Netzneutralität bedeutet: Alle Daten werden im Internet im gleichen Tempo bearbeitet und versendet. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Mobilfunk- und Netzanbieter wittern ein gutes Geschäft mit den schnelleren Daten - doch das könnte auf Kosten des Datenschutzes gehen. Von Stephan Ebmeyer.

Eigentlich ist das Internet dumm. Und das ist auch gut so. Denn alle Daten werden gleich schnell behandelt - neutral. So argumentieren Befürworter der sogenannten Netzneutralität. Gegner sagen, dass man die Kapazität auf der „Datenautobahn“ besser und effizienter nutzen kann, wenn man gewisse Daten ein wenig schneller behandelt - auf einer speziellen, bezahlten Überholspur. Das klingt logisch, birgt jedoch viele Gefahren.

Die Netzneutralität #kurzerklärt

Mobilfunk- und Netzanbieter wittern ein gutes Geschäft, wenn sie bestimmte Daten im Internet schneller befördern. Damit wäre aber das Prinzip der Netzneutralität vor dem Aus, wie unser #kurzerklärt zeigt.

Posted by tagesschau on Tuesday, April 18, 2017

Am 19. April startet die Telekom im Mobilfunk ihre Tarifoption „Stream On“. Sie verspricht Streaming unterwegs „ohne Verbrauch des Datenvolumens“. Das ist für Kunden praktisch, die mobil Musik oder Videos nutzen wollen. Und es spart dadurch manchen Nutzern Geld: Wenn Sie die entsprechenden Partnerdienste nutzen.

Denn zu Beginn sind zahlreiche große, namhafte Partner mit an Bord. Wer die Dienste dieser Partner nutzt, schont sein Datenvolumen. Das bedeutet aber auch: Wer andere Dienste unterwegs nutzt, muss sein teures Datenvolumen verbrauchen - eine indirekte Maut sozusagen. Das birgt die Gefahr, dass Nutzer nur noch die Dienste verwenden, die kein Datenvolumen verbrauchen.

Prinzip Netzneutralität

Genau das soll das Prinzip Netzneutralität eigentlich verhindern. Denn es besagt, dass das Internet den Verkehr auf der Datenautobahn neutral regelt. Niemand hat Vorfahrt - oder gar eine bezahlte Überholspur.

Denn dafür müsste man die Datenpakete auf der Datenautobahn entweder schneller oder langsamer durch den Verkehr leiten. Das würde auch bedeuten, dass Netzanbieter die Daten durchleuchten müssten, kritisieren Netzaktivisten und Datenschützer. Die Technik nennt sich „Deep Packet Inspection“. Kritiker befürchten, dass sich damit theoretisch eine Zensurinfrastruktur im Internet aufbauen ließe, weil manche Datenpakete bevorzugt behandelt würden, je nach Inhalt.

Dagegen argumentieren die Netzanbieter und manche Informatiker, dass der Verkehr auf der Datenautobahn besser, effizienter fließen würde, wenn man ihn technisch vernünftig regeln würde. Gleichzeitig könnte damit viel Geld für den teuren Netzausbau gespart werden.

„Stream On“ nicht der erste Versuch

Das Vorhaben der Telekom ist nicht ihr erster Versuch - und sie ist nicht allein. Schon 2013 wollte die Telekom die Geschwindigkeit ihrer Festnetz-Internettarife nach dem Verbrauch von 75 Gigabyte im Monat drosseln. Fortan wurde sie als „Drosselkom“ verspottet. Damals war der Sturm der Entrüstung so groß, dass die Telekom ihre Tarifänderung zurücknahm.

Bis August 2016 hatte die Telekom im Mobilfunk noch eine Partnerschaft mit dem Audio-Streaming-Anbieter Spotify. Für knapp zehn Euro im Monat konnten Kunden Spotify nutzen, ohne dass ihr Datenvolumen dadurch aufgebraucht wurde. Den Tarif hat die Telekom für Neukunden mittlerweile eingestellt.

Auch Telefónica Deutschland hat ein Angebot, dass das Prinzip Netzneutralität untergräbt, weil es einen speziellen Dienst ein bisschen besser als andere Dienste behandelt: WhatsApp. Mit der „WhatsApp SIM“ können Kunden nämlich „ohne WLAN und ohne Guthaben unbegrenzt texten“. Befürworter der Netzneutralität sehen darin einen klaren Verstoß gegen selbige.

Beim Kabelnetzbetreiber Vodafone behält man sich vor, im Falle einer Netzüberlastung zur „Qualitätssicherung“ gewisse Dienste zu drosseln - quasi auf eine Kriechspur der Datenautobahn umzuleiten.

In gewissen Situationen sind solche „Verkehrsmanagementmaßnahmen“, wie es die EU nennt, durchaus erlaubt. Denn seit 2015 ist die Netzneutralität durch eine EU-Verordnung klar geregelt. So darf zum Beispiel die Regelung des Datenverkehrs "nicht auf kommerziellen Erwägungen" beruhen. Außerdem sind Techniken „zur Überwachung spezifischer Inhalte“ verboten. Bei Engpässen im Netz sind allerdings Eingriffe in den Verkehr erlaubt.

Das „Zwei-Klassen-Internet“

Derzeit prüft die Bundesnetzagentur, ob das Angebot der Telekom „Stream On“ gegen die Netzneutralität verstößt. Für viele Kunden dürfte das Angebot für Erleichterung sorgen, weil sie auch mobil Musik, Filme und Serien sorgenfreier streamen können. Die Telekom betont auch auf Nachfrage, dass für Partner, also Inhalteanbieter, die Teilnahme an "Stream On" kostenlos sei.

Doch zahlreiche Kritiker fürchten, dass ein Ende der Netzneutralität letztlich auch die Demokratie und die freie Meinungsäußerung gefährden könnte. Maut auf der Datenautobahn - das Netz scheint sich weiterzuentwickeln: zu einem "Zwei-Klassen-Internet".

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