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Brigitte Egelhaaf
Brigitte Egelhaaf (Foto: SWR3)
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Judith Schneider
Judith Schneider (Foto: SWR3)

Keine Umarmung, weniger Berührungen – für viele ist das während Corona schwer zu ertragen. Diese Maßnahme verändert uns – eventuell sogar langfristig, erklärt Neurologin Rebecca Böhme.

Wir knabbern uns zwar gegenseitig keine Läuse mehr vom Kopf, aber dürfen wir den Großteil unserer „Herde“ länger nicht berühren, könne es zu einer tatsächlichen Verarmung des Sozialverhaltens führen, befürchtet Neurologin Rebecca Böhme.

Das kann ganz negative Folgen für die Gesellschaft insgesamt haben. Wenn wir uns eben den anderen Menschen nicht mehr so nahe fühlen, dann fällt es uns auch schwerer, mit denen mitzufühlen.

Berührungen lassen uns spüren, dass wir nicht alleine sind, dass da jemand ist, der einem vielleicht helfen und unterstützen kann, erklärt die Neurologin. Und genau das fehlt uns seit dem Frühjahr.
Corona-bedingtes Abstand halten ist allerdings nur eine extreme Fortführung dessen, was sich durch die zunehmende Digitalisierung ohnehin schon angedeutet hat, sagt sie.

Die Familie wächst während Corona zusammen, alle anderen entfernen sich

Der Entzug von Berührungen macht sich nur ganz langsam und schleichend bemerkbar, verändert aber die Gesellschaft, so die Neurologin. Man verliere das Vertrauen in andere und das Gefühl, man erlebe gemeinsam die Welt. Wir werden gleichgültiger gegenüber denen, die nicht zum engsten Kreis gehören. Das Ergebnis: Eine kältere Gesellschaft durch Distanz. Dass man immer wieder hört, die Familie sei in Zeiten von Corona näher zusammengerückt, das könnte auch damit zu tun haben, dass wir uns hier gefahrlos, wie wir meinen, berühren dürfen.

Es könnte dazu führen, dass diese Berührung die Kernfamilie verstärkt – diesen Zusammenhalt innerhalb der kleinen sozialen Kreise, die man auch hat – aber gleichzeitig die Distanz zu allen anderen vergrößert.

Bleibt die Angst vor Berührungen auch nach Corona?

Berühren wir uns auch nach der Pandemie weniger? Das kann sein, muss aber nicht passieren, sagt Rebecca Böhme. „Gerade wenn jetzt Berührung damit verbunden ist, dass wir uns Sorgen machen um unsere Gesundheit, letztendlich womöglich um unser Leben – das sind ja wirklich tiefgehende Ängste, die wir dann mit der Berührung eines fremden Menschen verbinden. Gleichzeitig kann man sich aber auch vorstellen, gerade weil Berührungen was ganz Natürliches sind (...), dass sobald die Gefahr nicht mehr besteht, dass man sich ansteckt, man möglicherweise auch schnell wieder zurückkehrt. Beides ist möglich.“

Ganz ohne Berührung geht es aber nicht

Da Berührung so etwas Existenzielles ist, ist sich die Forschung da noch nicht so sicher, in welche Richtung es nach Corona gehen wird. Denn abgewöhnen kann man sich die Sehnsucht nach Berührung genauso wenig wie Durst oder Hunger.

Wenn man dann nach einer längeren Zeit mal wieder eine liebevolle Umarmung von jemandem spürt, da merkt man dann erst, wie sehr es einem gefehlt hat.

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