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Börsenhandel klingt nach einem trockenen Thema, aber das Buch ist zum Teil wie ein Roman geschrieben und extrem packend. Leider entsprechen die Fakten der Realität. Grund dafür, dass sich mittlerweile auch das FBI mit dem Thema beschäftigt.

Börsenhandel klingt erst mal nach einem sehr trockenen Thema für ein Buch. Trotzdem hat es mich gepackt.

An den US-Börsen passieren Dinge, die lassen einem den Mund offen stehen. Ich hatte bisher so ungefähr eine Ahnung davon, dass es dort um Geschwindigkeit geht - wer bekommt den besten Deal hin - wo sind noch ein paar Cent mehr rauszuholen? Aber dass Menschen an den Börsen eigentlich gar keine Chance mehr gegen die Computer haben, das war mir nicht klar. Und Michael Lewis schafft mit "Flash Boys" ein tolles Bild dessen, was wirklich vor sich geht, an den Handelsplätzen der USA. Zum Beispiel wurde ein Glasfaserkabel auf einer nahezu exakt-gerade Linie von Chicago nach New Jersey verlegt (in New Jersey stehen die meisten Computer für den Aktienhandel, nicht mehr in New York). Dieses Kabel ist 1331 Kilometer lang. Und durch dieses Kabel wurde die Zeit, die eine Order braucht, auf dreizehn Tausendstelsekunden verkürzt. Das heißt: wer über das Internet Aktien ordert, ist eine lahme Ente und wer dieses Kabel nutzt ist der blitzschnelle Held. Allerdings kostet die Nutzung des Kabels eine Gebühr von 300.000 Dollar, pro Monat - 5 Jahre auf Vorkasse.

Außerdem schreibt Lewis von Börsenhändlern, die weitere Unsummen zahlen, um ihre eigenen Computer schneller und schneller zu machen und um sie räumlich so nah wie möglich an die Datenzentren der Börsen zu platzieren - da zählt tatsächlich jeder Zentimeter. Und dann gibt es noch die Geschichte eines kanadischen Bankers, der sich Anfang der 2000er Jahre plötzlich über seine Aktiengeschäfte gewundert hat. Ihm ist nämlich aufgefallen, dass, wenn er Aktien, zum Beispiel von Microsoft, bei 40 Dollar kaufen wollte und genau in dem Augenblick an seinem Computer auf "Kaufen" gedrückt hat, dass ihm wie durch ein Wunder die Aktie plötzlich ein paar Cent teurer verkauft wurde. Und dann hat er rausgefunden, woran das liegt: sogenannte HFTs High-Frequency-Trader haben seine Absicht, Microsoft-Aktien zu kaufen, erkannt. Diese superschnellen Computer haben ihm blitzschnell, in Nanosekunden, diese Aktien weggeschnappt und ihm dann für ein paar Cent teurer verkauft. Das passiert alles innerhalb eines Bruchteils eines Augen-Blinzelns. Das kann man sich ungefähr so vorstellen, wie wenn vor dem Supermarkt jemand auf unseren Einkaufszettel spickt und sieht, dass man gleich Bananen kaufen will. Dann rennt derjenige schnell in den Supermarkt, kauft die Bananen für einen Euro pro hundert Gramm, rennt schnell raus und bietet sie mir für 1 Euro 10 an.

Das ist nicht fair. Das macht Preise kaputt. Das treibt Preise künstlich nach oben. Das bekommen auch wir zu spüren, auch wenn wir keine Aktienhändler sind. Dieser Hochfrequenzhandel kann ziemlich krasse Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Und genau deswegen will Michael Lewis darüber aufklären. Alle Geschichten aus dem Buch sind echt. Also diese superschnelle Glasfaser und den kanadischen Banker gibt es wirklich. Es ist zum Teil geschrieben wie ein Roman, also eine fiktionale Geschichte und ist deswegen auch so packend. Aber leider entsprechen die Fakten der Realität. Was auch ein Grund dafür ist, dass sich mittlerweile das FBI und das amerikanische Justizministerium mit dem Thema beschäftigen.

Also, ich habe durch das Buch viel gelernt. Okay, ich interessiere mich auch ein wenig für Wirtschaft und für neue Technologien. Allerdings ist das definitiv ein Teil der digitalen Welt, der mir ein wenig Angst macht. Der Autor schreibt übrigens auch über eine mögliche Lösung des Problems. Der kanadische Banker hat nämlich einfach einen eigenen Börsenplatz gegründet, wo dieser Handel in Nanosekunden nicht möglich ist. Die Musik spielt aber natürlich weiterhin an der Wall Street in New York, bzw. in den Rechenzentren auf der anderen Seite des Hudson River, in New Jersey.

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