Autor
Kira Urschinger
Kira Urschinger; Foto: SWR3 / Nadine Luft
Stand:

Tierversuche gehören in der Wissenschaft an vielen Stellen dazu. Aber wie fühlt es sich an, selbst Tierversuche durchzuführen? Wir haben mit zwei Wissenschaftlern gesprochen, die auf ganz unterschiedliche Weise damit umgehen.

Die überzeugte Wissenschaftlerin

„Lieber an 100 Mäusen forschen und dafür ein Menschenleben retten“

Samantha, forscht an Impfstoffen

Samantha ist 26 Jahre alt, Doktorandin. Wir haben sie für den SWR3-Report Tierversuche – zwischen Leid und Nutzen getroffen. Sie forscht an Mäusen, die sie anschließend tötet. Alles für die Medizin:

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu Instagram erst her, wenn du dies erlaubst. Die Einwilligung ist freiwillig und gilt nur temporär. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.
Den Beitrag bei Instagram ansehen.


Samantha forscht an einem Impfstoff, der unter anderem gegen Gebärmutterhalskrebs helfen soll. Aus Sicht der Wissenschaft genügt hier nicht die Arbeit im Reagenzglas. Ab einem gewissen Punkt müssen lebende Organismen her, in diesem konkreten Fall: Mäuse. Am Ende muss Samantha sie aber immer töten. Sie leitet CO2 in die Käfige.

Ich habe mich mehr dran gewöhnt. Aber man kann das nicht wirklich abschalten. Also man kann nicht einfach sagen: Okay, jetzt ist es mir egal. Man ist da immer involviert.


Die Doktorandin überlegt vor jeder Antwort lange, was sie sagen wird. Was sie sagt, wirkt gefestigt und reflektiert. Zur Krebs-Forschung ist sie gekommen, weil sie sich immer für Biologie und schwere Krankheiten interessiert hat – das Studium bestärkt sie in dieser Entscheidung. Denn sie forsche nicht an irgendwas, Krebs sei schließlich eine sehr schlimme Krankheit, die auch sehr viel Leid verursacht. Sie engagiert sich mit dem Verein Pro-Test Deutschland e.V. für mehr Verständnis für die Wissenschaft und eine offene Debatte über Tierversuche.

Dennoch: An Tierversuche musste sie sich gewöhnen. Samantha berichtet von einem Kurs an der Uni, in dem sie unter anderem lernt, an Grillen zu experimentieren und sie dann zu töten.

Das war ganz schlimm für mich, muss ich sagen. Wir mussten den Kopf zerquetschen, glaube ich. Da habe ich mich sehr, sehr schlecht gefühlt. Und es ist auch ein größeres Tier zum Beispiel als ein Mosquito, das an der Wand sitzt und einen nervt. Das hat mich mehr mitgenommen als ich eigentlich gedacht hatte.


Dieses Wissen, dass man auch als Wissenschaftler darüber nachdenkt, was man da tut, habe sie dann aber auch mitgenommen als sie begann, mit Mäusen zu arbeiten. Auch jetzt gehe sie jedes Mal in sich, sagt sie. Sie wolle sich bei ihren Versuchen konzentrieren, nicht zittern, möglichst gute Arbeit machen. Damit könne sie für sich selbst sicherstellen, dass die Mäuse nicht unnötig leiden.

Einen Zwang, sich für ihre Arbeit zu rechtfertigen, empfindet Samantha nicht:

Also, ich denke erst einmal, dass ich es nicht rechtfertigen muss. Weil ich finde, dass es richtig ist, in der Forschung zu arbeiten. Als Endpunkt hat man immer ein Medikament oder eine Therapie für eine schlimme Krankheit. Ich finde, dafür ist es es auch wert, Tierversuche zu machen.

Sag uns deine Meinung zu Tierversuchen für die Krebsforschung

SWR3-Audio: Beitrag anhören; Foto: SWR3.de

Beiträge nachhören Diese Doktorandin muss Mäuse töten - so fühlt sie sich dabei

Dauer

Der engagierte Tierversuchsgegner

„Ich kann so nicht arbeiten als Forscher mit Tierversuchen.“

Christian, hat früher in der Neurologie gearbeitet

Es gibt diesen einen Moment im Leben von Christian, als er einem lebenden Insekt den Kopf aufschneiden und am Gehirn experimentieren musste. Das war für seine Abschlussarbeit im Fach Neurobiologie an der Universität Ulm.

