Stand:

Schwarzwälder Schinken muss zwar im Schwarzwald hergestellt worden sein. Dafür sorgt ein Gütesiegel. Wo er verpackt wird oder wo das Tier gelebt hat, ist aber völlig egal. Das muss sich ändern, finden Schinken-Freunde. Entscheiden muss der Europäische Gerichtshof. Das Problem gibt's aber auch bei anderen Produkten.

Wo kommt das Schwein her?

Geschütze Geographische Angabe – ein EU-Siegel; Foto: ec.europa.eu

Dieses Siegel schützt den Schwarzwälder Schinken – aber reicht das aus?

ec.europa.eu

Schwarzwälder Schinken ist etwas ganz Besonderes, deshalb darf auch nicht jeder Schinken so heißen. Seit 1997 ist der Name geschützt, durch das sogenannte EU Siegel g.g.A. für geschützte geographische Angabe. Diese Angabe bezieht sich allerdings nur auf die Herstellung und die Verarbeitung der Produkte – das muss alles im Schwarzwald passieren. Wo das Schwein allerdings gelebt hat oder wo der Schinken verpackt wird, das sagt das Siegel nicht. Er darf also auch an der Nordsee verpackt werden – wenn das für die Produzenten Kosten spart, ist das gar nicht so abwegig wie es klingt. Und es gibt noch weitere angeblich gute Gründe für die etwas vage Bezeichnung auf dem Gütesiegel, wie auf der Website des Schutzverbandes der Schwarzwälder Schinkenhersteller e.V. zu lesen ist:

Die Herkunft der dazu notwendigen Schweineschlegel ist im g.g.A.-Schutz nicht festgeschrieben. Aus gutem Grund: Es gibt kaum Schweine in der Region. Seit Schwarzwälder Schinken hergestellt wird, greifen die Produzenten auf Schweineschlegel außerhalb der Region zurück. Qualität ist das entscheidende Kriterium, nicht Gebietsgrenzen. Über 90 Prozent der verarbeiteten Schweinekeulen werden aus Deutschland bezogen, vorwiegend aus dem Norden, wo traditionell Schweinezucht betrieben wird. Die restlichen ca. 10 Prozent kommen aus dem benachbarten Ausland.

Schutzverband der Schwarzwälder Schinkenhersteller e.V.


Wo der Schinken geschnitten und verpackt wird, wo das Schwein gelebt hat – das ist also nicht ganz klar. Der Verbraucher im Supermarkt denkt daran wahrscheinlich nicht, wenn er den Schwarzwälder Schinken aus dem Regal zieht. Mogelpackung oder normale Produktionsbedingungen? Darüber muss der Europäische Gerichtshof – ein Streit, der hier in die nächste Runde geht und schon seit Jahren läuft:

  • 2005 haben die Schinken-Schützer begonnen, für striktere Vorschriften zu kämpfen.
  • Das Marken- und Patentamt in München lehnte das zunächst ab.
  • Diese Entscheidung hob dann aber das Bundespatentgericht wieder auf.
  • Anschließend hob der Bundesgerichtshof wiederum die Entscheidung des Bundespatentgerichts auf.
  • Inzwischen sind die Kläger beim Europäischen Gerichtshof gelandet.

Kurz: Es ist schwierig.

Skurriler Schwindel mit Parmaschinken aus China

Aber es gibt ja nicht nur den Schwarzwälder Schinken, sondern auch den berühmten Parmaschinken aus Italien. Und da wird es noch absurder. Auch hier gilt: Nur, weil auf dem Etikett draufsteht, dass es sich um einen italienischen Schinken handelt, muss es noch lange kein Parma sein.

Denn Parma-Schinken darf zwar nur so heißen, wenn er in der Stadt Parma produziert wurde. Aber chinesische Produzenten haben das wörtlich genommen und die Stadt Parma einfach nachgebaut. Dort machen sie Schinken, der offiziell Parmaschinken heißen darf. Das zeigt den Irrsinn von geschützten Bezeichnungen in der Lebensmittelbranche sehr deutlich. Und irgendwie ist es ja auch gleichermaßen hirnrissig wie clever.

Nehmen wir den Parmaschinken aber mal abseits dieser skurrilen Methode unter die Lupe, ist die Produktion beim italienischen Kult-Produkt durchaus strenger als beim Schwarzwälder Schinken. Die Schweine, die verarbeitet werden, dürfen eben nur in Parma verarbeitet werden. Und darüber hinaus dürfen auch nur Schweine verwendet werden, die aus von der EU festgelegten italienischen Provinzen kommen. Dazu zählen Venetien, die Toskana oder die Lombardei. Aus Frankreich, Deutschland oder Polen dürfen die Schweine nicht kommen.

Dem spanischen Serrano-Schinken geht's nicht viel besser

Und noch einen geschützten Schinken gibt es: den Serrano-Schinken. Das EU-Siegel legt ein bestimmtes Verfahren fest, mit dem der Schinken hergestellt wird. Wo aber das Tier herkommt und wo es verarbeitet wird, ist hier völlig egal. Der Serrano-Schinken kann also auch in Deutschland produziert werden, solange er nach dem traditionellen Verfahren hergestellt wird. Verwirrend? Ja. Durchaus.

Spreewaldgurken – zum Großteil aus dem Spreewald

Kultprodukt: Die Spreewaldgurke im Glas; Foto: dpa

Auch so ein geschütztes Kult-Produkt: Die Spreewaldgurken.

dpa

Auch die berühmten Spreewaldgurken sind von der EU geschützt. Seit 1999 haben die Gurken das blaue EU-Siegel, genau wie der Schwarzwälder Schinken. Immerhin 70 Prozent der verarbeiteten Gurken müssen auch wirklich aus dem Spreewald kommen und von einem Betrieb weiterverarbeitet werden, der dort seinen Hauptsitz hat. Das sind übrigens die Mindestangaben – jeder Hersteller kann natürlich auch 100% Spreewald in das Glas packen.

Echt Sylter – aus Mühlheim in Baden-Württemberg

Wo eine Region draufsteht, ist also noch lange nicht die Region drin. Ein weiteres Beispiel kommt aus der Süßwarenabteilung: Wer ernsthaft erwartet, dass Echt-Sylter-Bonbons wirklich aus Sylt kommen, den müssen wir desillusionieren. Die Bonbons werden in Mühlheim in Baden-Württemberg hergestellt. Lediglich das Rezept stammt aus Sylt. Wo sie aber produziert werden, ist nicht festgelegt. Dazu muss man aber auch sagen: So komisch das auf den Supermarkt-Kunden wirken mag: Die Bonbons kein Siegel, das irgend etwas versprechen würde.

Irreführende Bio-Siegel

Ein Siegel vermittelt erst einmal eine genaue Prüfung von Lebensmitteln. Das wissen natürlich auch die Hersteller und versuchen, sich das gute Image von Gütesiegeln zunutze zu machen. Selbst bei Bio-Siegeln kommt es immer wieder zum wortwörtlichen Etikettenschindel.

Der Schwindel mit den Bio-Siegeln.

Die wichtigsten Bio-Siegel und ihre Bedeutung.

Ein bisschen Durchblick bei all den Siegeln

Eigentlich sollen Siegel dem Verbraucher bei der Kaufentscheidung helfen. Mittlerweile gibt es aber so viele Siegel, dass es schwerfällt, den Überblick zu bewahren. Oder kennt ihr so ganz genau die Bedeutung und die Regeln für Initiative Tierwohl, Bio, Demeter oder Evocin...!?

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu YouTube erst her, wenn du dies erlaubst. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.