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INTERVIEW

Fünf Jahre ist es her, als Ahmed Mnissi die Diagnose HIV-positiv erhalten hat. Das hat vieles für ihn verändert – zunächst. So lebt er heute.

Zusammen mit seinem besten Freund und seiner besten Freundin war Ahmed für ein paar entspannte Tage in Berlin im Urlaub, als er auf seinem Handy einen „Anruf in Abwesenheit“ entdeckt. Kurz darauf kommt eine Whatsapp hinterher: „Herr Mnissi, hier ist ihre Hausärztin. Melden Sie sich bitte bei mir“. Am Telefon erzählt sie Ahmed dann von seiner HIV-Infektion.

Das war einfach ein Scheißmoment muss ich sagen. Ich hatte das große Glück, dass eben die zwei wichtigsten Menschen an meiner Seite waren und mich so ein bisschen mit auffangen konnten. [...] Das war wie so eine Art Schockstarre.

Für Ahmed kam der Anruf völlig überraschend. Er selbst hatte sich gar nicht aktiv um einen HIV-Test gekümmert. Der war lediglich Teil der routinemäßigen Tests bei einer Blutspende in Tübingen. Von dort aus wurde zuerst Ahmeds Hausärztin kontaktiert, die sich dann wiederum bei Ahmed gemeldet hat.

Nach der HIV-Diagnose: Ahmed ändert sein Leben

Nach der Diagnose seiner Ärztin beginnt der damals 28-jährige Stuttgarter sofort mit der HIV-Therapie und ändert seinen Lebensstil komplett. Er nimmt 30 Kilo ab, ernährt sich inzwischen vegan und lässt die Finger von Zigaretten und Alkohol.

Natürlich ist es heute lächerlich zu sagen: Oh, ich bin HIV-positiv – ich sterbe! Weil das einfach nicht mehr Fakt ist. Punkt.

In Ahmeds Kopf kreisen viele offene Fragen zur HIV-Infektion

Mit wem hatte ich Kontakt? Habe ich das Virus schon weitergegeben? Bei wem muss ich mich melden? Woher habe ich das Virus? Nicht auf alle Fragen bekommt er eine Antwort, aber Ahmed ist es wichtig, die Krankheit bzw. das Virus besser zu verstehen und wieder mehr Sicherheit für sich selbst zu bekommen und auch „nach außen selbstbewusster über dieses Thema reden zu können.“

HIV oder Aids? Was ist der Unterschied?

Als HIV (Humanes Immundesinfiziens Virus) bezeichnet man das Virus, mit dem man sich infiziert. Aids wiederum ist die Immunschwäche-Erkrankung, die durch dieses Virus hervorgerufen werden kann. Das muss aber heutzutage gar nicht mehr passieren. Eine Infektion mit dem HI-Virus bedeutet nicht immer, dass die Krankheit Aids bei einem infizierten Menschen ausbricht.

Man kann HIV mit Medikamenten heute so gut behandeln, dass die Viruslast dann ganz gering ist und man andere Leute auch nicht mehr anstecken kann. [...] Das ist eine Erkrankung mit der man heutzutage gut leben kann, mit einer guten Lebensqualität und einer guten Chance einer normalen Lebenserwartung. Aber es ist ja heute noch so, dass wir es nicht wegkriegen können mit einer medikamentösen Therapie.

HIV bei One-Night-Stands und in der Partnerschaft

Vor allem in Ahmeds Kopf ist nach der Diagnose einiges passiert. Denn auch wenn eine HIV-Infektion in Deutschland oft nicht mehr tödlich verläuft, so setzt man sich doch einen Moment mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinander, erzählt er. Auch wenn er heute mit jemandem Sex hat und er weiß, dass die Erregerzahl in seinem Körper so gering ist, dass er für andere nicht mehr ansteckend ist, kreist in seinem Kopf aber trotzdem immer mal wieder die Frage: Aber was wäre, wenn?

Das kann jedem passieren. Du vertraust einmal einer falschen Person und dann hast du das.

Von der gesetzlichen Seite aus ist Ahmed nicht dazu verpflichtet, jemandem vor dem Sex mitzuteilen, dass er das HI-Virus in sich trägt, weil er eben nicht ansteckend ist. Auch wenn Ahmed sich selber bei zwangloseren Beziehungen sicher gefühlt hat, hat er irgendwann aufgehört über seinen Status zu sprechen, weil das dem Thema immer noch stark stigmatisiert ist.

Es kommen auch so Beleidigungen wie: Du Syphilis-Schlampe, du hurst ja eh nur rum! Du treibst es ja eh mit jedem. Da brauchst du dich nicht wundern, dass du dich mit sowas angesteckt hast.

In einer Partnerschaft über das Virus zu sprechen, sei für ihn aber ein absolutes Muss, sagt er. Denn: In einer Partnerschaft solle die Basis Ehrlichkeit sein. Auch Medizinerin Dr. Monika Heidecke rät unter anderem dazu, erst auf Kondome zu verzichten, wenn ein gewisses Vertrauen zu einem Sexualpartner oder einer Sexualpartnerin da ist. Ganz einfach weil Kondome eben einen sehr guten Schutz vor HIV bieten.

