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Fleischbetriebe in Deutschland entwickeln sich zunehmend zu Corona-Brennpunkten. Warum ist das so? Kann ich mich auch über das Fleisch in meinem Kühlschrank infizieren?

Zwei Monate – drei Fälle: Warum sind Fleischbetriebe in Deutschland Corona-Hotspots? Warum fühlt sich das Virus in Zerlegehallen so wohl? Virologe Friedemann Weber von der Justus-Liebig-Universität in Gießen hat eine Antwort. Gegenüber dem WDR sagte er:

Die Luft ist runtergekühlt, die Leute arbeiten unter Stress und nah beieinander, man schreit sich auch mal an.

Also: Abstandsregeln sind nicht möglich und durch das Schreien gelangen Atemtröpfchen in die Luft.

Der Preisdruck in der Fleischindustrie ist zudem groß. Entsprechend schlecht sind oft die Arbeitsbedingungen. Viele osteuropäische Arbeitskräfte arbeiten unter ungünstigen Bedingungen für wenig Geld. Außerdem sind sie oft in Massenunterkünften untergebracht – das begünstigt die Ausbreitung des Coronavirus zusätzlich.

Die kühle Temperatur in diesen Hallen ist offenbar ideal für die Coronaviren. Untersuchungen haben gezeigt: Bei niedrigen Temperaturen überleben sie länger, als bei höheren Temperaturen. Das würde auch die Annahme von Virologen bestätigen, die eine zweite Welle befürchten, wenn es draußen wieder kälter wird.

35 Fälle in Wiesenhof-Putenschlachterei in Niedersachsen

In einer Putenschlachterei des Wiesenhof-Konzerns in Niedersachsen werden mindestens 35 Corona-Fälle gemeldet. Bis Mittwochnachmittag wurden nach Angaben der Wiesenhof-Mutter PHW 341 Menschen in dem Betrieb in Wildeshausen getestet. Es werden Massentest durchgeführt – bis Freitagnachmittag sollen nach Angaben der Behörden alle Mitarbeiter auf das Coronavirus getestet werden. Infizierte und Kontaktpersonen seien ermittelt worden und befinden sich in Quarantäne.

Über 1.500 Infektionen bei Tönnies in Nordrhein-Westfalen

Mehr als 1.500 Mitarbeiter eines Tönnies-Schlachtbetriebs in Nordrhein-Westfalen sind positiv auf das Coronavirus getestet worden. Der zuständige Kreis Gütersloh stellt die 7.000 Beschäftigten und das Management per Verordnung unter Quarantäne. Die Landesregierung verhängt für die Kreise Gütersloh und Warendorf massive Einschränkungen.

Hunderte Fälle bei Westfleisch in Nordrhein-Westfalen

Im Kreis Coesfeld in Nordrhein-Westfalen sind im Mai die Corona-Infektionszahlen gestiegen. Die Zahl der Neuinfektionen liegt dort deutlich über dem vom Bund festgelegten Grenzwert. Der Grund: Ein Ausbruch des Virus in einem Fleischbetrieb der Firma Westfleisch – in einer der größten Fleischfabriken Deutschlands.

Können Coronaviren über Fleisch übertragen werden?

Kann ich mich über Waren aus solchen Fleischfabriken mit dem Coronavirus infizieren? „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering“, sagt Alice Thiel-Sonnen aus der SWR-Ernährungsredaktion. Denn: Coronaviren halten sich nicht sehr lange in der Umwelt, auch nicht auf Lebensmitteln. „Bevor das Schnitzel auf dem Teller landet, hat es ja einen sehr langen Weg hinter sich: vom Schlachthof über die Fleischverarbeitung bis zum Supermarkt oder dem Metzger.“

Sollte Fleisch höher erhitzt werden?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfehle derzeit generell, Fleisch zu erhitzen oder gut durchzugaren, so Thiel-Sonnen. Das sei immer eine Frage der Hygiene. Coronaviren seien auf totem Fleisch nicht vermehrungsfähig.

Wie geht es jetzt mit den Schlachtbetrieben weiter?

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) forderte bereits im Mai von den Schlachthofbetreibern ein schlüssiges Corona-Hygienekonzept. Dabei gehe es nicht nur um den Betrieb, sondern auch um die Wohnsituation der Arbeiter und um den Transport von der Wohnung zum Schlachthof.

Der Verband der Deutschen Fleischwirtschaft hat die Vorwürfe damals zurückgewiesen. Die Schlachthöfe hätten nicht – wie etwa die Autoindustrie – die Produktion stoppen können. Wenn die meist aus Osteuropa stammenden Mitarbeiter einzeln untergebracht würden, seien viele Betriebe nicht mehr wettbewerbsfähig, sagte Verbandschefin Heike Harstick der Süddeutschen Zeitung.

Laumann will nach den jüngsten Entwicklungen untersuchen, ob Zerlegehallen tatsächlich einen so großen Infektionsherd darstellen.

Rheinland-Pfalz will Massen-Tests in Fleischbetrieben

In Rheinland-Pfalz soll es jetzt umfangreiche Corona-Tests in der Fleischbranche geben. Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) sagte im Landtag, ab der kommenden Woche werde es Reihentestungen in sechs Schlacht- und fleischverarbeitenden Betrieben mit Sammelunterkünften geben.

Bei den Testungen werden nicht unterschieden zwischen reinen Schlacht-, Zerlege- oder fleischverarbeitenden Betrieben. Neben zwei großen Betrieben mit mehreren hundert Beschäftigten gebe es in Rheinland-Pfalz vier weitere Betriebe der Fleischbranche mit 20 bis 100 Mitarbeitern - auch mit Gemeinschaftsunterkünften. Auch diese Betriebe würden „durchgetestet“, sagte Bätzing-Lichtenthäler. Man sei hier schon in Kontakt mit den Gesundheitsämtern und den Landräten, so dass die Testungen nächste Woche für alle Mitarbeiter beginnen würden.

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