Autor
Kira Urschinger
Kira Urschinger; Foto: SWR3 / Nadine Luft
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„Ich bereue es, Mutter geworden zu sein“ – darf eine Frau so etwas sagen? „Unbedingt, darüber muss man sprechen“, sagt Sarah Fischer im Interview für die SWR3-Vormittagsshow. Sie liebt ihre Tochter, aber NICHT ihre Mutter-Rolle.

Als Sarah Fischer ihre Tochter bekam, war eigentlich erst einmal alles gut. Sie bereute ihre Entscheidung nicht, Mutter geworden zu sein. Ganz selbstverständlich ging sie auf eine längere Geschäftsreise, da war ihre Tochter neun oder zehn Monate alt. „Da haben sich Leute gewundert, wie das denn gehen kann – eine Mutter gehört doch zum Kind.“ Sie fragten, wie egoistisch es sei, dass Sarah jetzt schon wieder arbeitet.

„Wenn ich gewusst hätte, was alles von mir erwartet wird...“

Für sie nicht nachvollziehbar, schließlich liebt sie ihren Job. Außerdem kann sie es sich gar nicht leisten, nicht arbeiten zu gehen. Der Vater und sie waren auf zwei Gehälter auch finanziell angewiesen. Verständnis? Fehlanzeige. Sie sah sich mit vielen Vorwürfen konfrontiert. „Wenn ich gewusst hätte, was damit alles zusammenhängt, was alles von mir erwartet wird... Ohne Worte.“ Die typischen Reaktionen auf so eine Aussage seien, man hätte sich das als Mutter ja vorher überlegen können. Aber klar: Gerade das Muttersein kann niemand mal eben ausprobieren, einen kleinen Testlauf machen und dann doch das Kind noch mal zurückgeben.

„Nein, es ist nicht die Mutter egoistisch“

Also, muss man durch. So auch Sarah. Sie hat immer wieder gehört, wie egoistisch sie sei und darauf mit der Zeit eine persönliche Antwort gefunden: „Nein, es ist nicht die Mutter egoistisch, die Gesellschaft ist egoistisch. Und mein Umfeld ist egoistisch, sich anzumaßen, darüber überhaupt zu urteilen.“ Es sei schließlich eine ganz persönliche Sache, wie eine Frau mit der Mutterschaft umgeht und wie viele andere Dinge sie in ihrem Leben weiterhin pflegen möchte.


Und die Tochter?

Sarah hat ein Buch darüber geschrieben. Die Mutterglück-Lüge, heißt es. Regretting Motherhood – warum ich lieber Vater geworden wäre. Als sie das rausgebracht hat, kamen bis zu 80 Zuschriften am Tag. Heute freut sie sich, dass sie ein Tabu brechen und damit vielen anderen Betroffenen helfen konnte. Darauf würde ihre Tochter sicherlich einmal stolz sein, sagt sie. Übrigens hätten sich auch nicht nur Mütter gemeldet, sondern auch Väter, die sich verbunden gefühlt hätten und dankbar, dass mal jemand das Thema anspricht.

Negative Reaktionen auf #RegrettingMotherhood

Natürlich habe es aber auch viel Empörung gegeben. Rückmeldungen, die nicht so nett gewesen waren. Viele hätten ihr unterstellt, ihre Tochter nicht zu lieben. Dabei sei es ihr darum nicht gegangen. Sarah war unzufrieden mit ihrer Rolle. Auf das Interview in der SWR3-Vormittagsshow mit Nicola Müntefering melden sich viele Hörer. Die Debatte läuft auch bei unseren kontrovers. Viele haben Verständnis und wollen gern, dass mehr über die Gefühle von Müttern gesprochen wird. Ohne Vorverurteilung.

Ich bin 28 und bin selber Mama von zwei kleinen Kindern mit einem relativ kurzen Altersabstand und auch mir geht es so das ich sehr oft darüber nachdenke, dass mein altes Leben ohne Kinder so überhaupt nicht anstrengend war. Manchmal wünsche ich mir auch mein altes Leben wieder zurück. Ich denke, so geht es sehr vielen Müttern draußen. Leider gibt es viele die das nicht zugeben können oder möchten. Ich würde auch gerne wieder etwas arbeiten gehen, hatte diese Diskussion auch schon mit meinem Mann.
Aber leider geht das nicht, da ich niemanden für die Kinder habe zum Aufpassen. In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass das Leben an mir vorbei geht, während ich in unserem neugebauten Haus sitze und eigentlich überglücklich sein müsste...

Vallerie, SWR3-Hörerin

Immer wieder stellt sich auch in der Diskussion mit unseren Hörern und Hörerinnen die Frage: Wie geht es dabei dem Kind, wenn Mütter offensiv über ihre Zweifel und Probleme sprechen. Auch hier gehen die Meinungen auseinander.


„Es ist nicht so, dass die Mutter zum Kind gehört“

All diese Reaktionen zeigen Sarah, dass das Thema brisant ist, dass man drüber sprechen muss. Es geht nicht nur um Hormonschwankungen in oder nach der Schwangerschaft. Die Autorin will in der Debatte nicht falsch verstanden werden, sie betont: Die Überforderung mit der Rolle gab es schon immer, aber „das Burnout der Mütter wird immer schlimmer.“ Mütter seien nicht das Eigentum des Kindes: „Es ist nicht so, dass die Mutter zum Kind gehört“, davon ist sie überzeugt. Eine Mutter sei nicht alleine für alles verantwortlich, was mit dem Kind passiert. Abgesehen vom Stillen könnten auch Väter vieles abnehmen. Das Familienbild, das viele heute noch hätten, sei längst überholt. Man müsse die Rahmenbedingungen endlich ändern. Wichtig ist ihr dennoch zu betonen, dass sie ihr Kind nicht loswerden oder zurückgeben möchte.

Regretting Motherhood – Orna Donath bricht Tabu

Diese Unterstellung gibt es natürlich immer wieder. Und das liegt vor allem daran, wie sich die Debatte entwickelt hat. Vor drei Jahren hat die israelische Soziologin Orna Donath eine Studie veröffentlicht, in der sie sich mit Müttern beschäftigt hat, die dauerhaft und anhaltend bereuen, Mutter geworden zu sein. Es brach eine Diskussion los, die auch im Netz heiß diskutiert wurde. Dabei geht es eben nicht nur darum, dass Mütter keine Liebe für ihre Kinder empfinden können. Sondern darum, dass man als Eltern auch mal überfordert, unglücklich und frustriert sein kann – dass widersprüchliche Gefühle erlaubt sind.


Baby Blues und Mutter-Rolle

Die Debatte damals wie heute macht klar, dass es schwierig ist, über ein so sensibles Thema wie Mutterschaft zu sprechen und jedem Einzelfall gerecht zu werden. Während laut Studien nur ein geringer Teil der Mütter an einer nachweisbaren postpartalen Stimmungskrise oder Depression (auch Baby Blues genannt) leidet, haben offenbar viel mehr Menschen Probleme, mit ihrer neuen Rolle klarzukommen. Auch bei der Befragung von Orna Donath ging es nicht darum, klarzumachen, dass Mütter ihre Kinder nicht lieben. Sondern darum, deutlich zu machen, dass Eltern in der Realität nicht immer so glücklich sind, wie es die Babybrei-Werbung vormacht. Auch Unbeteiligte hat diese Diskussion bewegt – und sie ist sicher noch nicht beendet.

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