser Hinsicht eher negativ waren.

Die Prostituierte hat dann einfach eine Show abgezogen, einen Striptease hingelegt und mit ihren Reizen gespielt. Das ist aber nicht, was die Leute sich wünschen. Sie wünschen sich wirklich echte Zuneigung und eben diese auf Augenhöhe. Das muss man können oder man lässt es.

Jessica Philipps

Weg vom Milieu, rein in ein geschütztes Arbeiten – das, so Jessica Philips, ist die Idee, die viele Prostituierte dazu bringt, sich als Sexualbegleiterin anzubieten. Doch dieser Beruf erfordert einiges mehr. „Ich vergleiche das immer wie mit den Schlecker-Frauen, die damals dann plötzlich Erzieherinnen werden sollten. Um mit Menschen mit Behinderung arbeiten zu können, muss man einfach auch ein paar Basics wissen. Da geht es auch um pflegerische Tätigkeiten oder auch, wie man jemanden richtig an- oder auszieht, wenn jemand Spasmen hat. Da kann man nicht einfach einen Pulli über den Kopf streifen oder eine Hose so einfach anziehen. Das geht nicht so einfach.“

Das Interesse an ihrem Job war groß

Jessica Philips ist über ihre tantrische Arbeit zur Sexualbegleiterin geworden. Immer mehr Menschen mit Behinderung und auch Einrichtungen haben sich bei ihr gemeldet und gefragt, ob sie das auch für Behinderte anbietet. So hat sich das über die Jahre ergeben. Die Akzeptanz für ihre Arbeit sei gewachsen, sagt sie.

Andere Leute staunen über sie

„Ich bekomme immer als Feedback zu hören: Boah, das ist total toll, was du da machst, aber ich könnte das nicht. Ich denke, wenn man empathische Fähigkeiten hat, dann kann man auch das Äußere oder irgendwelche Makel völlig ausblenden. Und wenn man einfach nur fühlt, was diesen Menschen ausmacht, wer dieser Mensch ist, dann ist das so wie ein zweiter Modus, den ich einschalten kann.“

Experten im Chat

Bernhard Meyer ist Sexualtherapeut bei Pro Familia in Freiburg. Jan Kampmann ist 30 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Ihr habt gefragt, die beiden haben geantwortet!

Autor
Brigitte Egelhaaf
Autor
SWR3