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INTERVIEW

Vor fast einem Jahr war die Corona-Pandemie, die uns heute immer noch so fest im Griff hat, irgendein Virus aus China. Weit weg von unserer Lebenswirklichkeit. Eine Ärztin aus München entdeckte damals den ersten offiziellen Fall in Deutschland.

Januar 2020. Ein Mann will sich am Tropeninstitut des Klinikums der Ludwig-Maximilian-Universität in München auf das Coronavirus testen lassen. Der Mitarbeiter eines bayerischen Automobilzulieferers hatte bei einer Schulung Kontakt mit einer Frau aus China – dort tobte zu diesem Zeitpunkt bereits die Pandemie. Die Frau selbst hatte während der Schulung keine Symptome, wurde aber zurück in China positiv auf das Coronavirus getestet.

Auch der deutsche Mitarbeiter wurde damals von Dr. Camilla Rothe positiv getestet – und war damit der erste bestätigte Fall in Deutschland. Und: Dr. Rothe und ihr Team dokumentierten als eine der ersten die asymptomatische Covid-19-Infektion. Das heißt: Sie zeigten, dass auch Personen ohne Symptome das Virus in sich tragen und hochgradig ansteckend sein können. Für diese Entdeckung wurde Rothe aber damals nicht direkt gefeiert – im Gegenteil. Sie erfuhr zunächst Ablehnung aus Politik und Wissenschaft. Wenige Monate später wurden ihre Erkenntnisse anerkannt. SWR3 hat ein Jahr nach ihrer Entdeckung mit der Ärztin gesprochen.

Hat Sie diese Ablehnung damals beschäftigt?

„Ja, das hat mich schon beschäftigt. Aber weniger als 'gekränktes Individuum', sondern eher als jemand, der normalerweise auch glauben muss, was zum Beispiel von Gesundheitsbehörden berichtet, zusammengefasst und angeordnet wird. Und das hat mir zu denken gegeben: Normal bin ich diejenige, die auch die Informationen glauben muss, die auch nicht immer die Originalarbeiten lesen kann. Und das hat mich, sagen wir mal 'verwundert', warum das so schwer zu vermitteln war.“

Was hat dazu geführt, dass Ihre Entdeckungen doch Gehör fanden?

„Wir sind im Juni von der New York Times kontaktiert worden. Von einem sehr renommierten Journalisten, der uns dann interviewt hat und die ganze Geschichte sehr schön in einem Artikel aufgearbeitet hat. Und dann schwang das Pendel für uns sozusagen um. Dann kamen eben die ganzen Mails und Anrufe mit den Fragen: 'Warum hat euch keiner gehört? Warum hat euch keiner geglaubt?' Das war dann fast die gegenseitige Überraschung. Es waren also in dem Fall die Medien, die das ans Licht gebracht haben und nicht die Fachpresse.“

Wie war es denn damals für Sie, als der Test des Mannes positiv ausfiel?

„Ich war zugegebenermaßen extrem überrascht. Man muss sich vorstellen: Das war für uns ein normaler Januar in der Infektionsambulanz. Da kommt jeder zweite Patient mit einer Erkältungssypmtomatik durch die Tür – viel Influenza [Anm. d. Red.: Grippe] natürlich, viele Erkältungsviren, die wir unter normalen Umständen gar nicht weiter diagnostizieren, weil es auch keine Konsequenz hat. Und ich hätte eher gewettet, dass er eine ganz normale Erkältung hat.“

Das Time Magazine nannte sie eine der 100 einflussreichsten Personen im Jahr 2020. Wie ist das für Sie?

„Das war natürlich eine riesige Überraschung, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet und natürlich auch toll. Wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin, dann finde ich es vielleicht ein bisschen übertrieben. Denn ich habe nichts anderes gemacht, als beobachtet und berichtet, was ich gesehen habe. Und das war alles – es war jetzt keine großartige Forschung.“

Warum so bescheiden?

„Das ist eine gute Frage, ich weiß es nicht. (lacht) Vielleicht ist es meine Primärpersönlichkeit. Ich denke mal, wir Tropenmediziner haben in der Welt schon viel gesehen. Wir haben auch extreme Dinge gesehen, wir haben vielleicht auch Erfahrungen gemacht, die andere nicht machen. Ich für meinen Teil habe zum Beispiel vier Jahre in Afrika gelebt. Ich habe dort sehr viel extreme Armut gesehen, sehr viele Menschen, die aus ganz unnötigen Gründen sterben. Vielleicht ist mir von da her sowas wie Eitelkeit oder Narzissmus persönlich relativ fremd.“

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Werden wir das Coronavirus je wieder los?

„Tja, da streiten sich aktuell die Experten. Ich denke, das wird wahrscheinlich das nächste Jahr entscheiden. Momentan sehen wir ja viele Mutanten in allen Teilen der Welt aufkommen. Es ist aktuell noch nicht zu beantworten, ob wir mit unseren aktuell in der Entwicklung befindlichen Impfstoffen auf Dauer hinterherkommen werden. Ich denke es ist möglich, dass das Virus in dieser oder vielleicht anderer, etwas schwächerer Form weiter mit uns sein wird.“

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