Kondome (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

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Selbstbewusst und sicher, trotz HIV

Auch wenn Ahmed heute sehr selbstbewusst und sicher klingt, kurz nach seiner Diagnose vor fünf Jahren war das deutlich anders. Er war sehr zurückhaltend, hatte in der ersten Zeit nach der Diagnose quasi gar keinen Sex, erzählt er. Lange Zeit hat er immer noch ein Kondom benutzt, weil er sich einfach unsicher fühlte und sich der Gedanke im Kopf eingebrannt hatte: Was ist, wenn ich das Virus weitergebe?

Dank der Therapie fühlt sich Ahmed inzwischen immer sicherer und hat auch keine Angst mehr davor, ohne Kondome Sex zu haben. Für ihn ist klar: „Jeder muss für sich selber entscheiden, was er gerne möchte und was ihm auch Spaß macht.“ Die Therapie die Ahmed macht bedeutet, dass Ahmed regelmäßig Medikamente – mit teils starken Nebenwirkungen für Körper und Psyche – einnimmt. Diese Medikamente sorgen dafür, dass die Viruslast des HI-Virus in Ahmeds Körper so niedrig gehalten wird, dass er unter anderem auch für andere nicht mehr ansteckend ist.

Das heißt: Ich kann jetzt eben raus in die Welt, kann Sex haben ohne Kondom, wir können aus derselben Tasse trinken, dieselbe Toilette benutzen – also da gibt es keinen Grund, Angst zu haben.

Auch die Situation in Ahmeds Umfeld, hat sich durch die Therapie und seine positive Einstellung wieder normalisiert, denn auch dort gab es direkt nach der Diagnose natürlich Unsicherheiten. Heute fühlt Ahmed sich gesund und führt ein – nahezu – ganz normales Leben. Trotzdem rät Ahmed keinem unvorsichtig zu sein oder den Schutz beim Sex wegzulassen, weil die Krankheit AIDS und das HI-Virus durch die medikamentöse Therapie in Deutschland nicht mehr tödlich verläuft.

Die Botschaft von mir ist definitiv nicht: Schützt euch nicht mehr! Oder: Ist doch egal, ob ihr HIV-positiv seid, weil es ja heute kein Problem mehr ist. Nein! Das bitte auf gar keinen Fall! Ich bin der Meinung, wenn ich die Möglichkeit habe, auf ein Medikament zu verzichten, das massive Nebenwirkungen haben kann, dann sollte man darauf verzichten.

PReP – mit Tabletten HIV vorbeugen

Wer durch sein Sexualverhalten tendenziell ein besonders hohes Risiko hat, sich mit HIV zu infizieren, für den gibt es seit einigen Jahren übrigens auch schon eine prophylaktische Therapiemöglichkeit (Präexpositionsprophylaxe, kurz: PReP), erklärt Dr. Monika Heidecke. Diese sorgen dafür, dass das HIV-Infektionsrisiko deutlich gesenkt wird. Monika Heidecke arbeitet beim Gesundheitsamt Heidelberg-Rhein-Neckar-Kreis und leitet dort die anonyme AIDS-STI-Sprechstunde (sexually transmitted Infections), übersetzt: sexuell übertragbare Erkrankungen.

Wie weit verbreitet ist HIV noch in Deutschland?

Eine genaue Zahl von Neuinfektionen lässt sich bei HIV gar nicht so leicht bestimmen, da viele Menschen, die das Virus in sich tragen, erst Jahre später davon erfahren. Daher gibt es lediglich Modellrechnungen dazu, wie viele HIV-Neuinfektionen es pro Jahr in Deutschland gibt, erklärt Dr. Monika Heidecke.

Das es kaum reale Daten von HIV-Infektionen gibt, kann unter anderem auch daran liegen, dass bei einer Ansteckung kaum Symptome auftreten und wenn dann nur sehr unspezifische, erklärt die Medizinerin. Das wiederum hat zur Folge, dass nur ein Teil der Menschen zum Arzt geht und einen HIV-Test macht. Da es kaum eindeutige Symptome für eine Infektion mit HIV gibt, ist es eben auch so wichtig, dass nach einer unklaren Situation ein HIV-Test gemacht wird, um frühzeitig zu erkennen, ob es eine Infektion mit HIV gibt, damit diese schnell behandelt werden kann und es gar nicht zum Ausbruch der Immunschwäche-Krankheit Aids kommt, oder das Virus möglicherweise weitergegeben wird.

Modellrechnungen: Neuinfektionen mit HIV sind seit Jahren stabil

Vor allem Ende der 80er Jahre gab es viele Neuinfektionen mit dem HI-Virus. Innerhalb der 90er Jahre gab es aber immer weniger Neuinfektionen. Seit 2019 werden die Zahlen der Infektionen deutschlandweit auf ungefähr 2.600 pro Jahr geschätzt.

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