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Als Sportfotograf ganz nah dran bei den großen Sportevents des Jahres. Das ist für viele ein Traum. Einer dieser Fotografen in Matthias Hangst. Und er sagt: „Du musst erahnen, was als nächstes passiert, sonst bist du immer diesen kleinen Moment zu spät.“ Volker Janitz hat er im Interview erzählt, was für ihn die Highlights des Sportjahres 2016 waren und worauf es bei seiner Arbeit sonst noch ankommt.

Wie wichtig sind Olympische Spiele für Sportfotografen?

Matthias Hangst: Olympische Spiele sind das schönste und erlebenswerteste, was es im täglichen Leben als Sportfotograf gibt. Eine große Geschichte und das große Ziel für jeden dabeizusein – so ähnlich wie für die Sportler.

Die Foto-Highlights 2016 von Hangst und seinen Kollegen

Sportfotos vom Profi; Foto: Ryan Pier/GettyImages
Ryan Pier/GettyImages

40 Kameras bei Rennen mit Usain Bolt

Matthias Hangst: Ich war bei dem 100-Meter-Finallauf von Usain Bolt ca. 20 Meter entfernt. Ich bin in einem Fotografen-Team und da gibt es einen Plan. Jeder weiß, was er zu tun hat. Ich war ungefähr bei 70 Meter. Man weiß bei Bolt, dass er bei 50-60 Meter hochschaut und schon 1-2 Meter vorm Rest läuft. Das war meine Aufgabe. Man ist also sehr nah dran, erlebt die Atmosphäre. 100-Meter-Männerfinale ist definitiv eins der Highlights, da arbeiten auch wir Monate drauf hin.

Meine Kamera ist immer die, die ich in der Hand halte. Wir haben dann aber immer noch viele Kameras aufgebaut, die über Funk oder Kabel mit ausgelöst werden. Beim 100-Meter-Finale sind es insgesamt um die 40 Kameras – jeder Fotograf mit „seiner“ und dann noch ca. 30 Kameras, die irgendwo aufgebaut sind.

Die Kunst beim 100-Meter-Finale ist es: Wie cool bleibt man als Fotograf – und wie lange schafft man es, sich die Anzeigetafel anzuschauen. Man schaut nicht von Anfang an komplett durchs Objektiv. Denn in der Regel kann man dann nicht einschätzen, wer vorne liegt. Es ist sehr schwer fürs menschliche Auge einzuschätzen, wer 50 Zentimeter weiter vorne ist als der andere. Es geht ja aber darum, genau die Person vorne dann auch im Fokus des Fotos zu haben. Deswegen schauen wir sehr lange auf die Anzeigetafel, weil die Perspektive dort meist von oben ist und man den Abstand abschätzen kann.

Was war das Besondere bei der Fußball-Europameisterschaft?

Matthias Hangst: Das ist schwierig... es gibt zwei Momente. Die klassische Antwort ist die Geschichte um Cristiano Ronaldo im Finale. Die Tränen und die Entwicklung im Turnier. In der Vorrunde keine gute Leistung, dann durch die Zwischenrunde gemogelt. Und dann im Finale: Er spielt, verletzt sich, er geht raus, kommt als neuer Trainer mit Verband wieder, freut sich wie ein Kind und gewinnt das Ding dann auch. Die Story hätte besser nicht sein können.

Sportfotos vom Profi; Foto: Matthias Hangst/GettyImages

Cristiano Rolando jubelt nach dem gewonnen Finale bei der Fußball-Europameisterschaft 2016

Matthias Hangst/GettyImages

Mein persönlicher Moment: Im Jahr vorher war ich im Stadion in Paris, als die Anschläge dort begannen - beim Spiel Deutschland gegen Frankreich - ich hatte einen klaren Foto-Auftrag und habe im Stadion alles miterlebt, die Nacht in Paris auch noch miterlebt. Das hat mein berufliches Wahrnehmen verändert, die Wochen und Monate danach. Deshalb war mein Moment eher das Erleben der sechs Wochen bei der EM. Ich war die ganzen 6 Wochen mit meinem Team in Paris, also in der Stadt, wo man ein paar Monate vorher verstanden hat, dass es diesmal extrem knapp war. Das hat mich bewegt.

Welcher war dein Foto-Moment 2016?

