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Leidenschaftlich sein, ein bisschen überschwänglich oder auch mal weinerlich und traurig... Kein Grund für einen Besuch beim Therapeuten, Gefühle sind gut! Davon hat Therapeut Dr. Christian Dogs SWR3-Moderatorin Nicola Müntefering in der Sonntagsshow erzählt.

Nicola Müntefering; Foto: SWR3
23:59

SWR3 Interview

Dr. Christian Dogs in der SWR3 Sonntagsshow

Nicola Müntefering: „Man, Du bist viel zu emotional. Geh endlich mal zum Therapeuten!“ – Was sagt der Therapeut dazu?

Dr. Christian Dogs: Der Therapeut sagt dazu: Bleib so emotional! Geh bloß nicht zum Therapeuten, damit er Dir die Gefühle nicht klaut!

Nicola Müntefering: Wer kommt denn da überhaupt drauf, dass Gefühle eine Krankheit sein könnten? Ich weiß doch, dass ich nicht krank bin, wenn ich im Kino heule.

Dr. Christian Dogs: Das ist gut, dass Sie das noch wissen. Das Dumme ist, dass immer mehr Therapeuten den Patienten einreden – wenn sie traurig sind, wenn sie Angst haben und wenn sie andere Gefühle in diese Richtung haben, dann sind sie krank. Was wichtig ist: Wir müssen begreifen, dass Trauer etwas ganz normales ist. Trauer ist nicht gleich eine Depression. Die neuen Kriterien für Depression sind so definiert: Wenn Sie länger als zwei Wochen traurig sind, dann haben Sie schon eine schwere Depression. Das ist unverschämt.

Wer sagt das?

Das sagt die Klassifikation für psychatrische Krankheiten, die die Amerikaner festlegen. Übrigens: Die Hälfte der Leute, die da beteiligt sind, sind bei Pharma-Firmen beschäftigt. Und die machen sozusagen die neuen Krankheitsbilder. Was wir haben ist eine Inflation von psychischen Krankheiten. Wir reden den Leuten ein, dass sie krank sind. Wir behandeln sie schlecht und dann haben wir auch immer mehr psychische Erkrankungen. Das sehen Sie auch in Statistiken.

Übereifrige Therapeuten sind also auch ein bisschen Schuld?

Nicht nur die, sondern vor allem der Wissenschaftskreis ist Schuld. Man ist ja dabei – und das hat man in der inneren Medizin schon gemacht – neue Werte festzulegen. Bei der Inneren Medizin waren das die Fettwerte, dann hatten plötzlich alle Leute zu hohe Fettwerte. Und das gleiche passiert jetzt in der Psychotherapie bei psychischen Erkrankungen. Man nimmt die Kriterien so weit runter, dass jeder krank ist. Jeder, der früher einfach schüchtern war, hat heute eine soziale Phobie. Wer ein paar Ängste hat, der hat gleich eine generalisierte Angststörung. Also, wir haben für jedes Gefühl einen Titel, der es krank macht. Und das ist einfach gefährlich. Wir reden die Leute krank.

Warum machen die Leute das? Warum wird uns eingeredet, dass wir mit den Gefühlen nicht umgehen können beziehungsweise, dass sie schlecht sind?

Es ist so: Wir konnten noch nie mit Gefühlen umgehen. Wir Deutschen sind das Volk, das von Kindheit an gelernt hat, einfach zu funktionieren und die Gefühle nicht mehr wahrzunehmen. Italiener sind da ganz anders. Alle südlichen Länder sind anders. Deshalb haben die auch viel weniger psychische Erkrankungen. Kaum Depressionen. Bei uns Deutschen ist nicht wichtig was Du möchtest. Bei uns ist wichtig, was Du musst. Kant hat das zusammen gefasst und hat gesagt: Der Mensch kommt nicht auf die Welt um zu genießen, er kommt auf die Welt um seine Pflicht zu tun. Und das haben wir Deutschen am meisten umgesetzt und deshalb haben wir auch die meisten psychosomatischen Erkrankungen. Wir haben mehr Betten für psychosomatische Erkrankungen als der ganze Rest der Welt zusammen.

Maske; Foto: imago / Westend61

Der Experte rät: Am Arbeitsplatz müssen wir uns zusammen reißen, aber abends und privat sollten wir die Maske auch mal absetzen.

imago / Westend61

Sie haben ein Buch genau darüber geschrieben. Gefühle sind keine Krankheit. Sie sagen, wir sollen sie wieder zulassen. Aber es gibt ja auch Momente, da ist es gar nicht gut, Gefühle raus zu lassen. Bei der Arbeit zum Beispiel, wenn ich sauer bin und anfange zu heulen. Da denken doch alle: Was ist denn mit der los?

Ja, die spinnt schon wieder. Oder die hat ein paar Ticks oder ihre Tage. Sowas kommt dann oft. Das ist natürlich auch richtig. Bei der Arbeit können wir unsere Gefühle nicht raus lassen. Das Problem ist aber für uns Therapeuten: Die meisten Leute machen das zu Hause weiter. Und die sind nicht auf einmal ab abends um sieben nicht mehr „Herr oder Frau Wichtig“, sondern die spielen ihr Spiel weiter. Das schlimme ist bei vielen Menschen: Sie haben keine Maske mehr, die Maske hat sie längst gefressen. Die können gar nicht mehr unterscheiden: Was bin ich wirklich für ein Mensch, was sind meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse? Sondern die sind immer unterwegs und immer auf Sendung und spüren sich nicht mehr. Das ist das Problem.

Viele Menschen sind auch durch die veränderte Arbeitswelt, Digitalisierung und die Wirtschaft und so weiter krank. Wie schätzen Sie das ein?

Ja, das würden die Burnout-Experten natürlich gerne so sehen. Das stimmt: Die Arbeitswelt hat sich enorm beschleunigt. Alles ist schneller geworden und Sie haben am Arbeitsplatz eine wirklich wahnsinnige Reizüberflutung. Das Problem ist: Die Menschen werden nicht krank durch die Reizüberflutung. Sie werden krank, weil sie privat nicht gegensteuern. Zu Hause machen sie auch gleich wieder das Handy an, schreiben SMS lesen, gehen ins Internet und schalten überhaupt nicht ab. Man muss sich klar machen: Das Gehirn arbeitet 24 Stunden am Tag. Und da braucht es auch Pausen. Wenn Sie den ganzen Tag schon im Beruf auf Sendung sind, dann müssen Sie abends die Reize verringern. Sorgen Sie dafür, dass auch mal Ruhe eintritt, dass Sie mal zehn Minuten in's Leere schauen, Geschwindigkeit rausnehmen. Langsamer gehen. Bei der Treppe mal jede Stufe einzeln zu nehmen. Und auch mal wieder aus dem Fenster zu schauen.