Autor
Svenja Maria Hirt
Svenja Maria Hirt, SWR3; Foto: SWR3/Alexander Winkler
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Liebe, Streit, Nähe, Hass, Trennungsandrohungen: Wer in einer toxischen Beziehung ist, erlebt eine Berg- und Talfahrt zwischen extrem schönen und extrem schrecklich Momenten. Ob deine Partnerschaft dir schadet, warum es trotzdem so hart sein kann, sie zu beenden und wie du davon loskommst, erfährst du hier.

Emotionaler Missbrauch, ständige Richtungswechsel, Abhängigkeit: Tanja Grundmann ist Beziehungsexpertin aus Köln und hat ein Buch über toxische Beziehungen geschrieben. In SWR3 erzählt sie, was die Anzeichen einer toxischen Beziehung sind.

Das sind die Anfänge einer toxischen Beziehung

Wer in einer Beziehung ist, die einen kaputt macht, fragt sich, wie es soweit kommen konnte. Grundmann erklärt, warum uns diese Menschen kriegen: „Ich muss ein emotionales Soll mit bringen. Das ist irgendein Mangelgefühl, eine tiefe Sehnsucht. Und dann kommt auf einmal jemand, der genau diese Lücke, dieses Vakuum füllen kann.“ Wir bekommen also genau das Gefühl, das wir emotional suchen. Soweit normal. So ist auch der Anfang vieler anderer Beziehungen.

Der Unterschied zur toxischen Beziehung: Der Partner kann das Gefühl nicht halten. „Die geben uns das Gefühl und nehmen uns das Gefühl wieder. In dem Moment, in dem man sich entspannt, die Last von einem fällt und man angekommen ist, in dem Moment stellt dieser Mensch die Beziehung infrage. Und dann kommt der große Horror.“

Man fällt in einen irre tiefen Schmerz und hat das Gefühl, dass nur der Andere das wieder in Ordnung bringen kann.

Tanja Grundmann

Die Schlussfolgerung: „Wir tun alles dafür, um das Gefühl wieder zurückzubekommen. Das ist der Moment, in dem wir verletzbar und manipulierbar werden.“

So erkennst du eine toxische Partnerschaft

Wer sich mit seinem Partner streitet, sagt auch gerne mal „Ich hab Stress mit meinem Freund“. Und da ist mehr Wahres dran, als man vielleicht im ersten Moment vermuten würde – zumindest aus gesundheitlicher Sicht. Aber was passiert eigentlich in unserem Körper, wenn wir streiten?

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Die kleinen Infragestellungen äußern sich mal lauter und mal subtiler. Grundmann nennt ein Beispiel: „Man hat sich ganz normal und natürlich verhalten und auf einmal sagt der eine: ‚Warum lachst du?‘ – ‚Wie warum lache ich? Das war lustig.‘ – ‚Was war denn daran lustig?‘ Und dann fängt man an, plötzlich diesen Stress zu merken, weil man schon von vorherigen Situationen weiß, das wird gleich groß. Da geht es nicht darum, dass ich in dem Moment sage, was ich lustig finde.“

Es geht also nicht um die vordergründige Ebene. „Die ist nur Trägersubstanz, um das Eigentliche übertragen zu können. Der Andere lässt den Druck nicht mehr nach, die ganze Beziehung wird wieder infrage gestellt. Das Ding wird immer größer. Und dann fängt das Gestrampel an.“

Derjenige, der emotional missbraucht wird, versucht zu beweisen, dass die Beziehung gut und richtig ist. „Dann fängt das Erklären, Bitten und Betteln an.“

Wenn aus Streit Gewalt wird

Unglücklich? Trennen? Verhaltensweisen einer toxischen Beziehung

Hier bekommst du Tipps, wie du eine Trennung überlebst oder wie du am besten die Körpersprache deines Gegenübers bei einem Date lesen kannst. In der SWR3 Beziehungsshow geht es aber nicht nur um Liebe, sondern auch um Freundschaft, Homosexualität oder Trauer.

