STAND
REDAKTEUR/IN
ONLINEFASSUNG
Patrick Schütz (Foto: SWR3)

Jede fünfte Frau hat Schätzungen zufolge in ihrem Leben einmal abgetrieben. Würde bedeuten: Viele von uns kennen eine, die das erlebt hat. Gesprochen wird darüber selten. ARD-Reporterin Luisa Szabo hat einen Blick hinter die Kulissen einer Abtreibungsklinik geworfen.

Auch 2020 sind Abtreibungen für viele ein Tabuthema. Deshalb bleibt vieles im Unklaren: Wie läuft eine Abtreibung ab? Was für Gründe haben Frauen, die abtreiben? Und warum entscheidet sich ein Arzt für so einen Beruf?

Mehr als 100.000 Abtreibungen pro Jahr in Deutschland

Kurz nach acht in einer Abtreibungsklinik im Süden Deutschlands. Im Wartezimmer sitzen schon die ersten beiden Frauen. Die eine 16, die andere 39. Die eine geht noch zur Schule, die andere steht fest im Berufsleben, ist zweifache Mutter. Was beide verbindet: Sie sind ungewollt schwanger. In den vergangenen Tagen haben sie sich vom Frauenarzt zum Beratungsgespräch geschleppt, bis sie in dieser Praxis gelandet sind.

Ohne das Beratungsgespräch bekommt von offizieller Seite kaum jemand die Adresse von einer Abtreibungsklinik. Wären die Adressen der unterschiedlichen Abtreibungspraxen und -kliniken leichter zugänglich, könnten sich dort Abtreibungsgegner versammeln und die Patienten belästigen, wird häufig befürchtet.

Abtreibungen sind eine Parallelwelt

Friedrich Stapf ist einer der bekanntesten Abtreibungs-Ärzte in Deutschland. Er führt seit rund 40 Jahren Schwangerschaftsabbrüche durch – ungefähr 14 Stück jeden Tag. Ein Paradiesvogel, der beim Operieren Hawaii-Hemd statt Kittel trägt. In seiner Klinik finden jedes Jahr mehr als 3000 Schwangerschaftsabbrüche statt. Für selbsternannte „Lebensschützer“ ist dieser Mann ein Mörder. Frauen, die sich für eine Abtreibung entschieden haben, finden bei ihm Hilfe. Und viele von ihnen nehmen für den Abbruch mehrere Stunden Fahrt auf sich.

Die Frauen dort sind vor der Abtreibung immer sehr aufgeregt. Ich hatte den Eindruck, dass sie das Gefühl haben, dass sie hier etwas Verbotenes machen und dass sie eigentlich alle selber Schuld sind und dass sie danach auch mit niemandem darüber reden können, was ihnen da widerfahren ist. Das ist wie so eine Parallelwelt, von der die Gesellschaft eigentlich nichts wissen will.

Luisa Szabo, SWR-Reporterin

Kaum ein Arzt will mit Abtreibungen zu tun haben

Gerade in dieser Ecke Deutschlands gibt es nicht viele Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Zwischen 2003 und 2018 ist die Zahl der Arztpraxen und Kliniken in ganz Deutschland um 40 Prozent zurückgegangen. Nur wenige Ärzte wollen mit diesem Thema in Verbindung gebracht werden. Abtreibungen sind in Deutschland immer noch ungern gesehen und ein großes Tabuthema. Dabei wünschen sich vor allem die Patientinnen eigentlich nur eine Sache von der Gesellschaft:

Dass man drüber reden kann. Eine Schwangerschaft ist im Idealfall das Beste, was einer Frau passieren kann. Aber es gibt auch die Momente, in denen es das Schlimmste ist, was einer Frau passieren kann. Und dass man dann halt sagt „okay“, manchmal haben Frauen Gründe, sich für diesen Eingriff zu entscheiden und dann sind die gerechtfertigt. Weil ich glaube, keine Frau trifft diese Entscheidung leichtfertig.

Luisa Szabo, SWR-Reporterin

Am meisten überrascht hat mich, […] dass so viele verheiratete Frauen, die auch schon Kinder haben, in dieser Klinik sind.

Luisa Szabo, SWR-Reporterin

Hier könnt ihr euch die komplette Doku anschauen

Sind Frauen nach einer Abtreibung traumatisiert?

Im Jahr 2011 haben britische Forscher im Auftrag des Gesundheitsministeriums Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Schwangerschaftsabbrüchen auf die Psyche von Frauen veröffentlicht. Dabei ging es um Frauen, die erstmals ungewollt schwanger waren.

Das Ergebnis: Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch, oder aber dafür entschieden, das Kind zu bekommen, hatten später etwa gleich häufig psychische Probleme. Tatsächlich wurden Frauen mit psychischen Problemen sehr viel öfter ungewollt schwanger. Wenn Frauen nach einer Abtreibung unter einer psychischen Erkrankung litten, hing das vor allem damit zusammen, dass sie vorher schon psychische Probleme hatten.

STAND
REDAKTEUR/IN
ONLINEFASSUNG
Patrick Schütz (Foto: SWR3)

Meistgelesen

  1. Stuttgart

    SWR3 Tatort-Check: „Das ist unser Haus" Tatort aus Stuttgart: Wie konnte es soweit kommen?

    Außergewöhnlich: Selten zuvor hat der Stuttgarter Tatort den Zuschauern mit so viel schwarzem Humor den Spiegel vorgehalten, dass das Lachen im Hals stecken bleibt. Wie konnte es so weit kommen?  mehr...

  2. Die besten Messenger-Dienste „Whatsapp-Alternative Telegram auf keinen Fall verwenden.“

    Wer kein Whatsapp verwenden möchte, landet schnell bei Telegram. Nicht zuletzt der Wendler und die Corona-Kritiker nutzen den Messenger gerne – und haben praktisch keinen Datenschutz mehr.  mehr...

  3. Rheinland-Pfalz

    Worms hat 15km-Regel Jetzt berechnen: So weit sind 15 Kilometer von deinem Wohnort entfernt

    Als erste Stadt in Rheinland-Pfalz hat Worms den Bewegungsradius auf 15 Kilometer eingeschränkt. Hier kannst du berechnen, wie weit du dich von deinem Wohnort entfernen darfst – wenn auch bei dir diese Regel gelten sollte.  mehr...

  4. Breisgau-Hochschwarzwald

    Schneemassen in den Bergen Lawinenabgang am Feldberg – verschüttete Person wohlauf

    Am Feldberg im Hochschwarzwald ist eine Lawine abgegangen. Ein Mensch ist verschüttet worden. Der Skifahrer konnte sich aber selbst aus dem Schnee befreien.  mehr...

  5. News-Ticker zum Coronavirus Länder wollen härter gegen Quarantäne-Verweigerer vorgehen

    Wegen der stark gestiegenen Infektionszahlen gibt es zurzeit strengere Regeln und Beschränkungen in Deutschland. Alle aktuellen Entwicklungen gibt es hier im Ticker.  mehr...

  6. Konkurrenz verzeichnet Millionen Neuzugänge Nach Kritik: Whatsapp verschiebt Datenschutz-Update

    Kritik von allen Seiten und abwandernde Nutzerinnen und Nutzer: Whatsapp verschiebt sein für Anfang Februar geplantes Update der Datenschutzregeln.  mehr...