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R-Wert, Inzidenz und Übersterblichkeit – das sind alles Begriffe, die in Politik und Medien wieder häufig verwendet werden. Wir geben Orientierung im Wörter-Dschungel.

R-Wert: Wie viele Menschen steckt ein Infizierter durchschnittlich an?

Die Reproduktionszahl, auch R-Wert genannt, gibt an, wie viele Menschen ein mit dem Coronavirus infizierter Mensch durchschnittlich ansteckt. Ein Beispiel: Liegt der R-Wert bei 3, dann steckt eine infizierte Person durchschnittlich drei weitere mit dem Coronavirus an. Deshalb gilt: Je mehr Infizierte es gibt, desto wichtiger ist es, dass der R-Wert besonders gering ist – also dass Infizierte möglichst wenige andere Menschen anstecken. Zum Beispiel, indem sie sich frühzeitig in Quarantäne begeben. Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt auf seiner Webseite:

Bei SARS-CoV-2 ist das Ziel, die Reproduktionszahl stabil bei unter 1 zu halten.

Robert-Koch-Institut

Denn: Dann sinkt die Anzahl der täglichen Neuinfektionen und die Pandemie ist besser in den Griff zu bekommen.

Im Frühjahr war dieser Wert zentral, der Begriff fiel in den Medien sehr häufig. Jetzt – in der zweiten Corona-Welle – sorgt der R-Wert auch für Verwirrung. Denn: Trotz steigender Infektionszahlen in Deutschland blieb er einige Tage unter dem Wert 1. Wie ist das möglich?

Das RKI korrigierte den Wert später nach oben. Der Grund: Neue Fallmeldungen. Der R-Wert sei nur eine Schätzung „unter Berücksichtigung des Diagnose-, Melde- und Übermittlungsverzugs“, so das RKI. Und genau bei diesem Meldeweg habe es eine Verzögerung gegeben – vermutlich durch eine Überlastung des Gesundheitssystems.

Update: Das @rki_de hat inzwischen meine Vermutung bestätigt, dass die deutliche Unterschätzung in der letzten Zeit daran lieg, dass sich die Verzögerung zwischen Erkrankung und Meldung einer Infektion zuletzt verlängert hat. [1/2]

Inzidenzwert: Wie viele Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gibt es?

Der Inzidenzwert ist während der Corona-Pandemie unter anderem wichtig, um einen Überblick darüber zu haben, welche Regionen oder Länder aktuell besonders stark vom Virus betroffen sind. In diesem Zusammenhang fällt häufig die 7-Tage-Inzidenz. Sie beschreibt, wie viele Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner es in einem bestimmten Landkreis, Bundesland oder einem Land in den letzten sieben Tagen gegeben hat. Hier kommt dem Inzidenzwert eine entscheidende Rolle zu: Übersteigt er die Zahl 50, kommt es im jeweiligen Gebiet in Deutschland in den meisten Fällen zu schärferen Corona-Maßnahmen. Der 7-Tage-Inzidenzwert findet sich auch im täglichen Situationsbericht des RKI.

Der Wert 50 wurde im Frühjahr festgelegt – auch um eine Überforderung der Gesundheitsämter bei der Erfassung und Nachverfolgung der Neuinfektionen zu verhindern. Er gilt in fast allen Bundesländern – in Bayern gibt es zusätzlich den Frühwarnwert 35.

Triage: Entscheiden, wer im Ernstfall behandelt wird

Dieses Wort kennen wir bereits aus dem Frühjahr – weniger aus Deutschland, sondern auch aus Frankreich und Italien. Damals stießen die Krankenhäuser dort an ihre Kapazitätsgrenze. Deshalb wurde die sogenannte Triage angewendet. Das Wort kommt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „Auswahl“. Damit ist das Wesentliche auch schon erklärt: Die Triage beschreibt ein Verfahren aus der Notfallmedizin, das es bereits vor Corona gab. Danach werden Patienten nach dem Grad ihrer Erkankungen oder Verletzungen sortiert. Im Fall von Corona kann das heißen: Zuerst behandelt wird, wer die größten Überlebenschancen hat.

