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Patrick Schütz
Patrick Schütz (Foto: SWR3)

Die Zahl der Corona-Infizierten steigt weiter. Alle paar Tage gibt es neue Rekordzahlen – an Infizierten, aber auch an Menschen, die an oder mit dem Virus gestorben sind. Was ist in diesen Zeiten in Kliniken in SWR3Land los? SWR3-Reporter Patrick Schütz war in einer Klinik in Kaiserslautern.

Klar – niemand geht gerne in ein Krankenhaus. Nicht als Besucher und schon gar nicht als Patient. Auch ich habe beim Betreten des Westpfalz Klinikums in Kaiserslautern ein mulmiges Gefühl – gerade in Zeiten der Corona-Pandemie. Das beginnt dort schon beim Eingang: Vor der großen Treppe zu den einzelnen Stationen stehen zwei Tische. Dahinter Frank Scheibe und sein Sicherheitsteam, die dafür sorgen, dass jeder, der das Krankenhaus betritt, sich auch an die neuen Sicherheitsvorschriften hält. Sein wichtigster und häufigster Satz zur Zeit: „Bitte die Maske wechseln!“

Die Menschen haben mehr Akzeptanz für Corona-Hygienevorschriften

Wer nämlich nur eine Alltagsmaske aus Stoff trägt, kommt hier nicht weiter. Zutritt zum Krankenhaus wird nur mit OP-Masken oder FFP2-Masken gestattet. Wer keine Maske zur Hand hat, der wird von dem Sicherheitsteam mit einer versorgt, bevor er durch die provisorisch errichtete Schleuse aus Tischen, Plexiglasscheiben und Desinfektionsspendern durch den Eingangsbereich darf.

Im Vergleich zum ersten Lockdown, so das Gefühl von Frank Scheibe, diskutieren die Leute aber nicht mehr so viel über die Sicherheitsvorschriften. Sie haben sich eher an schärfere Sicherheitsmaßnahmen und Hygienebestimmungen gewöhnt und akzeptieren diese Neuerungen.

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SWR3-Reportage Wie ist die Lage im Westpfalz-Klinikum

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Corona-Leugner – „Dass es immer noch Leute gibt, die sagen, das Virus würde nicht existieren – das tut weh!“

Auf den Fluren des Westpfalz Klinikums wirkt es sehr still – stiller als ich persönlich es innerhalb eines Krankenhauses gewohnt bin. Normalerweise geht es dort hektischer zu, Menschen sprechen miteinander – jetzt nicht. Es ist sehr ruhig auf den Fluren und diese Ruhe fühlt sich anders an. Es wird wenig gesprochen, Betten werden hin und hergeschoben, der Hausmeister werkelt an der Wischmaschine herum, Türen öffnen und schließen sich, hier und da hört man leise ein „Guten Tag“ – sonst Stille. Die Stimmung, die Atmosphäre im Westpfalz Klinikum ist eine andere als sonst, erklärt Dr. Berthold Germann, der ärztliche Leiter der Notaufnahme:

Ich denke das generell, dass bei den Mitarbeitern im Gesundheitswesen die Berufszufriedenheit schon mal besser war als es im Moment ist, aber ich würde sagen, dass die Stimmung bei uns im Moment noch gefasst ist. [...] Dass es immer noch Leute gibt, die sagen, das Virus würde nicht existieren, das tut natürlich weh, wenn man hier jeden Tag mit der Realität konfrontiert ist.

Aber neben Frank Scheibe erkennt auch Dr. Berthold Germann, dass die Menschen im Herbst und Winter nicht mehr so ängstlich sind, wie noch bei der ersten Welle im Frühjahr:

Auf jeden Fall merkt man, dass die Lernkurve nach oben gegangen ist und auch die Panik ist nicht mehr so ausgeprägt, wie sie ganz am Anfang war.

Insgesamt sei die Situation in der Zentralen Notaufnahme im Westpfalz Klinikum so, dass das Team dort mit der aktuellen Herausforderung „noch einigermaßen zurecht kommt“, sagt Dr. Germann. Wie es nach Weihnachten und Silvester aussieht, bleibt abzuwarten. Nach der Notaufnahme geht es weiter zu Nadia Jasika. Sie ist zur Zeit die stellvertretende Leiterin der Isolierstation im Klinikum. Auf der werden aktuell 31 Corona-Patienten behandelt.

Für Nadia Jasika ist zum Zeitpunkt unseres Treffens wieder der erste Tag im Dienst, nachdem sie sich selbst mit dem Coronavirus infiziert hatte. Zwei Wochen lang war sie in Quarantäne und hatte einen schweren Krankheitsverlauf. Jetzt freut sie sich wieder darauf, zusammen mit ihrem Team auf der Isolierstation zu arbeiten. Denn vor allem in solchen schweren Zeiten wächst man als Team zusammen, sagt sie:

Das geht gar nicht anders! Weil: Nur zusammen funktioniert es. Ich muss mich auf meine Kollegen verlassen können und umgekehrt. [...] Es ist wie eine kleine Familie.

