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Tim Stobbe
Tim Stobbe (Foto: SWR3)

Ein vermeintlicher Demo-Ordner wird derzeit im Netz von vielen gefeiert: Bei einer „Querdenken“-Demo gegen die Corona-Einschränkungen in Hannover unterbricht er die kruden Vergleiche der Rednerin. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem vermeintlichen Ordner jedoch um einen eingeschleusten Provokateur.

Auf der Bühne: Jana aus Kassel, 22 Jahre alt. Sie vergleicht sich mit Sophie Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Scholl wurde 1943 beim Verteilen von Flugblättern von der Gestapo erwischt, gefangen genommen und hingerichtet.

Vermeintlicher Ordner unterbricht Rednerin

„Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde“, sagt die Rednerin. Sie sei 22 Jahre alt, so wie Scholl, als sie hingerichtet wurde (Anmerkung der Redaktion: Sophie Scholl war 21 Jahre alt.). „Ich kann und werde niemals aufhören, mich für Freiheit, Frieden, Liebe und Gerechtigkeit einzusetzen“, fährt die Rednerin fort – bis sie von dem Mann, der wie einer der Demo-Ordner auftritt, unterbrochen wird. Er geht zur Bühne und reicht ihr seine Warnweste mit den Worten:

Für so einen Schwachsinn mache ich keinen Ordner mehr.

Rednerin in #Hannover fühlt sich wie Sophie Scholl, da sie "seit Monaten aktiv im Widerstand" sei. Ordner wirft daraufhin das Handtuch: "Für so einen Schwachsinn mach ich doch keinen Ordner mehr. Das ist Verharmlosung vom Holocaust." Rednerin weint und wirft auch hin. #h2111 https://t.co/BU5AvvlHSD

Die Rednerin reagiert ungläubig, der Mann beharrt auf seinem Standpunkt: „Beim besten Willen, so ein Schwachsinn. Sophie Scholl – du bist doch hängen geblieben.“ Andere Ordner kommen hinzu und er erklärt sich: „Sie verharmlost den Holocaust.“ Wenige Momente später führen Polizisten den Mann weg von der Bühne. Rednerin Jana nimmt ihre Ansprache zunächst nicht wieder auf und verlässt die Bühne.

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtet am Sonntag jedoch, dass es sich bei dem Mann nicht tatsächlich um einen Ordner der Demonstration gehandelt hat – sondern um einen Mann, der der linken Szene zugerechnet wird. Demnach wäre es kein Ordner mit Sinneswandel gewesen.

Für die Aktion loben den Mann viele im Netz – und kritisieren allen voran die Rednerin.

Shoutout an den #Ehrenordner der #janaauskassel seine Weste vor die Füße geworfen hat. DAS ist Widerstand liebe Jana. Was für eine Show.

Wer sich heute mit Sophie Scholl o Anne Frank vergleicht,verhöhnt den Mut, den es brauchte,Haltung gegen Nazis zu zeigen. Das verharmlost den Holocaust und zeigt eine unerträgliche Geschichtsvergessenheit. Nichts verbindet Coronaproteste mit Widerstandskämpfer*Innen. Nichts!

#janaauskassel https://t.co/83UmVGqWrz

#janaauskassel beweist uns gnadenlos, wie wichtig und unerlässlich das Fach Geschichte im deutschen Bildungssystem ist. #sophiescholl

Respekt für den Ordner, der bei #JanaausKassel einfach gehandelt hat

Wenn Helden und Widerständler nicht auf, sondern vor der Bühne stehen. In der Haut der Geschichtslehrkraft von #janaauskassel wollte ich heute nicht stecken. Ach ja: Endlich sagt's mal einer! https://t.co/AOQWEbMvij

Elfjährige verglich sich in Karlsruhe mit Anne Frank

Es ist nicht das erste Mal, dass auf Transparenten, Plakaten oder Reden der „Querdenken“-Demos krude Vergleiche zu Widerstandskämpferinnen und -kämpfern und Opfern des Nazi-Regimes gezogen werden. Erst vor einigen Tagen hatte eine Elfjährige in Karlsruhe ihre Lage mit der des jüdischen Mädchens Anne Frank verglichen: Auf der Bühne schilderte sie, dass sie ihre Geburtstagsfeier während Corona mit ihren Freunden heimlich habe feiern müssen, weil sie sonst vielleicht von Nachbarn verpetzt worden wären. „Ich fühlte mich wie bei Anne Frank, wo sie mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden“, sagte das Mädchen. Die Äußerungen hatten große Empörung ausgelöst.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war die Rede davon, dass es sich tatsächlich um einen Ordner der Demo handelte. Nach späteren Medienberichten wurde der Artikel entsprechend berichtigt.

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