Kann das so auch in Deutschland passieren? Ja – wenn es in den nächsten Monaten zu dramatischen Engpässen auf den Intensivstationen kommen sollte. Dagegen hat jetzt die Richterin Nancy Poser aus Rheinland-Pfalz vor dem Bundesverfassungsgericht Beschwerde eingereicht. Sie sitzt wegen einer angeborenen Muskelerkrankung im Rollstuhl. Poser fürchtet im Gespräch mit tagesschau.de:

Wenn ein gesunder, junger Familienvater eingeliefert wird, der an die Beatmung muss, dann werde ich von der Maschine abgehängt und bin tot. (...) Wir werden als Erste aussortiert.

Frank Bräutigam von der ARD-Rechtsredaktion glaubt, dass es zumindest nicht ganz einfach wird, Erfolg zu haben:

Wenn jemand in Karlsruhe mehr Schutz für eine bestimmte Gruppe von Menschen einklagen will, hat das Gericht in anderen Fällen schon häufig gesagt: Da ist erstmal die Politik am Zug. Und die hat viel Spielraum, wie sie den Schutz der Gruppe genau ausgestaltet. Was das für diesen konkreten Fall in einer Pandemie genau bedeutet, ist aber offen.

Frank Bräutigam, ARD-Rechtsredaktion

Sterberate und Übersterblichkeit: Wie tödlich ist Covid-19?

Die Sterberate beschreibt die Anzahl der Todesfälle bezogen auf die Gesamtzahl einer Population in einem bestimmten Zeitraum. Also: Der Prozentsatz der Gesamtbevölkerung, der in einem bestimmten Zeitraum gestorben ist. Der Begriff Übersterblichkeit wird verwendet, wenn deutlich mehr Menschen als üblichen in einem bestimmten Zeitraum sterben.

Sterben im Corona-Jahr 2020 mehr Menschen in Deutschland? Das Statistische Bundesamt veröffentlicht dazu seit einiger Zeit Daten. Die Nachrichtenagentur dpa meldete vergangene Woche: Es gebe in Deutschland durch die Corona-Pandemie noch keine Übersterblichkeit. Die Zahlen würden im Rahmen der üblichen Schwankungen liegen. Zwischen 1. und 18. Oktober 2020 sind nach vorläufigen Ergebnissen mindestens 44.179 Menschen gestorben. Die Zahlen lägen „knapp über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019“, teilte das Statistische Bundesamt mit – genauer gesagt um 0,7 Prozent.

Das Netzwerk zur Beobachtung von Sterblichkeitsentwicklungen in Europa meldete laut dpa zum Beispiel für die Kalenderwoche 42 (14. bis 20. Oktober) eine geringe Übersterblichkeit für England, Frankreich, Italien, Portugal und Slowenien und eine mäßige Übersterblichkeit für die Niederlande und Spanien. In anderen europäischen Ländern wurde keine Übersterblichkeit festgestellt.

„Beschleunigtes Verfahren“ für einen Impfstoff – wie sicher ist das?

Seit Beginn der Pandemie wartet die Welt auf einen Impfstoff. Die Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna meldeten Erfolge bei der Entwicklung.

Die Unternehmen wollen in den USA eine Notfallzulassung beantragen. Damit könnten die Impfstoffe eingesetzt werden, obwohl längere Studien zur Wirkung und Sicherheit noch fehlen. In Europa gibt es keine Notfallzulassung, sondern ein „beschleunigtes Verfahren“. Anja Braun von der SWR-Wissenschaftsredaktion erklärt: „Das beschleunigte Verfahren läuft so ab, dass die europäische Arzneimittelbehörde die neuen Daten und Ergebnisse immer direkt vom Impfstoffentwickler bekommt und sie schon prüfen kann, bevor der Antrag auf Zulassung gestellt wird.“ Virologe Hartmut Hengel von der Universität Freiburg hält das für angemessen:

Natürlich darf nicht die Qualität der kritischen Prüfung darunter leiden, aber ich denke, das wird nicht der Fall sein. Wenn die Daten ein Problem anzeigen, dann wird man handeln und die Zulassung tatsächlich wieder zurückziehen. Wenn solche Probleme nicht nachweisbar sind, dann wird der Impfstoff die Zulassung behalten und er wird hoffentlich viel Gutes bewirken. 

Hartmut Hengel, Virologe an der Uni Freiburg
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