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Süchtig nach Pornos. So geht es Lukas*. Er heißt eigentlich anders, will seinen Namen aber nicht nennen. Er ist Anfang 30 und Jurist. Bevor Lukas eine Therapie angefangen hatte, war sein Drang nach Pornos sehr krass.

Die Sucht nach Pornos war so heftig, dass schon winzige Trigger gereicht haben:

Das klingt voll bescheuert, aber wenn die Wohnungstür zufällt. Das hängt damit zusammen, wenn ich im Elternhaus früher war zu Schulzeiten und die Wohnungstür ist zugefallen, dann wusste ich, jetzt bin ich allein und dann konnte ich Pornos gucken, ohne entdeckt zu werden – ganz in Ruhe. Das hat sich irgendwann konditioniert bei mir. Bis zu dem Punkt, dass ich festgestellt habe, wenn die Wohnungstür zufällt, bekomme ich Lust auf Pornografie, obwohl ich drei Sekunden vorher noch nicht mal ansatzweise darüber nachgedacht habe.

Lukas erzählt von Pornos wie andere vom Alkohol

Das ist tatsächlich eine Krankheit. Das fing an mit den ersten CDs, die auf dem Schulhof so verteilt wurden mit so Bildern. Das war mit 15, 16 würde ich sagen.

Es beginnt mit dieser eher soften Einstiegsdroge, dann muss es immer mehr und härter sein.

Es ist auch so, dass ich krassere Sachen gucke, als ich es früher getan habe. Und den ersten Sex und die ersten richtigen Freundinnen hatte ich dann erst mit 23, 24.

Erektionsstörungen und Orgasmusprobleme

Für Lukas ist durch seine Pornosucht das, was in Pornos passiert, der „normale“ Sex. Das hat krasse reale Folgen: Erektionsstörungen oder auch Orgasmusprobleme. Weil man so sehr drauf getrimmt sei, mit der Hand zu kommen, erzählt Lukas im SWR3-Interview.

Der Dopaminausstoß beim normalen Sex reicht nicht ansatzweise aus, um das Dopamin zu erzeugen, was das süchtige Hirn braucht. In dem Moment, wo man süchtig ist, ist das Ausziehen des Partners deutlich ungeiler. Man kann ja alle 5 Sekunden sozusagen ein besseres Video anklicken. Das führt dann dazu, dass man bei normalen Menschen, die Makel haben und nicht ultra-perfekt belichtet sind usw. relativ schnell gelangweilt ist. Und das ist schon sehr hart, dieses Gefühl.

Dass Lukas süchtig nach Pornos ist, hat er erst vor weniger als anderthalb Jahren gemerkt. Zusammen mit seiner Freundin. Die Beziehung ist daran kaputt gegangen. Durch eine Therapie ist er mittlerweile so weit, dass er nur noch alle paar Wochen mal ein Video schaut. Das nennt er selbst: „Rückfällig werden“. Aber er sieht sich auf einem guten Weg, und: Seit gut zwei Monaten hat er auch wieder eine Freundin, mit der er sehr glücklich ist.

Pornosucht: Ab wann ist man süchtig?

Dr. Heike Melzer aus München ist Paar- und Sexualtherapeutin und behandelt Menschen mit Pornosucht. Sie sagt im Interview in der SWR3-Beziehungsshow, dass man Pornosucht nicht an Stunden festmachen könne. Aber es gibt die sogenannte SAFE-Regel, die Dr. Heike Melzer so erklärt:

  • S: Secret. Keiner darf es wissen
  • A: Abusive. Ich missbrauche mich selbst oder andere für meine Sucht
  • F: Feeling. Der Süchtige geht immer von schlechten Gefühlen weg, man ist also vielleicht einsam oder traurig und geht dann an diesen „Ort der guten Gefühle“. Das ist dann eben die Pornografie. Und damit geht das schlechte Gefühl dann weg.
  • E: Empty. Es sind keine Gefühle dabei. Es ist eine abgekoppelte Sexualität, die rein Trieb orientiert ist.

Wenn die SAFE-Regel auf einen zutrifft, sollte man aufmerksam werden und sich ggf. professionelle Hilfe holen.

So verändern Pornos unsere Sexualität

Sexualität ist ein sehr starker Belohnungsreiz. Erst danach kommt zum Beispiel die Ernährung. Wir haben durch das große Angebot an Pornos einen Überkonsum an sexuellen Reizen – sie sind immer da und überall, sagt Dr. Heike Melzer.

Erstmal sind Pornos ein Genussmittel und wenn man sie dosiert einsetzt, wenn man es partnerschaftlich einsetzt – also auch mal zu zweit guckt – als alleine im stillen Kämmerlein, dann ist das so ähnlich, wie wenn ich ein Abendessen zelebriere. Dann ist das Tiramisu zum Nachtisch auch was Schönes. Etwas, das man sich mal gönnt. Anders ist es, wenn ich die 300 Gramm Packung Tiramisu heimlich schon vorm Abendessen esse. Und mich dann wundere, warum ich schon satt bin.

Folgen von übermäßigem Porno-Konsum

Wenn man Masturbation zu Pornos regelmäßig mit sich alleine macht, dann ist man irgendwann darauf so sehr konditioniert, dass der Partner oder die Partnerin dann nicht mehr ausreicht. Die Folge können unterschiedliche sexuelle Funktions-Störungen sein.

Es kann sein, dass man dann zum Beispiel so auf die eigene Hand fixiert ist, dass die Partnerin das nicht simulieren kann, weil man das eben anders schon hunderttausend Mal geübt hat mit sich alleine.

Tipps zum Thema Pornos in der Partnerschaft

Die Welt der Pornografie ist sehr reichhaltig und wird immer interaktiver. Man kann in Livecams Regisseur seines eigenen Pornos werden und damit interaktiv involviert werden und das grast dem Feld der Beziehung sehr ab.

Deshalb rät sie dazu, sich füreinander attraktiv zu halten, achtsam mit den Bedürfnissen des Partners zu sein und immer miteinander auch über das Thema zu sprechen.

* Name von der Redaktion geändert

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