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Die Delta-Variante breitet sich auch in Deutschland rasant aus. Die hochansteckende Mutation des Coronavirus sorgt für Bedenken, ob nicht auch eine vierte Welle kommen wird.

Können wir den Sommer über durchatmen oder müssen wir uns jetzt schon Sorgen über den kommenden Herbst machen? Die Delta-Variante des Coronavirus sorgt in Deutschland bei vielen für ein ungutes Gefühl. Virologe Mirko Trilling von der Uniklinik Essen meint im SWR3-Interview dazu: „Wir haben es selbst in der Hand.“ Solange die 7-Tage-Inzidenz weiter sinkt, müsse man sich noch keine Sorgen über eine vierte Welle machen.

Delta-Variante – Corona-Mutation breitet sich aus

Neben Großbritannien breitet sich die Delta-Variante auch in Frankreich und hier in Deutschland weiter aus – Lissabon wurde erst vor Kurzem wegen der neuen Corona-Variante für wenige Tage komplett abgeriegelt.

Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als besorgniserregend eingestufte Coronavirus-Variante Delta wurde zum ersten Mal im Oktober 2020 in Indien entdeckt. Das bedeutet nicht, dass die Mutation ihren Ursprung auch in Indien hat, sondern nur, dass sie dort zum ersten Mal nachgewiesen worden ist. Ihr Ursprung ist unklar.

Die WHO hat sich für eine neue Bezeichnung der Corona-Varianten entschieden: Neben der Pangolin-Bezeichnungen, das sind die mit den vielen Zahlen (zum Beispiel B 1.7.7), wird das griechische Alphabet für die Bezeichnungen der Corona-Varianten verwendet. Zum einen, um die Corona-Varianten leichter in der Sprache verwenden zu können und zum anderen, um die Stigmatisierung der einzelnen Ländern und deren Bevölkerung, in denen das Virus das erste Mal gefunden wurde, zu verhindern.

Die Wissenschaft unterteilt die Corona-Varianten unter anderem in „besorgniserregende Varianten – auch variants of concern (VOC) genannt und in „unter Beobachtung stehende Varianten“ – variants of interest (VOI). Seit Ende Mai 2021 zählt die Delta-Variante für die WHO zu den VOCs. Zusätzlich gelten noch folgende Corona-Varianten zu den Besorgniserregenden:

Besorgniserregende Varianten – variants of concern (VOC)
WHO-BezeichnungPangolin-BezeichnungErstmalig nachgewiesen
AlphaB.1.1.7Großbritannien im September 2020
BetaB.1.351Südafrika im Mai 2020
GammaP.1 oder B.1.128.1Brasilien im November 2020
DeltaB.1.617.2Indien im Oktober 2020

Quelle: 15. Bericht des RKIs zu Virusvarianten von SARS-CoV-2 in Deutschland

Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) stuft die in der Tabelle aufgelisteten Corona-Varianten als besorgniserregend ein. Für die unter Beobachtung stehenden Varianten zählt das RKI noch weitere Corona-Mutationen dazu, die im Vergleich zu anderen Ländern häufiger in Deutschland nachzuweisen sind.  

Corona-Mutation Delta in Europa auf dem Vormarsch

Viele Blicke sind aktuell auf Großbritannien gerichtet, um Prognosen für die Ausbreitung der Delta-Variante in Deutschland aufzustellen. Doch wieso eigentlich? Das britische Gesundheitssystem ist dem Deutschen ähnlich. Deshalb kann es sinnvoll sein, die Lage in Großbritannien zu beobachten, um gegebenenfalls Schlüsse für Deutschland daraus zu ziehen. Die Situation auf der Insel spitzt sich gerade immer weiter zu. Mittlerweile hat die Delta-Variante fast alle anderen Mutationen vollständig verdrängt und verursacht über 90 Prozent der Neuinfektionen. Die Folge: Geplante Lockerungsschritte wurden erstmal nach hinten verlegt. Statt der in Mitte Juni geplanten Öffnungsschritte wurde der Termin auf den 19. Juli verschoben. Auch das Fußball EM-Finalspiel steht auf der Kippe. Fußballfans sollten bei der Einreise nach England bedenken, dass das RKI das Vereinte Königreich als Virusvariantengebiet einstuft und somit eine Quarantänepflicht von 14 Tagen nach der Rückreise ansteht.