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Wer in einer schädlichen Beziehung ist, ist in einem ständigen Überlebenskampf. Durch den Dauerstress ist man zunehmend erschöpft. Das äußert sich oft auch in körperlichen Symptomen. Grundmann erzählt, dass zum Beispiel bei Frauen dann öfter die Schilddrüse schlappmacht. Andere Menschen, die in einer toxischen Beziehung waren, erzählen auch von Gewichtsverlust, Verdauungsproblemen oder Magenschmerzen. Alles ausgelöst von mentalen Dingen.

„Es findet ein genereller Verlust des Urteils- und Erinnerungsvermögens statt, weil der Andere einem dauernd die Wahrnehmung verdreht. Ständig gibt es Richtungswechsel, ständige Trennungsandrohungen. Dadurch verliert man den Kontakt zu sich selbst und zu den orientierungsgebenden Instanzen, also dem Teil in mir, der mich warnt – die innere Stimme, die sagt: Da stimmt was nicht!“

Das Hauptproblem einer toxischen Partnerschaft:

Ich weiß in einer toxischen Beziehung nicht, ob es das Schlimmste ist, was mir je passiert ist oder ob es die tollste Beziehung überhaupt ist. Man frag sich: Ist das, was wir machen, absoluter Wahnsinn oder sind wir Pioniere der Partnerschaftserforschung?

Tanja Grundmann

Außerdem verliere man den Kontakt zur Kreativität, also die Instanz, mit der man Lösungen finden kann. All das führe dazu, dass man sich selbst nichts mehr glaubt und alles infrage stellt. Dadurch schwinde die Selbstachtung:

Die Selbstachtung schwindet, wenn man auf irgendeine Art und Weise instrumentalisiert oder missbraucht wird. Weil man gezwungen ist, die Belange und Befindlichkeiten des anderen viel stärker wahrzunehmen als die eigenen.

Tanja Grundmann

Verletzungen, Streit und Schuld: Anzeichen einer toxischen Beziehung

Tanja Grundmann hat auf ihrer Website einen Fragenkatalog, der dir helfen soll, wenn du nicht weißt, ob deine Partnerschaft dir gut tut oder Züge einer toxischen Beziehung hat. Wenn du mehr als vier Fragen mit „Ja“ beantwortest, bist du wahrscheinlich in einer toxischen Beziehung.

  1. Hast du in deiner Beziehung oft das Gefühl, dass du nie genug bist und dass es nie reicht, was du tust?
  2. Wartest du öfter vergeblich auf eine entlastende Entschuldigung, wenn er (der Partner/die Partnerin) dich verletzt hat?
  3. Leidest du zunehmend unter dem Stress, dass du immer irgendwie schuld bist?
  4. Schwankst du emotional zwischen totalem Vertrauen und tiefem Entsetzen?
  5. Hast du den Eindruck, dass du deine Schönheit und deine Vitalität verloren hast und stattdessen zunehmend müde und traurig aussiehst?
  6. Isoliert er dich von deinen Freunden und deiner Familie?
  7. Schafft es der Partner/die Partnerin immer wieder, dass du ihm/ihr mehr glaubst als dir selbst und dass du ihm/ihr Recht gibst, damit der Druck aufhört?
  8. Versuchst du ehrlicher als ehrlich zu sein und ihm/ihr immer alles genau zu sagen, weil du meinst, er/sie könne dir die kleinste Schwindelei ansehen?
  9. Hast du dich schon für Dinge entschuldigt, die du nicht getan oder gesagt hast, damit er/sie dir wieder gut ist?
  10. Wirft er/sie dir oft genau das vor, was er selber gemacht hat?

Außerdem schreibt Grundmann auf ihrer Seite über acht Zeichen, an denen du emotionalen Missbrauch in der Beziehung erkennst.

Diese Menschen sind anfälliger für schädliche Beziehungen

Menschen, die sich selber weniger spüren können, fühlen sich zu sehr empathischen Menschen hingezogen. Beziehungsexpertin Grundmann erklärt: „Ich kann niemanden beschuldigen, der nicht von Schuldgefühlen gesteuert ist. Hochempathische Menschen haben große Schuldgefühle. Auch wenn solche Menschen keine Schuld haben, suchen sie die Schuld trotzdem bei sich.“ In einer toxischen Beziehung wird genau das ausgebeutet.

