STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Keine Umarmung, weniger Berührungen – für viele ist das während Corona schwer zu ertragen. Diese Maßnahme verändert uns – eventuell sogar langfristig, erklärt Neurologin Rebecca Böhme.

Wir knabbern uns zwar gegenseitig keine Läuse mehr vom Kopf, aber dürfen wir den Großteil unserer „Herde“ länger nicht berühren, könne es zu einer tatsächlichen Verarmung des Sozialverhaltens führen, befürchtet Neurologin Rebecca Böhme.

Das kann ganz negative Folgen für die Gesellschaft insgesamt haben. Wenn wir uns eben den anderen Menschen nicht mehr so nahe fühlen, dann fällt es uns auch schwerer, mit denen mitzufühlen.

Berührungen lassen uns spüren, dass wir nicht alleine sind, dass da jemand ist, der einem vielleicht helfen und unterstützen kann, erklärt die Neurologin. Und genau das fehlt uns seit dem Frühjahr.
Corona-bedingtes Abstand halten ist allerdings nur eine extreme Fortführung dessen, was sich durch die zunehmende Digitalisierung ohnehin schon angedeutet hat, sagt sie.

Die Familie wächst während Corona zusammen, alle anderen entfernen sich

Der Entzug von Berührungen macht sich nur ganz langsam und schleichend bemerkbar, verändert aber die Gesellschaft, so die Neurologin. Man verliere das Vertrauen in andere und das Gefühl, man erlebe gemeinsam die Welt. Wir werden gleichgültiger gegenüber denen, die nicht zum engsten Kreis gehören. Das Ergebnis: Eine kältere Gesellschaft durch Distanz. Dass man immer wieder hört, die Familie sei in Zeiten von Corona näher zusammengerückt, das könnte auch damit zu tun haben, dass wir uns hier gefahrlos, wie wir meinen, berühren dürfen.

Es könnte dazu führen, dass diese Berührung die Kernfamilie verstärkt – diesen Zusammenhalt innerhalb der kleinen sozialen Kreise, die man auch hat – aber gleichzeitig die Distanz zu allen anderen vergrößert.

Bleibt die Angst vor Berührungen auch nach Corona?

Berühren wir uns auch nach der Pandemie weniger? Das kann sein, muss aber nicht passieren, sagt Rebecca Böhme. „Gerade wenn jetzt Berührung damit verbunden ist, dass wir uns Sorgen machen um unsere Gesundheit, letztendlich womöglich um unser Leben – das sind ja wirklich tiefgehende Ängste, die wir dann mit der Berührung eines fremden Menschen verbinden. Gleichzeitig kann man sich aber auch vorstellen, gerade weil Berührungen was ganz Natürliches sind (...), dass sobald die Gefahr nicht mehr besteht, dass man sich ansteckt, man möglicherweise auch schnell wieder zurückkehrt. Beides ist möglich.“

Ganz ohne Berührung geht es aber nicht

Da Berührung so etwas Existenzielles ist, ist sich die Forschung da noch nicht so sicher, in welche Richtung es nach Corona gehen wird. Denn abgewöhnen kann man sich die Sehnsucht nach Berührung genauso wenig wie Durst oder Hunger.

Wenn man dann nach einer längeren Zeit mal wieder eine liebevolle Umarmung von jemandem spürt, da merkt man dann erst, wie sehr es einem gefehlt hat.

Meistgelesen

  1. News-Ticker zum Coronavirus RKI: Sieben-Tage-Inzidenz sinkt weiter

    Auf den Intensivstationen liegen wieder mehr Covid-19-Patienten, die Impfquote steigt nur noch langsam. Aktuelle Entwicklungen im Corona-Ticker.  mehr...

  2. Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen Lava im Wasser: Hier verdampft ein Swimming-Pool auf La Palma

    Je weiter die Menschen im Süden leben, desto häufiger haben sie einen Pool. So sieht es aus, wenn Lava hineinläuft.  mehr...

  3. Idar-Oberstein

    Nach Bluttat an Kassierer in Idar-Oberstein „Eigentlich kann man von einer Terror-Tat sprechen“

    Während die Menschen in Idar-Oberstein nicht fassen können, was da in ihrem Ort passiert ist, wird die Frage lauter: Konnte man so eine Tat kommen sehen?  mehr...

  4. Friedberg

    Autobahn lange gesperrt Polizei bestätigt: Geisterfahrer für tödlichen A5-Unfall verantwortlich

    Vier Autos sind auf der A5 bei Friedberg am Sonntagmorgen ineinander gerast. Dabei gab es Tote und Verletzte. Nun ist klar: Es war ein Geisterfahrer.  mehr...

  5. Stuttgart

    Coronaverordnung in Baden-Württemberg Diese neuen Corona-Regeln gelten jetzt

    In Baden-Württemberg treten jetzt strengere Corona-Maßnahmen in Kraft. Es gilt ein dreistufiges Warnsystem – mit Basisstufe, Warnstufe und Alarmstufe. Für Ungeimpfte gibt es mehr Einschränkungen.  mehr...

  6. 20. Jahrestag der Anschläge in den USA 9/11: Tränen in New York – Trump nutzt Gedenktag für Kritik an Biden

    In den USA wurde mit bewegenden Trauerfeiern an die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 erinnert. US-Präsident Biden rief sein Land zur Einheit auf. Ex-Präsident Bush äußerte sich ähnlich. Donald Trump nahm nicht an den Gedenkfeiern teil.  mehr...