Autor
Barbara Lampridou
Lampridou, Barbara; Foto: SWR3
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Marie ist mit ihrem Kind ins Frauenhaus geflüchtet. Der Grund: In ihrer Beziehung wurde Streit sehr einseitig geführt – nämlich nur von ihm. Aus verbalen Attacken wurde körperliche Gewalt. SWR3-Reporterin Barbara Lampridou hat sie getroffen.

Keiner sollte es mitbekommen

Ich erlebe Marie in unserem Gespräch als eine in jeder Hinsicht eher leise Frau. Und so war sie auch im Streit mit ihrem Ex-Partner, der oft sehr laut wurde. „Im Hinterkopf ist es natürlich immer so gewesen: die Nachbarn. Oder: das Kind. Das ist das, was mich veranlasst hat, nicht selber laut zu streiten.“ Diskutieren und argumentieren – das konnte sie vor dieser Ehe schon.

Immer war Marie dran schuld

Aber während der Beziehung hat sie erkannt, dass es ihm gar nicht um die Lösung von Problemen ging. „Wenn was bei ihm nicht funktioniert hat, dann war ich sozusagen zum Dampf ablassen da und dann war ich halt schuld. Der klassische Triggerpunkt war, wenn ich sagte: Stimmt doch gar nicht, dass ich das war, DU warst das. Das habe ich total vermieden.“ Stattdessen hat sie irgendwann einfach fast gar nichts mehr gesagt.

Hauptsächlich hab' ich's einfach über mich ergehen lassen. Vielleicht hab' ich noch die ein oder andere Antwort gegeben, aber ohne auch wirklich dahinter zu stehen, weil es in meinen Augen eh sinnlos war.

Marie

Der Streit wurde gewalttätig

Als das gemeinsame Kind vor einigen Jahren kam und viel schrie, wurde aus der Streitlust Gewalt. „Ich hatte mein Kind als Säugling nachts im Bett bei mir, es hat gebrüllt und er hat auf mich eingeschlagen. Ich hätte da gehen sollen...“ Wie so viele andere Frauen in dieser Situation ist Marie aber nicht gegangen. Ein paar Jahre lang blieb es dann bei verbalen Aussetzern, immer ohne Auflösung oder gar Versöhnung. Und dann, vor etwa zwei Jahren, ging es wieder los und die Situation wurde für Marie immer unberechenbarer.

Es gab Momente, da ist nichts passiert und es gab eben dann auch Momente im Streit, wo es hieß: Geh hier raus, ich will dich nicht sehen! Und ich habe sozusagen der Anweisung Folge geleistet, bin rausgegangen, mit dem Effekt, dass ich zwei Minuten später an den Haaren aus dem Bad rausgezogen worden bin: Du bist nicht da, du hörst mir nicht zu, es interessiert dich nicht und so.

Es hat Marie zunehmend belastet, dass ihr Kind immer mehr mehr mitgekriegt hat, je älter es wurde. „Weil das Themen und auch Verhaltensweisen waren, die nicht kindgerecht waren.“

Marie flüchtet vor ihrem Partner

Vor ein paar Monaten konnte Marie nicht mehr und ist mit ihrem Kind ins Frauenhaus geflohen. Dort hat sie zum allerersten Mal über all das gesprochen. Ein Befreiungsschlag für die Frau, die von ihren Eltern gelernt hatte, dass man familiären Streit nicht in die Öffentlichkeit trägt und sich in ihrer Ehe das Streiten aus Selbstschutz abgewöhnt hat.

Ich bin durch die Vergangenheit immer noch so geprägt, dass ich versuche, entweder Streit zu vermeiden oder dass ich mich zurücknehme. Dass ich wieder die passive Situation annehme und sage: ist okay. Wenn ich eigentlich die richtigen Argumente habe, wenn ich weiß, ich habe Recht, dann stört es mich. Aber ich komme da einfach noch nicht raus.