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Neue Funktionen sollen helfen, die schädlichen Folgen von posten, liken und kommentieren einzudämmen. Anlässlich der Vorstellung von neuen iPhones und Google-Smartphones liefern auch YouTube, Facebook und Instagram sogenannte Wellbeing- und Bildschirmzeit-Apps.

Ist die Bildschirmzeit-App albern?

„Etwas absurd“ nennt der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Professor Peter Vorderer von der Uni Mannheim, was uns mit den neuen iPhones gratis mitgegeben wird. Eine App, die hilft, dass wir unseren Smartphone-Konsum in den Griff bekommen. Die App ist nicht nur auf den neuen iPhones drauf, sondern es gibt sie auch für ältere Modelle. Ähnliches kommt auch vom Konkurrenten Google für alle Androidsysteme.

Tim Cook erklärte bei der Vorstellung der neuen Produkte, dass sich der Hersteller mit der Bildschirmzeit-App seiner Verantwortung stellt, die Menschen in der Zeit des digitalen Wandels zu begleiten. Kommunikationswissenschaftler Peter Vorderer sieht das anders:

Es ist verrückt. Es ist als ob ein Tabakunternehmen jetzt sagt: Wir bieten eine Zigarette an, die dabei helfen kann, nicht mehr so viel zu rauchen.

Fernsehen und Radio sind weniger schädlich als Social Media

In den USA begrüßen viele die Initiative der Digitalkonzerne. Wissenschaftler weisen auch immer öfter darauf hin, dass es noch nicht einschätzbar ist, was für negative Folgen Smartphone-Nutzung haben kann. Dass vor zu viel Medienkonsum gewarnt wird, ist nichts Neues: „Mach den Fernseher aus, sonst bekommst du viereckige Augen!“ Ein Satz, den jedes Kind schon einmal gehört hat. Als erfahrene Serienjunkies wissen wir: diese Drohung hat sich so nicht bewahrheitet. Klar, gibt es viel vernünftigere Beschäftigungen als passiv in die Glotze zu gucken oder stundenlang Musik zu hören. Die interaktiven Möglichkeiten von Social Media sind aber angeblich deutlich schädlicher. Wer es nicht mehr schaffe tagsüber und vor allem nachts ohne Social Media auszukommen, der leide auf die Dauer unter massiven Konzentrations- und Schlafstörungen.

Sind mehr als zwei Stunden Social Media schädlich?

kindgleichzeitighandyundtv; Foto: dpa/picture-alliance
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Das Risiko an einer Depression zu erkranken ist weitaus höher, als bei weniger interaktiven Medien. Wie ernst diese Gefahr ist, wissen auch die eigentlichen Verursacher Facebook und Instagram. Beide bieten Möglichkeiten an, damit jeder seinen Social-Media-Konsum kontrollieren kann. Zusätzlich kommen von den beiden Betriebssystem- Herstellern Android und auch Apple kostenlose Apps, damit jeder selbst sehen kann, wie viel Bildschirmzeit täglich anfällt. Forscher gehen davon aus, dass der kritische Punkt bei zwei Stunden Social-Media-Konsum täglich erreicht ist. Klingt im ersten Moment üppig. Messungen zeigen aber, dass die zwei Stunden öfter erreicht sind, als wir denken. Die Empfehlung der Smartphone-Hersteller ist eindeutig: Der beste Weg, um wieder zu einer gesunden Nutzung zu kommen, sind die neuen Mess-Apps. 

Keine Panik!

Studien ob in den USA, Japan, England und inzwischen auch bei uns zeigen, dass die sogenannte Social-Media-Sucht vergleichbar mit Alkohol- und Nikotinsucht ist. Die Untersuchungsergebnisse vor allem in den USA sind alarmierend. Gleichzeitig warnt Kommunikationswissenschaftler Vorderer aber vor Panik. Er empfiehlt ganz ohne App einfach mal zu versuchen, das Handy auszuschalten.

Mess-App, Handy abschalten oder einfach weiter so?

Unbestritten kann ständiges Liken, Posten und immer wieder die Social-Media-Plattform checken sich zu einer gesundheitsschädlichen Angewohnheit entwickeln. In Deutschland nutzen fast die Hälfte der Jugendlichen täglich Instagram und 56 Prozent der Gesamtbevölkerung ab zehn Jahren ist jede Woche in Social Media unterwegs. Zum Vergleich: 70 Prozent der 16 bis 21-jährigen in Deutschland konsumieren Alkohol nur gelegentlich oder nie! Social Media wird also viel selbstverständlicher genutzt.

Auch wenn es – genauso wie bei anderen Süchtig-Machern – nur in Ausnahmefällen Menschen gibt, die dadurch abhängig und krank werden, wir kommen nicht drum rum uns mit den negativen Begleiterscheinungen auseinanderzusetzen. Das persönliche Gleichgewicht wird jeder selber finden müssen und es wird sich zeigen, wie gut die Apps dabei helfen.

Autor
Kai Karsten
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SWR3