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Schon mal von der Kirche des fliegenden Spaghetti-Monsters gehört? Nicht? Verständlich, denn das ist eine erfundene Sekte. Wenn ihr schon beim Begriff „Sekte“ Pickel bekommt, dann ist dieses Buch ein gutes Gegenmittel.

Erstmal zum Spaghetti-Monster: Die Anhänger dieser Bewegung nennen sich Pastafari und die behaupten, dass ihr Monster das Leben auf die Welt geworfen hat, die Evolution ist nur ein Ablenkungsmanöver. Soso. Und was soll das? Der Spaghetti-Club hat ein Motiv. Es geht den Pastafari letztlich darum, eine andere pseudowissenschaftliche Bewegung am Nasenring durch die Glaubens-Arena zu ziehen: Die Anhänger des sogenannten Intelligent Design. Das sind die, die den Darwinismus aus den Schulbüchern hebeln wollen? Das Leben hat schließlich der liebe Gott erfunden, der wissenschaftliche Nachweis kommt demnächst. Gerald Willms hat noch zig andere Beispiele für solche skurrilen Weltanschauungs-Nischen - Ufo-, Satanismus-Kulte, Esos, Halleluja-Clubs - alles dabei. Aber es geht hier nicht um ein Kuriositäten-Kabinett, in dem irgendwelche Freaks weggeschmunzelt werden. Das Buch beschreibt sehr sachlich die enorme Vielfalt der religiösen Bewegungen, die sich durch unsere Kulturgeschichte ziehen. Angefangen vom Frühchristentum - damals auch nur eine Sekte - bis hin zu Scientology. Und wenn sich jetzt bei Ihnen allein beim Wort "Scientology" die Nackenhaare aufstellen, dann hat das natürlich seine Gründe, von wegen Psycho-Sekte, kommerzielle Gehirnwäscher und Weltherrschaft.

Aber wieso wissen wir das scheinbar so genau? Genau hier liegt die besondere Leistung des Buches: Denn Willms analysiert glasklar, warum die breite deutsche Öffentlichkeit sich seit 20 Jahren auf eine gerade mal 5000 Mitglieder starke Bewegung derart einschießt, als würde ansonsten unser liebes Abendland den Bach runter gehen. Die Hysterie steht aber offenbar in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr, die von Scientology ausgeht - das bestätigen Verfassungsschutz und Polizei-Studien. Trotzdem hält sich das Böse-Böse-Klischee wie Baumharz in Klamotten.

Nebenbei: Willms verharmlost nicht, er ist schlicht Religionswissenschaftler, der den Correctness-Mainstream eher skeptisch sieht. Besonders stark der Schluss des Buches: Da geht es um die, die uns sagen, was eine gefährliche Sekte ist und was nicht. Durch alle Jahrhunderte ist eigentlich jede Glaubensabspaltung erstmal verfolgt und im Extremfall ausgerottet worden. Die Motivation: Machterhalt, Populismus und heute dank bestimmter Medien: verkaufsträchtige Schlagzeilen. Was bleibt sind leider oft: Klischees, Vorurteile und Nachplapperei.

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