Beziehung beenden? Trennung von einer schlechten Partnerschaft

Eine toxische Beziehung zu beenden ist extrem schwer. Je mehr man gefühlt hat, desto stärker wird das Bindungsgefühl zu einer Situation oder einem Menschen. Es ist eine Berg- und Talfahrt. Man hat das Gefühl, man kann die Beziehung – trotz Druck, Leid und Schmerzen – nicht aufgeben, weil man bereits so viel investiert hat.

Schmerz bindet, weil man das Gefühl hat, investiert zu haben. Das sind dann Teufelskreisläufe, die einen festhalten.

Tanja Grundmann

Die meisten Aussagen im Internet sind dabei keine große Hilfe. Standardaussagen, wie „Du musst dich abgrenzen“ oder „kein Kontakt“ seien für diese Menschen nicht umsetzbar, weil ihnen die Grundlagen fehlen, so Grundmann.

Diese Ratschläge destabilisieren die Betroffenen noch mehr. Wieder einmal erleben sie, dass es nicht reicht, was sie tun. Wieder einmal können sie etwas nicht, was jemand anderes für sie für richtig hält.

Tanja Grundmann

Was diese Menschen brauchen, ist laut Grundmann jemand, der ihnen helfe, sich selbst wieder zu verstehen und sich zu „ent-schulden“.

Diese Menschen denken, sie seien 'selber schuld.' Eine Last, die kaum zu tragen ist.

Tanja Grundmann

„Was sie brauchen ist ein sanfter, nachsichtiger Umgang mit sich selbst. Und jemanden, der es ihnen sagt. Was so blöd klingt, ist oft nötig: Sie können genau das selber nicht mehr und brauchen so eine Art Erlaubnis von Außen“, erklärt Grundmann weiter.

Wer sanft und nachsichtig mit sich selbst umgeht, kommt wieder in seine Kraft zurück und das mitunter sehr schnell. Erst, wenn Entlastung und Ent-schuldung kommen, weil man die Zusammenhänge in anderem Licht sieht, kann über Entscheidungen und Vorgehensweisen nachgedacht werden.

Tanja Grundmann

Grundmann rät erst mal nur zu den Maßnahmen, die umsetzbar seien. Also Maßnahmen, die dazu führen, dass Kraft, Selbstachtung und Selbstbestimmtheit zurückkommen. Dann erst könne man darüber nachdenken, was konkret zu tun ist.

Mehr Tipps, wie du aus einer toxischen Beziehung wieder rauskommst, erfährst du im SWR3-Beziehungsshow-Podcast.

Kein Druck: Das können deine Freunde für dich tun

Grundsätzlich gilt: Freunde sollen nichts tun, was neuen Druck erzeugt. Grundmann erklärt: „Menschen in toxischen Beziehungen stehen so unter Druck, die können nicht mehr. Und neuer Druck ist weder richtig noch ist er hilfreich.“ Sätze wie: ‚Du bist ja bescheuert, warum lässt du das mit dir machen?‘ oder ‚warum hast du das mit dir machen lassen?‘ seien kontraproduktiv.

Menschen in toxischer Beziehung haben gar nichts mit sich machen lassen. Das ist mit denen passiert.

Tanja Grundmann

Und diese Aussage sei extrem wichtig: Denn die Selbstbezichtigung „Ich bin schuld“ sei am allerschlimmsten.

Grundmann empfiehlt: „Als Freund geht es erst mal darum, das Leiden des anderen zu verstehen und ihm dabei zu helfen, ehrlich zu sich zu sein. Alles was Druck nachlässt, gibt wieder Kraft. Alles, was neuen Druck erzeugt, laugt den Anderen neu und weiter aus und macht ihn noch fertiger und noch süchtiger nach dieser Beziehung.“

Denn das Hauptproblem bleibt: Die Sucht und die Abhängigkeit zum toxischen Partner – und das Gefühl, dass nur der Partner alles wieder in Ordnung bringen kann ... nur ich nicht.