Er suchte sich ein anderes Thema für seine Abschlussarbeit. Aber damit war das Thema für ihn nicht erledigt: „Ich kann so nicht arbeiten – als Forscher mit Tierversuchen.“ Christian beschloss, sich quasi auf die andere Seite zu begeben und sich als Aktivist gegen Tierversuche zu engagieren. Er meldete sich bei dem Verein Ärzte gegen Tierversuche. Der Verein sei auf ihn zugekommen. Sie sagten, sie wollten Öffentlichkeitsarbeit machen, suchten dafür einen jungen Forscher, der deutsche Städte besuche – im Rahmen eines Info-Events. Bei diesen Events solle er aufklären zum Thema Tierversuche und von den eigenen Erfahrungen berichten.

Mit einem Info-Fahrzeug, dem so genannten Mausmobil, fuhr der ehemalige Doktorand fast anderthalb Jahre lang durch Deutschland. Das war auch für ihn persönlich eine spannende Aufgabe: „Bis dato war Baden Württemberg – und alles andere ist da oben“, erzählt er im Gespräch für den SWR3-Report Tierversuche – zwischen Leid und Nutzen.

Für seine lange Reise durch „da oben“ beschäftigte er sich ausführlich mit Tierversuchen. Seiner Meinung nach sprechen besonders zwei Argumente dagegen:

  1. Es sei nicht in Ordnung, über das Leben von Tieren zu bestimmen, sie quasi für einen guten Zweck zu opfern.
  2. „Funktioniert es denn so, wie wir es uns erhoffen? Die Antwort ist: Nein, es funktioniert nicht so richtig.“ Christian erklärt: 95% aller Medikamente, die bei Tierversuchen funktionieren, würden scheitern, wenn sie am Menschen getestet werden. Seiner Einschätzung nach eine miserable Quote.

Seine These: Eine Welt ohne Tierversuche sei nötig und möglich. Erkenntnisse solle man aus menschlichen Zellen gewinnen.

An diesen Alternativen zu Tierversuchen wird geforscht

Von seinem Lebenstraum, in der Neurobiologe tätig zu sein, hat sich der Mann mit dem langen schwarzen Zopf verabschiedet. Stattdessen betreut Christian heute klinische Studien in einer Praxis für Krebsheilkunde. Für ihn hat das nur Vorteile: „Ich bin deutlich näher dran am Leiden bzw. Leben vom Patienten.“ Er lebe jetzt eine andere Vision, sagt Christian. Er wirkt zufrieden darüber, dass er keine Insekten mehr aufschneiden muss.

SWR3-Audio: Beitrag anhören; Foto: SWR3.de

Beiträge nachhören Christian Ott - Aktivist gegen Tierversuche

Dauer

Siehst du genau so oder ganz anders? Diskutiere mit uns!

Video: Brauchen wir unbedingt Tierversuche?

Wie sieht es in so einem Labor aus, wie arbeiten die Wissenschaftler konkret an Tieren und muss das wirklich sein? Die Kollegen von Die Frage haben Antworten gesucht und haben das Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie in Jena besucht.

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu YouTube erst her, wenn du dies erlaubst. Die Einwilligung ist freiwillig und gilt nur temporär. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.
Das Video bei YouTube ansehen.

Rund 2 Millionen Tiere werden jährlich für die Forschung eingesetzt, so die aktuellen Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Die meisten verwendeten Tierarten sind Mäuse und Ratten, gefolgt von Kaninchen, Vögeln und Fischen.

Was darf man in der Wissenschaft alles machen und was nicht? Hier kannst du die Gesetzeslage zu Tierversuchen nachlesen. Außerdem informiert die Initiative Tierversuche verstehen über Tierversuche in der Wissenschaft. Dort findest du unter anderem eine Aufklärung rund um die größten Mythen, die zu Tierversuchen kursieren.