Nadia Jasika: „Man hat auch selber Angst“

Trotzdem stehen Nadia und ihr Team aktuell vor einer besonderen Herausforderung: Es gibt nicht genügend Personal. Das sorgt auch dafür, dass die Menschen, die dort auch an der Belastungsgrenze arbeiten, nur wenig Freizeit haben. Da ist es nicht möglich, sich auch mal vollständig zu erholen. Das ist momentan die größte Herausforderung für ihr Team, sagt Nadia. Eine Corona-Infektion ist aber nicht nur für die Mitarbeiter der Isolierstation oder die Patienten eine Herausforderung. Auch die Angehörigen der Infizierten leiden sehr darunter, dass sie ihre Eltern, Kinder und Freunde nicht besuchen können. Auch für die sind Nadia und ihr Team da. Dabei kann leider nicht immer jeder Anruf beantwortet werden.

Wir alle sind Mütter, Väter, Eltern. Jetzt liegt jemand im Krankenhaus und keiner gibt genau Auskunft. Das ist sehr schwierig für die Angehörigen. Das verstehen wir auch und wir versuchen unser Bestes, um transparent zu bleiben, mitzuteilen, wie es den Angehörigen geht und hoffen, dass uns das einigermaßen gelingt.

Auch wenn Nadia Jasika und ihr Team täglich mit dem Coronavirus konfrontiert werden, war das eigene positive Testergebnis erschreckend, sagt Nadia Jasika. „Man darf nicht vergessen, wir sind auch nur Menschen“.

Das war ein Schock! Was ist mit meinem Mann, mit meiner Familie? [...] Hoffentlich stecke ich die nicht an. Man hat dann schon ein ungutes Gefühl, weil man ja weiß, wie die Krankheit verlaufen kann. Und der Schock: Jetzt falle ich auf der Arbeit aus! Wie geht's jetzt weiter? Eine Vollzeitkraft ist jetzt 14 Tage lang nicht mehr da. Was machen die [Kollegen] jetzt? Das sind so die Sachen, die einem durch den Kopf gehen.

Coronavirus – „Wir arbeiten schon seit Wochen am Limit!“

Die Patienten, bei denen der Krankheitsverlauf mit dem Coronavirus schlimmer wird, werden von der Isolierstation auf die Intensivstation des Westpfalz Klinikums in Kaiserslautern verlegt. Aktuell werden dort 16 Corona-Patienten behandelt. Zwölf von ihnen müssen invasiv beatmet werden. Anders als in der Zentralen Notaufnahme des Klinikums ist die Situation dort sehr angespannt und sehr stressig, erzählt Birgit Thorn. Das Team auf der Intensivstation arbeitet seit Wochen an der Belastungsgrenze, so die Pflegerin. Über den aktuellen Stand ihres Überstundenkontos möchte sie lieber nicht sprechen.

Aber auch wenn die Kollegen und Kolleginnen sehr gestresst sind, versuchen sie ihren Humor nicht zu verlieren, sagt Birgit Thorn. Sie hat dennoch das Gefühl, dass sie in den letzten Wochen mehr Zuspruch für ihre Arbeit bekommt als sonst. Das drückt sich auch in Form von Geschenken aus, die sie und ihr Team von außen erreichen.

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SWR3 Reportage Die Personalsituation vor den Feiertagen im Westpfalz Klinikum

Dauer

Die größte Herausforderung ist es, das Team zusammenzuhalten

Seit neun Monaten ist das Team von Prof. Dr. Stefan Hofer unter Dauerbelastung. Mitarbeiter fühlen sich ausgebrannt, haben auch selbst Angst vor der Krankheit. Die größte Herausforderung für Chefarzt Stefan Hofer ist es da, sein Team weiter zu motivieren.

Zum heutigen Zeitpunkt sind wir schon extrem ausgelastet! Das heißt, die Aufnahmefähigkeiten werden immer begrenzter.

Für ihn als Chefarzt sind die neuen Regelungen, auf die sich die Politik am vergangenen Wochenende geeinigt hat, noch lange nicht ausreichend. Auch wenn sie vielen Menschen schon sehr radikal erscheinen. Für Menschen, die den Regelungen und Beschränkungen kritisch gegenüberstehen, hat der Chefarzt eine ganz klare Botschaft:

Botschaft an alle, die den Regelungen und Beschränkungen in der Corona-Pandemie kritisch gegenüberstehen...Posted by SWR3 on Wednesday, December 16, 2020

Und viel Luft nach oben gibt es für die Kliniken in Rheinland-Pfalz nicht mehr. Jeden Morgen sprechen sich die Kliniken untereinander ab, wie die Situation an den einzelnen Standorten ist.

Der Abgleich heute morgen um 6 Uhr, der war schon beunruhigend. Wenn ich morgens diese Zahlen höre, da denkst du schon: Boah, wie soll das weitergehen?

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SWR3-Reportage Was macht die Pandemie mit dem Personal?

Dauer

Inzwischen ist auch fehlendes Material – wie Masken zum Beispiel – kein Problem mehr, über das am Anfang der Pandemie gesprochen wurde. Der wichtige Punkt für Stefan Hofer ist, dass auch ein statistisch erfasstes, freies Bett in keinem Krankenhaus etwas nützt, wenn kein Personal da ist, das sich um die Menschen kümmern kann, die darin liegen. Für Stefan Hofer fühlt sich das an, wie ein Dauer-Marathon. Da geht auch einem professionellem Team mal die Puste aus.

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