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Kira Urschinger
Kira Urschinger; Foto: SWR3 / Nadine Luft
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Glaubenskrieg zwischen Eltern: Die einen lassen ihre Kinder natürlich unbedingt impfen. Die anderen sagen: Impfen ist gefährlicher als Nichtimpfen. Eine Psychologin erklärt, warum beides nachvollziehbar ist – aber nicht beides gut.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldet: Weltweit ist im letzten Jahr die Zahl der Masern-Infektionen im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel gestiegen. In diesem Jahr seien es schon bis November zehn Prozent mehr Fälle gewesen als im gesamten Vorjahr – und der Trend hält an. Auch in Deutschland bestehe Grund zur Sorge.

Die Weltgesundheitsorganisation hatte sich das Ziel gesetzt, die Masern bis 2020 auszurotten. Einer der Gründe, warum das nicht klappt: Nicht jeder, der könnte, lässt sich impfen.

„Kinder müssen Krankheiten einfach mal durchmachen.“

Tatsächlich findet knapp die Hälfte der Deutschen: „Kinder müssen Krankheiten einfach mal durchmachen.“ Danach seien sie besser geschützt vor einer Krankheit als durch eine Impfung. Zu diesem Ergebnis kam eine repräsentative Meinungsumfrage, die im Auftrag des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller e.V. (BAH) erstellt wurde. Insgesamt hat nur jeder Zweite angegeben, selbst einen aktuellen Impfschutz gegen Masern zu haben, und nur etwa jeder Dritte gegen Keuchhusten.

Allerdings: Nur sehr Wenige verweigern Impfungen komplett und lassen ihre Kinder gar nicht impfen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) warnt dennoch: Deutschland hat Nachholbedarf, wenn es ums Impfen geht. Die Risiken von Impfungen würden von den Kritikern überschätzt.

Besonders wichtig: die Masern-Impfung!

Gerade in Bezug auf die Masern ist das gefährlich. „Es ist verantwortungslos, Kinder nicht gegen Masern impfen zu lassen oder eigene Impflücken hinzunehmen“, hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gesagt. Das ist ein bisschen zu einfach, findet Psychologin Dr. Cornelia Betsch, mit der wir für die SWR3-Morningshow gesprochen haben. Sie ist davon überzeugt: „Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, machen das nicht aus bösem Willen. Sondern, weil sie sich informiert haben – und dann haben sie vielleicht im Internet Geschichten gelesen, die ihnen vermitteln, dass Impfen möglicherweise gefährlicher ist als Nichtimpfen.“

Impfkritiker treffen sich auf Facebook und im Sandkasten

Die Informationen, die Impf-Kritiker verunsichern oder verängstigen, kommen oft aus dem Internet, auch aus sozialen Netzwerken wie Facebook. Dort bewegen sich Menschen in ihrer Filterblase, in der sie nur noch die Meinungen von Menschen zu sehen bekommen, die der gleichen Meinung sind. Die Psychologin nennt das Echokammer-Phänomen. Das funktioniert genauso aber auch im Sandkasten: Kritische Eltern treffen sich, sprechen miteinander und bestätigen sich gegenseitig in ihrer ablehnenden Haltung gegen das Impfen.


Natürlich gibt es Risiken, sagt die Expertin. Aber die seien sehr gering und würden nicht rechtfertigen, es zu bevorzugen, dass ein Kind durch eine überstandene Krankheit immun wird – das bestätigt auch das Robert-Koch-Institut. Umgekehrt, so die Psychologin, sei es in Deutschland so, dass viele Krankheiten kaum noch auftreten. Das gibt Sicherheit und deshalb hätten viele Menschen das Gefühl, dass es vielleicht auch gar keine Gefahr mehr gibt, beispielsweise an Masern zu erkranken. So verschiebt sich die Wahrnehmung, welches Risiko eigentlich höher ist – das Risiko einer Impfung oder das Risiko, ernsthaft zu erkranken.