Um die Ausbreitung der Delta-Variante in Großbritannien auch richtig einschätzen zu können, muss man wissen, dass Großbritannien eines der besten Sequenzierungssysteme weltweit hat. Das heißt, die Unterteilung der positiven Corona-Testergebnisse in die einzelnen Varianten geht effizienter und in einem anderen Volumen als beispielsweise in Deutschland über die Bühne.

Wie gefährlich ist die Delta-Variante?

Die Delta-Variante ist deutlich ansteckender als die anderen Corona-Mutationen. Da sie sich dadurch leichter überträgt, muss man davon ausgehen, dass sie im Vergleich zu den anderen Corona-Varianten, wie beispielsweise der Alpha-Variante, für mehr Fälle sorgen würde. Genau dieses Szenario sehen wir gerade in Großbritannien und in den USA. Zudem hat eine Studie aus Schottland gezeigt, dass bei der Delta-Variante auch der Anteil der Menschen, die im Krankenhaus waren, höher ist. In dieser Studie hat man sich allerdings die Krankheitsverläufe nicht genauer untersucht. Das heißt: Allein durch diese Studie kann noch keine Aussage darüber getroffen werden, ob die Delta-Variante einen schwereren Krankheitsverlauf auslöst.

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Delta-Variante des Coronavirus in Deutschland

Die Delta-Variante breitet sich auch in Deutschland weiter aus – das zeigen die RKI-Berichte zu den Corona-Virusvarianten. Allerdings sei das jetzt kein Grund in Panik zu geraten. Denn, die 7-Tage-Inzidenz in Deutschland sinkt weiterhin stetig. Das bestätigt auch Virologe Mirko Trilling von der Uniklinik Essen:

Solange die 7-Tage-Inzidenzen in Deutschland weiter fallen und die absolute Anzahl der Infektionen mit der Delta-Variante nicht überhand nehmen, ist das aus meiner Sicht hauptsächlich eine anteilige Verschiebung der Variantenzusammensetzung. Das zeigt einfach, dass die Delta-Variante besser angepasst ist als andere SARS-CoV-2-Varianten. Solange alle zirkulierenden Varianten zusammen an sich nicht zu höheren Inzidenzen führen, dann ist das noch nicht so besorgniserregend wie die Situation in einigen Regionen im Vereinigten Königreich, wo die Inzidenzen durch die Delta-Variante leider wieder steigen.

Der 15. RKI-Bericht zu den Corona-Virusvarianten, der am 23.06.2021 veröffentlicht wurde zeigt, dass die absoluten Zahlen der Delta-Variante in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sinken. In der Kalenderwoche 23 lag die Anzahl der bestätigten Corona-Infektionen mit der Alpha-Variante bei 1.635. In der Kalenderwoche 24 nur noch bei 559. Die prozentuale Verteilung lag in der KW 23 bei 86 Prozent und in der KW 24 bei 80 Prozent.

In Rheinland-Pfalz gab es in der KW 23 247 Corona-Infektionen mit der Alpha-Variante und in der Woche drauf nur noch 78. Der prozentuale Anteil sinkt von 89 auf 76 Prozent. Vergleicht man nun die Werte mit dem Anteil der Delta-Variante wird klar, warum es so wichtig ist, auf die absoluten Zahlen zu achten: In Baden-Württemberg gab es in der KW 23 120 Fälle der Delta-Variante, in der KW 24 nur noch 88. Allerdings hat sich der prozentuale Anteil der Delta-Variante in der KW 24 von 6,3 auf 12,6 Prozent erhöht.

Genauso sieht es auch in Rheinland-Pfalz aus. In der KW 23 wurde die Delta-Variante in 19 Fällen bestätigt. In der KW 24 waren es genauso viele. Allerdings hat sich der prozentuale Anteil der Delta-Variante in Rheinland-Pfalz in der KW 24 von 6,9 auf 18,6 Prozent erhöht. Weil das jetzt ganz schön viele Zahlen waren, haben wir die Werte des RKIs in Bezug auf Rheinland-Pfalz nochmal in einer Tabelle zusammengefasst:

Vergleich relative und absolute Zahlen (am Beispiel RLP)
Alpha (relativ)Alpha (absolut)Delta (relativ)Delta (absolut)
KW 23: 86%KW 23: 247 FälleKW 23: 6,9%KW 23: 19 Fälle
KW 24: 76%KW 24: 78 FälleKW 24: 18,6%KW 24: 19 Fälle

Quelle: 15. Bericht des RKIs zu Virusvarianten von SARS-CoV-2 in Deutschland

Weil die Analyse für die Kalenderwoche 24 noch nicht ganz abgeschlossen ist, muss davon ausgegangen werden, dass die Zahlen aufgrund von Nachmeldungen noch angepasst werden.

