Autor
Kristian Thees
Kristian Thees; Foto: SWR3
Stand:

„Chef, ich hätte gerne über Weihnachten Urlaub. So sechs Wochen am Stück.“ Klingt utopisch, ist aber ein Arbeitszeitmodell, das es wirklich so gibt. Vor allem bei Start-Ups in den USA ist das möglich. Eine mittelständische Firma aus Freiburg hat das auch mal ausprobiert und ein Fazit gezogen. 

20 Tage sollte ein Arbeitnehmer in Deutschland – laut Gesetz – mindestens Urlaub im Jahr nehmen. In vielen Betrieben ist die Anzahl an Urlaubstagen, die ein Mitarbeiter hat, unterschiedlich geregelt, aber es gibt ein Maximum an Tagen, die man nehmen kann.

Im Betrieb von Oliver Schneeberger dürfen die Mitarbeiter seit knapp einem Jahr selbst bestimmen, wie viele Tage im Jahr sie eine Auszeit brauchen.

Als wir das eingeführt haben, war die Skepsis noch groß. Auch ich hatte da meine Bedenken.

Die Bedenken von Geschäftsführer Schneeberger waren jedoch grundlos. Im Schnitt hatten die Mitarbeiter seines Betriebs 26,4 Tage Urlaub genommen, also sogar etwas weniger, als im Jahr 2018.


Weshalb es sich lohnt, die Zahl der Urlaubstage frei wählen zu können!

Junger Mann entspannt im Büro – Arbeitszeitmodell unbegrenzter Urlaub; Foto: Adobe Stock fizkes
Adobe Stock fizkes

Schneeberger, Betreiber eines Kerzenunternehmens, musste laut eigner Aussage bereits in den Sommermonaten seine Mitarbeiter darauf hinweisen, dass diese ihren Urlaub nehmen sollten, bevor selbiger verfällt. Meist sei es so gewesen, dass dann gerade zum Ende des Jahres hin, zur Hauptsaison, die große Urlaubsflucht angefangen habe. „Dann, wenn man es halt am wenigsten gebrauchen kann.“

Ein weiterer Faktor für Oliver Schneeberger das Urlaubsmodell neu zu denken, war: „Manche Leute hatten im November ihren Urlaub schon aufgebraucht und auf einmal standen Mitarbeiter da und dachten: 'Mist, eigentlich wollte ich ja noch zwischen Weihnachten und Neujahr ein paar Tage Urlaub nehmen' und dann hatten sie eben keinen mehr.“ Nach umfassenden Recherchen, wie man mit der Situation umgehen könnte, stieß Schneeberger schließlich auf ein Modell aus den USA, das so genannte unlimited pto (payed time off). „Das bedeutet quasi unbegrenzt bezahlter Urlaub. Wir wollten das mal für ein Jahr ausprobieren und schauen, ob es funktioniert.“ – …und es funktioniert.

Jahresurlaub unbegrenzt – Was hat sich verändert?

Man hat von Anfang an gemerkt, dass das von Mitarbeitern als großer Vertrauensbeweis gewertet wird und dass die Geschäftsleitung Vertrauen in die Mitarbeiter hat.

Außerdem wurden die Faktoren, die Schneeberger zuvor immer versucht hatte zu vermeiden, damit ausgemerzt: Die Urlaubsflucht zum Ende des Jahres blieb aus und es gab auch keine demotivierten Mitarbeiter mehr. „Ich musste mit keinem ein Gespräch führen, dass er zu wenig Urlaub genommen hat, und ich musste auch mit keinem ein Gespräch führen, von wegen: 'Dieser Mitarbeiter taucht nur noch in der Personalstatistik auf, weil er sitzt nie mehr bei uns im Büro'. Das zeigt ja, dass die Mitarbeiter sehr gut mit dem Vertrauen, das man ihnen geschenkt hat, umgehen können.“

Was im Unternehmen Schneebergers gut funktioniert, funktioniert aber längst nicht in allen Betrieben und selbst bei Oliver Schneeberger gibt es Bereiche, in denen das Urlaubsmodell nicht möglich ist: „Zum Beispiel in der Produktion könnten wir das so nicht umsetzen. Da würde der Produktionsablauf gefährdet werden. Aber ich kann nur empfehlen: Dort, wo man es machen kann, dort sollte man es einfach mal versuchen.“

Karriere-Coach erklärt warum unbegrenzter Urlaub negative Folgen für Mitarbeiter haben kann.; Foto: picture alliance / dpa Themendiens

Highlights anhören Karriere-Coach erklärt, warum unbegrenzter Urlaub negative Folgen für Mitarbeiter haben kann.

Dauer

Der Chef, ein „gefährdeter Patient“

Auf die Frage hin, wie viele Urlaubstage der Geschäftsführer selbst genommen hat, sagt Oliver Schneeberger: „Ich hatte 18,5 Tage und bin damit quasi der gefährdete Patient, der unter den gesetzlich vorgeschrieben Tagen liegt. Ich hab aber auch Jahre gehabt, da hab ich 33/34 Tage Urlaub genommen. Da habe ich es gebraucht und da hat es mir gut getan. Ich bin mit den 18,5 Tagen dieses Jahr mehr als zufrieden und glücklich, deshalb fehlt mir nichts.“