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Es ist 1954. Der elfjährige Michael reist allein mit dem Schiff von Sri Lanka nach London zu seiner Mutter. Drei Wochen ohne elterliche Aufsicht, er und zwei gleichaltrige Jungen machen das Schiff unsicher und wollen täglich ein Verbot übertreten.

Es ist 1954. Der elfjährige Michael reist allein mit dem Schiff von Sri Lanka, wo er bisher aufgewachsen ist, nach London zu seiner Mutter. Drei Wochen ohne elterliche Aufsicht, und als erstes lernt Michael, dass die interessantesten Leute gerade nicht die wohlhabenden und wichtigen sind. Im Speisesaal des Ozeandampfers Oronsay sitzt nämlich er am „Katzentisch“, also weit weg von der Kapitänsrunde, aber eben nicht allein: Da ist noch Mr. Mazzata, der halbseidene Barpianist; ein bekiffter Botaniker, der im Schiffsbauch einen versteckten Garten mit giftigen und berauschenden Pflanzen hegt; oder die undurchsichtige Miss Lasqueti mit den Brieftauben, die sie gern in ihren gepolsterten Jackentaschen spazierenführt.

Und, zum Glück, auch zwei gleichaltrige Jungen: der wilde Cassius und der vorsichtige Ramadhin, und zu dritt machen sie drei Wochen das Schiff unsicher und wollen täglich ein Verbot übertreten. Sie klauen der ersten Klasse das Frühstück, erkunden den Maschinenraum, überstehen einen Sturm an Deck festgebunden und bespitzeln ihre Mitreisenden, also: die verwirrende Welt der Erwachsenen. Nicht alle Passagiere werden lebend ankommen, was zum Teil mit dem geheimnisvollen Gefangenen zu tun hat, der nachts in Ketten seinen Rundgang macht – Katzentisch ist aber weder ein Krimi, noch ein normaler Abenteuerroman, weil Michael Ondaatje immer ein bisschen märchenhaft schillernd und melancholisch erzählt und mit so einprägsamen Momenten: wenn etwa Michael frühmorgens den Salzdunst von der Reling leckt und meint er kann das Mittelmeer vom Indischen Ozean am Geschmack unterscheiden. Oder wenn ganz am Anfang die Schiffe im Hafen auf ihn wirken wie an die Küste angefügte Städte, und da steht er nicht „neben dem Auto“, sondern: „neben der Wärme des Autos“ und schon steht man als Leser selber dabei.

Später wird klar, dass der erwachsene Michael die Geschichte erzählt, der auch Kontakt hält zu einigen Mitreisenden von damals und im Rückblick erkennt, wie diese Schiffsreise nicht nur sein Leben geprägt hat. Es geht ums Erwachsen- und Älterwerden, um Erinnerung, und darum, wie das Leben so spielen kann. Am Ende ist man vielen Leuten begegnet, die einen nicht gleich wieder loslassen, und ein bisschen gehört man dazu.

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