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Kira Urschinger
Kira Urschinger (Foto: SWR3)

Es ist DIE Zahl, nach der die Wissenschaftler suchen: Die Dunkelziffer jener Menschen, die COVID-19 bereits hatten und es vielleicht gar nicht wissen.

Dunkelziffern sind keine Erfindung der Corona-Pandemie, die gibt es in ganz vielen Bereichen. Bei häuslicher Gewalt oder Belästigung am Arbeitsplatz zum Beispiel gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer aus – also vielen Menschen, die es betrifft, die aber in keiner Statistik auftauchen, weil sie sich nicht bei Behörden melden.

Was bedeutet die Dunkelziffer genau in der Corona-Pandemie?

Die Dunkelziffer ist die Anzahl von Menschen, die bereits COVID-19 hatten, an diesem Virus erkrankt sind, aber nicht in den Statistiken der gemeldeten Fälle aufgeführt sind. Es läuft nämlich so, dass die Ärzte melden, wenn Patienten positiv getestet wurden – das geht dann an die zuständigen Landesämter und weiter an beispielsweise das Robert-Koch-Institut. Die Zahlen bezeichnen also nie die tatsächlich Infizierten, sondern die gemeldeten Fälle.

Das ist deshalb ein Unterschied, weil Experten wissen, dass es schwache Krankheitsverläufe gibt. Manche Leute haben Erkältungs- oder Grippesymptome, die vorbeigehen, haben sich aber nicht testen lassen, weil sie beispielsweise die Kriterien für die Tests nicht erfüllt haben. Denn die sind sehr klar definiert und waren insbesondere in der Anfangszeit von Corona in Deutschland noch strikter als heute.

Daneben gibt es auch Menschen, die gar keine Symptome haben. Das gilt insbesondere für Kinder, aber vermutlich auch für viele andere Leute. Wer keine Symptome hat, geht natürlich nicht zum Arzt, hatte aber dennoch die Erkrankung.

Es gibt Wissenschaftler, die beispielsweise auf Youtube die Zahl der Menschen beziffern, die fast keine oder gar keine Symptome haben. Diese lassen sich durch die aktuelle Studienlage aber nicht decken. Es gibt Prognosen und Schätzungen dazu, wie SWR Aktuell hier erläutert.

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Warum ist die Dunkelziffer so wichtig für die Einschätzung der Pandemie?

  1. Um genau zu sagen, wie gefährlich ein Virus wirklich ist und vor allem, wie tödlich die Erkrankungen verlaufen, muss man auch wissen, wie viele Leute sich insgesamt angesteckt haben.
  2. Es ist noch nicht erwiesen, aber viele Experten vermuten, dass Leute, die einmal an COVID-19 erkrankt waren, danach möglicherweise immun sein könnten. Auch deshalb ist es wichtig zu wissen, wie viele Menschen das bereits sein könnten.
  3. Im Zuge der Suche nach der Dunkelziffer kommt auch immer wieder der Begriff der Herdenimmunität ins Spiel.

Für Menschen rechnen die Wissenschaftler mit dem gleichen Ergebnis.Gepostet von SWR3 am Freitag, 20. März 2020

Welche Studien gibt es zur Dunkelziffer in Deutschland?

Seit einigen Wochen wird an mehreren Instituten und in verschiedenen Regionen in Deutschland Forschung betrieben, um sich der Dunkelziffer anzunähern. Die wohl bekannteste ist die Heinsberg-Studie. Sie sorgte bereits bei der Präsentation der Zwischenergebnisse für Diskussionen und generierte auch viel Kritik, insbesondere was die Art der Präsentation und auch der Methodik anbelangt.

Nun ist die Studie für den Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen ausgewertet. Das Team um Hendrik Streeck, Virologe am Universitätsklinikum Bonn, kommt zu dem Ergebnis, dass rund 15 Prozent der getesteten Personen positiv waren und damit aktuell oder in der Vergangenheit von dem Coronavirus betroffen. Das sind rund fünfmal mehr als von offizieller Seite erfasst wurden. Außerdem, so Streeck, habe man gesehen, dass etwa jeder fünfte Krankheitsverlauf im Untersuchungsgebiet symptomfrei verlaufen sei.

Experten weisen daraufhin, dass die Ergebnisse des besonders früh und stark betroffenen Landkreises nicht auf ganz Deutschland übertragbar seien. Das liegt vor allem auch daran, dass der Landkreis so klein ist und sich die Verbreitung des Virus vermutlich auf eine Karnevalssitzung zurückführen lässt. Das Datenjournalismus-Team des SWR hat sich hier mit Kritik und Fehlern der Studie ausführlich auseinander gesetzt.

Wenn es eine hohe Dunkelziffer gibt, sind dann Maßnahmen hinfällig?

Gerade die Heinsberg-Studie wird vielfach als Argument genutzt, um gegen Maßnahmen und Beschränkungen der Bundesregierung und der Bundesländer zu sprechen. Dahinter steckt der Gedanke der Herdenimmunität – wenn das Virus schon viele hatten, dann seien doch auch viele schon immun. Und: Wenn es noch mehr Menschen gibt, die bereits infiziert waren, sind die Todesraten vielleicht geringer und damit die Einschätzung der Gefährlichkeit des Coronavirus zu korrigieren.

SWR-Wissenschaftsredakteur Uwe Gradwohl sieht die Entscheider in Politik und Verwaltung vor keiner einfachen Situation:

Dunkelziffern können eben immer nur durch mehr oder weniger zutreffende Annahmen abgeschätzt werden. Auf Grundlage dieser Abschätzungen dann eine politische Entscheidung treffen zu müssen, kann ins Auge gehen. Den Zustand der Herdenimmunität haben wir noch lange nicht erreicht. Eine zweite Infektionswelle könnte das Gesundheitssystem immer noch an die Grenzen der Belastbarkeit bringen.

Was ist Herdenimmunität?

Die Theorie: Wenn genügend Menschen in einer Gesellschaft gegen das Virus immun sind, kann es sich nicht mehr so schnell ausbreiten. Das ist vor allem deshalb relevant, weil Beschränkungen und Maßnahmen zur Pandemie-Eindämmung in Deutschland auch deshalb getroffen werden, weil eine zu schnelle Infizierung zu vieler Menschen die Kliniken überlasten könnte. Dies war beispielsweise in Italien der Fall. Eine solche Situation will man vermeiden, um die bestmögliche medizinische Versorgung für Patienten zu gewährleisten.

Aber: Eine Herdenimmunität ist erst dann relevant, wenn ein sehr, sehr großer Teil der Gesellschaft bereits infiziert war und durch die überstandene Erkrankung immun ist.

Das Problem mit der Herdenimmunität
  • Es ist im Moment noch nicht erwiesen, dass Menschen tatsächlich immun sind, wenn sie COVID-19 einmal überstanden haben.
  • Dadurch, dass wir die Dunkelziffer für Deutschland nicht kennen, wissen wir noch nicht, wie viele Menschen schon immun sein könnten.
  • Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssten sehr viele Menschen infiziert gewesen sein:

Es gibt kein Szenario, bei dem wir eine Herdenimmunität von 60 bis 70 Prozent erreichen könnten, ohne dass dabei unvorstellbare Schäden entstehen. Entweder würden wir die Kapazitäten unseres Gesundheitssystems sprengen, dabei würden erschreckend viele Menschen sterben, oder wir würden diese Herdenimmunität unterhalb der Kapazität unseres Gesundheitssystems verfolgen.

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