In Deutschland gibt es keine Impfpflicht

Die Psychologin will es nicht verurteilen, wenn Eltern sich oder ihre Kinder nicht impfen lassen. „Es gibt natürlich Menschen, die sagen: Ich möchte lieber, dass mein Kind im Zweifelsfall krank wird. Das darf man denken. In Deutschland gibt es die freie Impfentscheidung.“ Aus den neuesten Erhebungen gehe aber hervor, dass es ein kleiner Teil der Bevölkerung eine Impfung wirklich komplett ablehnt. Nur etwa 2 Prozent seien absolut gegen jede Form der Impfung. Die meisten aber seien eher unsicher oder auch einfach vergesslich, wenn es um Arzttermine geht.

Daher sieht die Expertin die Möglichkeit, die meisten Menschen zu überzeugen, indem man an ihre Verantwortung appelliert. Schließlich ist Impfen eine Verpflichtung, die man gegenüber der Gesellschaft hat. Wer will schon schuld sein, wenn jemand anders krank wird, der vielleicht zu alt oder zu jung ist, um selbst geimpft zu sein?

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Nicht impfen? Denkt an die Babys!

Ein Beispiel: „Ein neugeborenes Baby kann man noch nicht gegen Masern impfen. Da ist es ganz wichtig, dass alle um das Baby herum geimpft sind, damit die Krankheiten nicht übertragen werden.“ Solche Debatten würde sich die Expertin verstärkt wünschen – Debatten um soziale Verantwortung. Denn letztlich seien wir alle soziale Wesen, die nicht wollen, dass wir andere gefährden.

Für einige Eltern ist es ein zusätzliches Problem, dass sie sich schlecht aufgeklärt fühlen und unsicher darüber, wie groß die Nebenwirkungen sein können. So halten sie es für die bessere Möglichkeit, ein Kind gar nicht erst zu impfen – statt es zu tun und sich für das Falsche zu entscheiden.

Dazu kommt ein gemeiner ein Streich, den uns das Gehirn ganz unterbewusst spielt. Psychologin Cornelia Betsch erklärt: „Ich gehe zum Arzt und ich entscheide mich, das Kind soll geimpft werden. Und wenn das Kind nachher Fieber hat, dann nehme ich das ganz anders wahr, als wenn das Kind krank ist und Fieber hat. Denn beim Impfen war ich derjenige, der entschieden hat – bei der Krankheit war es Schicksal.“

„Alltagsstress hält mich vom Impfen ab.“

Aber es gibt noch ein weiteres Problem, insbesondere für Leute, die nicht rigoros Impfungen verweigern, aber irgendwie doch schon lange nicht mehr in den Impfpass geschaut haben oder vergessen, ihre Kinder zum Arzt zu bringen. „Viele Leute sagen: Alltagsstress hält mich vom Impfen ab. Das ist in Deutschland ein bedeutsamer Grund. Das liegt daran, dass Impfen nicht einfach genug ist. Das heißt: Wir machen es uns auch leicht, wenn wir uns hinstellen und sagen: Die Leute wollen es nicht“, berichtet die Psychologin aus der Praxis.

Sie wünscht sich deshalb, dass auch die Politik etwas tut, es den Menschen erleichtert, sich für das Impfen zu entscheiden oder es jedenfalls nicht einfach nur zu vergessen.

Impfen in der Schule oder im Kindergarten?

Ein Vorschlag: eine Schul- und Kindergartenimpfung. Das würde vielen Eltern ermöglichen, einfach eine Einverständniserklärung zu unterschreiben, den Impfpass mitzugeben und dann wäre das erledigt. Oder: eine umfangreichere Aufklärung. Ängste müssten ernster genommen, Fragen von Patienten beantwortet werden.

Impfen in anderen Ländern in Europa

In anderen Ländern ist man da weiter: In den Niederlanden zum Beispiel bekommt jeder einen Erinnerungsbrief, in dem drin steht, wie lange die letzte Impfung her ist und dass man die mal wieder auffrischen sollte. Das funktioniert, weil es eine Datenbank gibt, in der drin steht, wer wann impfen gewesen ist. Wer auf eine Erinnerung nicht reagiert, bei dem kommt auch schon mal die Krankenschwester vorbei und berät.

In Italien gibt es seit 2017 eine Impfpflicht. Wenn sie ihre Kinder bis zu ihrem sechsten Lebensjahr nicht geimpft haben, bekommen die Eltern keinen Krippenplatz. Außerdem drohen Strafen. Diese Regelungen wurde nach einer Masernepidemie eingeführt.

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Kira Urschinger
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