Auch wenn die Experten die Geschehnisse in Großbritannien im Blick haben, gibt es doch einige Unterschiede in der Corona-Strategie, die im Kampf gegen die Delta-Variante im Vergleich zu Deutschland ein Nachteil sind: Großbritannien hatte von Anfang an eine andere Impfstrategie als wir sie in Deutschland haben. Dort war es zu Beginn das Ziel, möglichst vielen Menschen eine Erstimpfung anzubieten, um schwere Krankheitsverläufe zu minimieren. Untersuchungen zeigen, dass Erstgeimpfte gegen die Delta-Variante noch nicht ausreichend geschützt sind. Ein ausreichender Schutz zeigt sich erst 14 Tage nach der Zweitimpfung.

Erfreulich ist, dass in Deutschland die Corona-Impfungen endlich Fahrt aufgenommen haben. Pro Woche werden aktuell knapp fünf Millionen Menschen geimpft.

Erstimpfung gegen Corona bietet zu wenig Schutz vor Delta-Variante

Der starke Anstieg an Neuinfektionen in Großbritannien zeigt, dass die Erstimpfung nicht gut genug vor Coronafällen mit der Delta-Variante schützt. Zwar ist der Schutz gegen die Delta-Variante bei einer Doppelimpfung im Vergleich zur Alpha-Variante schlechter, dennoch reicht hier der Schutz aus, um schwere Krankheitsverläufe zu verhindern. Experten wie Professor Trilling vermuten, dass der Impfstoff von Johnson und Johnson aufgrund der Einmalimpfung im Vergleich zu den anderen Impfstoffen nicht den gleichen Schutz aufbauen kann: „Erste Studien aus England deuten darauf hin, dass die vollständige also zweifache Impfung mit dem Pfizer-Biontech- oder dem Astrazeneca-Oxford-Impfstoff Hospitalisierungen durch die Delta-Variante sehr wirksam – über 90% – verhindern. Die erste Impfdosis war jedoch noch nicht ausreichend, um einen guten Schutz vor Infektionen durch die Delta-Variante zu entwickeln. Nun basieren die Astrazeneca-Oxford- und Johnson-und-Johnson-Impfstoffe beide auf adenoviralen Vektoren – allerdings auf verschiedenen Adenovirustypen. Auch wenn ich dazu noch keine Studiendaten kenne, habe ich deshalb Sorge, dass die einfache Impfung – und das ist ja beim Johnson-und-Johnson-Impfstoff das vollständige Programm, nicht den optimalen Schutz gegen Infektionen mit der Delta-Variante vermitteln könnte. Auch dieser Impfstoff ist aber ganz sicher besser, als gar nicht geimpft zu sein. Wenn man sich die Zahlen anschaut, ist der J&J-Impfstoff derzeit in Deutschland am wenigsten verimpft worden.

Eine Aussage über die Unterschiede in der Wirksamkeit der anderen Impfstoffe der Unternehmen wie Biontech, Astrazeneca oder Moderna machen laut Aussagen von Professor Trilling wenig Sinn. Dafür gebe es noch keine aussagekräftigen Studien. Seiner Einschätzung nach ginge es bei den Vergleichen nur um wenige Prozentpunkte und wir sollten uns eher darauf fokussieren, dass möglichst schnell die ganze Bevölkerung die Zweitimpfung erhält:

Falls wir weiter vernünftig sind und uns über den Sommer weiter möglichst breit und vollständig impfen lassen, könnten wir die deutschlandweiten COVID-19-Wellen verhindern – insbesondere was schwere Infektionsverläufe angeht. Wenn man aber Regionen hat, in denen sich die Menschen leider nicht impfen und testen lassen und sich nicht an die Maßnahmen halten, dann wird es dort vermutlich lokale Ausbrüche geben. Meine Hoffnung ist, dass man diese dann auch wieder lokal mit Quarantänemaßnahmen und Ringimpfungen eindämmen kann.

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