Matthias Hangst: Das war für mich das Motiv meines Kollegen Cameron Spencer. Das Bild kennt glaub ich jeder: Usain Bolt im Halbfinale der Olympischen Spiele, als er sich 20 Meter vorm Ziel umdreht und seine Konkurrenten anlächelt. So ein Bild geht in der heutigen Zeit um die Welt.

Sportfotos vom Profi; Foto: Cameron Spencer/GettyImages

Usain Bolt blickt sich beim 100-Meter-Halbfinallauf in Rio 20 Meter vorm Ziel um und lächelt seine Konkurrenten an.

Cameron Spencer/GettyImages

Matthias Hangst: Mein persönlicher Foto-Moment war beim Marathon-Einlauf der Männer in Rio. Da sucht man nach echten Emotionen. Männer-Marathon in Rio bedeutet: Da sind noch die „Dabeisein-ist-alles-Athleten“ unterwegs. D. h. die kommen 45 Minuten nach dem Gold-Gewinner ins Ziel und sind einfach nur froh, in diesem Klima von Rio das Ding wirklich überlebt zu haben. Die kriechen auf allen vieren über die Ziellinie, die freuen sich wie die Kinder. Das war mein Moment. Man sucht im Profisport einfach sehr nach solchen ehrlichen Bildern. Das nimmt dich als Fotograf mit. Da sitzt du oder liegst oder kniest und weißt: Das ist pur. Da überlegt sich keiner: „Wie seh' ich aus, hab' ich noch Rotze an der Nase?“ Die sind in ihrer Welt. Und diese Momente am Rande begeistern mich.

Sportfotos vom Profi; Foto: Matthias Hangst/GettyImages

„Das ist pur! Solche ehrlichen Emotionen sucht man“, sagt Matthias Hangst. Das Foto ist vom Zieleinlauf beim Marathon der Männer bei den Olympischen Spielen in Rio.

Matthias Hangst/GettyImages

Wie sieht der Sportfotografen-Alltag aus?

Matthias Hangst: Das Tagesgeschäft ist die Bundesliga. Da sitzt man mit fünf Kameras beim Spiel. Drei Kameras sind am Mann, ein ganz langes objektiv, dann ein Telezoom und in der Regel noch ein Weitwinkel-Objektiv, wenn direkt an der Eckfahne ein Jubel stattfindet. Und dann hat man noch zwei Remote-Kameras. Die sind hinter dem Tor aufgebaut und werden über Funk oder Kabel ausgelöst. Die Hauptkamera ist die eine, die anderen sind eher Backup. Man kann bei so einem schnellen Spiel nicht die Objektive wechseln, man nimmt also die Kamera, die man gerade braucht und legt sie dann wieder weg.

Beim normalen Spiel hab ich auch ein Laptop daneben aufgebaut. Die Bilder sollen ja so schnell wie möglich zum Kunden und wir Fotografen versenden sie selbst. Bei Großevents werden die Bilder direkt zu einem Kollegen gesendet, der wählt die Bilder aus und lädt sie direkt hoch. Das garantiert Geschwindigkeit. Beim 100-Meterfinale haben wir es in unter einer Minute geschafft. Vom Klick der Kamera bis zur Übertragung in die Bilddatenbank.

Bei einem Bundesligaspiel können abends schon mal 3000 Bilder zusammenkommen. Und am Ende reduziert sich das auf 60-100 Bilder. Das sichten dauert ca. 20 Minuten, danach kommt Bildbearbeitung und Beschriftung. Die ist besonders wichtig. In jedem Bild steht, welcher Spieler drauf ist, wo es war, was da passiert. Da kann man schon so zwei Stunden mit zubringen.

„Du musst die Abläufe kennen, sonst bist du immer den kleinen Moment zu spät.“

Matthias Hangst: Ich war selber Sportler, habe Handball gespielt und selbst Leichtathletik gemacht. Da hängt also das Herz dran. Leichtathletik ist für mich immer noch die Sportart, die mich begeistert, weil sie so vielseitig ist.

Wenn man selbst eine Sportart macht oder gemacht hat, hilft das extrem. Weil man sehr oft zu Sportarten kommt und ganz schnell antizipieren muss, was man fotografisch umsetzen kann. Dafür muss man die Abläufe kennen. Sportfotografie hat sehr viel damit zu tun, zu erahnen, was als nächstes passiert. Sonst ist man immer den kleinen Moment zu spät.

Auf seiner Webseite hat Matthias Hangst noch mehr seiner Sportfotos zusammengestellt.